Ich lehne meinen Kopf an Sicilys Zimmertür und lausche. Ich kann Pasquale nicht noch einmal holen, denn ich weiß, dass er ihr in diesem Moment nicht helfen kann. Sicily hat schon beim letzten Mal geweint, als sie ihrem Bruder begegnet ist, aber heute hat er sie gebrochen. Die leisen Klaviertöne, welche aus ihrem Zimmer dringen, sind der einzige Grund, wieso ich noch nicht ihr Zimmer gestürmt habe.
Ich bin mir sicher, dass sie ihre Ruhe möchte und ich die letzte Person bin, welche sie momentan sehen möchte, aber ich fühle mich dennoch verpflichtet, dass sie sich nicht auf irgendeine Art wehtut. Normalerweise hätte ich das nie befürchtet, wenn es sich dabei um sie handelt. Aber ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie sie auseinandergefallen ist. Wie sie die Nerven verloren hat. Wie sie aus einem Kuss, der mich vor meinen Gedanken gerettet hat, in einen unendlich tiefen Abgrund gestürzt ist. Ich bringe dieses Bild nicht aus meinem Kopf. Vielleicht habe ich sie so schlimm bedrängt, dass sie meine Nähe später nicht mehr ertragen hat. Ich muss aufhören, sie einfach so zu küssen. Das heute war schon der zweite Kuss, den ich mir eigentlich nicht hätte stehlen dürfen, aber ich habe es dennoch getan. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, was ich mir ernsthaft übelnehme. Ich hätte ihr das nicht antun dürfen. Ich hätte ihr niemals zu nahetreten dürfen. Vor allem nicht, wenn ich doch gewusst habe, dass es ihr nicht gut geht.
Für einige Sekunden entsteht Stille im Raum und ich halte den Atem an, weil es mir Angst macht, dass ich nicht weiß, was sie tut. Dann beginnt sie erneut zu spielen, allerdings ertönt dieses Mal eine Melodie, welche mir vollkommen unbekannt ist. Ich habe noch nie so etwas Schönes gehört. Noch viel weniger etwas so Trauriges. Ich höre den ganzen Schmerz und die ganze Melancholie aus den Noten, welche ich gesehen habe, bevor sie wortlos eingestiegen ist und wortlos geweint hat. Tonlos. Sie könnte jetzt weinen und ich würde es nicht wissen. Es ist einfach so viel sicher, dass sie mich im Moment nicht in ihrer Nähe haben möchte. Sie erträgt meine Nähe im Moment nicht. Also versuche ich eben so, auf sie aufzupassen. Ich hätte ihr gerne wieder Pfannkuchen gemacht, aber ich denke nicht, dass sie diese gegessen hätte, wenn sie gerade etwas ganz anderes als Süßigkeiten braucht. Mein Herz zieht sich zusammen, weil ich mich frage, ob es ihr auch so schlecht ergangen wäre, wenn ich sie beim letzten Mal verteidigt hätte. Wenn sie sich dann nicht einsam gefühlt hätte, wäre die Situation in diesem Moment für sie vielleicht ganz anders ausgefallen. Aber das kann ich nicht beurteilen.
Mein Handy vibriert und ich nehme es hervor, nur um einige Nachrichten erblicken zu können. Sie stammen allesamt von Luciano und Braedin.
Luciano:
Tut mir leid, Mann. Das war echt übel von mir. Wollte ich wirklich nicht sagen.
Luciano:
Nacer?
Luciano:
Komm schon, es tut mir leid.
Luciano:
Kann ich anrufen? Dann können wir das klären.
Braedin:
Schrecklicher Mittag. Tut mir echt leid.
Braedin:
Stell bitte einfach keinen Blödsinn an und betrink dich nicht. Es hat schon so genug Schlagzeilen.
Bei der letzten Nachricht hat Braedin sogar einen Artikel verlinkt. Stirnrunzelnd klicke ich darauf, fluche sogleich aber leise, während ich die Schlagzeile lese. Mein Hals wird trocken und mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Das sind verdammt schlechte Nachrichten, vor allem für Sicily. Ich müsste ihr das eigentlich sagen, aber ich denke nicht, dass sie im Moment noch mehr verträgt als sowieso schon los ist. Wir hätten eigentlich damit rechnen müssen, dass es nicht gut kommt, wenn wir Golfen gehen und einen derartig dramatischen Abgang machen. Bei meiner Karriere habe ich sehr oft Ruhe, aber es gibt Momente – meist sind es die unpassendsten Momente überhaupt – wenn ich von einer Kamera eingefangen werde. Ich kämme durch das Netz, finde allerdings keine Bilder davon, wie Sicily zusammenbricht. Zum Glück nicht. Das wäre noch die Kirsche auf der Sahnetorte gewesen. Im negativen Sinne, natürlich.
Ich raufe mir die Haare, während mein Herz mit jeder Note, welche Sicily spielt, ein Stückchen weiter auseinandergerissen wird. Ich will einfach für sie da sein, obwohl ich dafür keinen Grund habe und weiß nicht, wie ich das anstellen soll. Wie ich für jemanden da sein kann, der meine Hilfe nicht annehmen kann oder möchte oder beides. Sie muss sich im Restaurant für mich eingesetzt haben, sonst hätte mir Luciano vermutlich niemals geschrieben. Ich schreibe fast nie mit anderen Menschen. Ich habe die nötige Zeit dafür nicht, außerdem ist es viel zu gefährlich, einfach alles aufzuschreiben und abzuschicken, was man denkt. Man weiß nie, wer die Nachrichten alles lesen kann, egal wie sicher die Verbindung auch zu sein scheint. Vorsicht ist besser als Nachsicht, deshalb lasse ich es lieber ganz bleiben. Lucianos Nachriten beantworte ich gar nicht und zu Braedin sage ich knapp, dass ich zuhause bin. Der Kerl hat auch schon so genügend Sorgen, da kann nicht auch noch ich zum Problem werden.
Irgendwann stehe ich auf, weil ich nun doch denke, dass Sicily etwas Essbares braucht. Sie hat vorher geweint und jetzt spielt sie sich die Seele aus dem Leib. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass man davon nicht hungrig wird und ich möchte nicht, dass sie nach ihrem Zusammenbruch in die Küche kommt und nichts zu essen hat.
Ich entscheide mich wieder für Pfannkuchen, mische diesmal allerdings auch noch winzige Birnenstücke in den Teig. Dadurch kann ich nicht mehr so dünne, einzelne Pfannkuchen machen, weshalb ich einfach einen großen mache. Das wird sie mir schon nicht übelnehmen. Ich schenke ihr ein Glas Wasser ein, dann schreibe ich ihr einen Zettel:
In der Küche hat es Birnen-Pfannkuchen und ein Glas Milch für dich. Ich bin in meinem Zimmer, also musst du keine Angst haben, mich zu sehen, wenn du herauskommst. Ich gebe dir deinen Freiraum, versprochen. Wenn aber irgendetwas ist oder du etwas brauchst: Klopf einfach an.
Ich widerstehe dem Drang zu unterzeichnen, weil es eigentlich ziemlich offensichtlich sein sollte, dass die Nachricht von mir stammt. Wie versprochen ziehe ich mich zurück, auch wenn es eine Menge Selbstbeherrschung braucht, in meinem Zimmer zu bleiben, als ich höre, wie sich ihre Zimmertür öffnet. Stattdessen mache ich mich bettfertig, weil der morgige Tag ebenfalls lang wird. Ich versuche zwar, so lange wie möglich meine Augen offen zu behalten, während ich auf dem Bett liege, aber irgendwann überrollt mich der Schlaf.
Als ich aufstehe, wartet eine Papierchen, welches unter dem Türspalt durchgeschoben wurde, auf mich. Ich erkenne Sicilys Handschrift, noch bevor ich das Wort darauf registriere.
Danke.
Zur Abwechslung mal ein netteres Kapitel 😊😊
Ich hoffe, dass es euch gefallen hat 💜
Bis zum nächsten Wochenende 🌼✨
[DOPPEL-UPDATE 2/2]
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Racing Hearts
RomanceNacer ist der Prinz der Rennbahn. Sicily ist die Prinzessin der Gourmetwelt. Eine gespielte Beziehung. Unkompliziert - zumindest bis Gefühle ins Spiel kommen und die beiden komplett aus der Bahn werfen. START: 30/05/22 ENDE: 17/03/23
