26 - Sicily

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Ich habe schon seit Ewigkeiten keinen derartig schönen Abend mehr gehabt. Telese hat dafür gesorgt, dass ich mich hübsch fühle, dass ich gut unterhalten bin und dass ich endlich realisiere, dass meine ganze Arbeit nicht unnötig gewesen ist, sondern mir tatsächlich etwas gebracht hat. Dass es sich gelohnt hat zu arbeiten und zu weinen und vielleicht sogar zu riskieren, dass nicht alle diese Entscheidung mögen. Weil es nämlich eine verdammt gute Entscheidung gewesen ist.

Ich liege mit einem Lächeln in meinem Bett und öffne Instagram, um nachzusehen, ob es irgendetwas Neues gibt. Die meisten Menschen lesen dafür Nachrichten, ich habe die Nachrichtensender da einfach abonniert. Ich ignoriere aber jeden Artikel, welcher möglicherweise von mir und Nacer starrt, auch wenn es mir schwerfällt, nicht auf die Bilder von uns zu starren, die gepostet wurden. Es ist verrückt, was für Freiheiten sich andere Menschen mit Bildern nehmen, welche ihnen nicht einmal gehören. Aber darauf kann ich gar nicht achten, stattdessen gehe ich zu meinen Benachrichtigungen.

@nacerveenstra08 gefällt dein Foto.

Mein Herz überschlägt sich, während ich sofort auf das Foto drücke, welcher er geliked hat und ich muss beinahe Lachen, als ich sehe, wie alt dieses Bild ist. Ich habe schon längst vergessen, dass es existiert. Es stammt noch aus Zeiten, in welchen ich eine vollkommen andere Person gewesen bin. Ein Lächeln zerrt an meinen Lippen, während ich mir überlege, ob ich Nacer etwas darauf sagen sollte. Schlussendlich sind meine Finger aber schneller als mein Kopf und ich schicke ihm einfach irgendetwas, ohne vorher genau zu überlegen, ob mir das auch wirklich passt.

Sicily:

In der Zeit zurückgegangen?

Nacer:

Keine Ahnung, wovon zu sprichst

Ich kichere, schlage mir dann aber direkt die Hand vor den Mund. Ich werde definitiv nie wieder kichern, wenn ich eine Nachricht von ihm erhalte. So wichtig sind diese mir nämlich nicht. Ich bin eine erwachsene Person und ich das zwischen uns ist nichts Kichernswertes.

Sicily:

Das Foto?

Sicily:

Von vor fünf Jahren ungefähr. Mein damaliges Ich scheint dir zu gefallen.

Drei Punkte erscheinen, dann verschwinden sie wieder. Ich kaue auf meinen Lippen, während ich mir überlege, was er nun wohl antworten wird. Dann verdamme ich mich dafür, dass ich mir überhaupt Gedanken darüber mache. Ich bemühe mich, schnell eine Nachricht zu tippen, bevor Nacer mir zuvorkommen kann.

Sicily:

Jedenfalls gehe ich Schlafen. Gute N8.

Nacer liket die Nachricht und damit ist der Salat gegessen. Die drei Punkte erscheinen nicht wieder. Er antwortet mir nicht einmal mehr mit einem ‚Gleichfalls' oder etwas Ähnlichem. Stattdessen geht er offline und ich bereue es, ihm so schnell eine Antwort abgeschnitten zu haben. Ich klinge nämlich so, als hätte ich mit ihm geflirtet. Ich bringe uns beide – vor allem aber mich – in eine gefährliche Situation, wenn ich so mit dem Feuer zu spielen beginne.

Nacer weigert sich zu lieben und ich weigere mich, mich in ihn zu verlieben. Das wäre ein unkontrollierbares, katastrophales Übel, welches ich nicht mehr retten könnte. Mein Herz wäre für die Mülltonne, genau wie auch unsere Abmachung. Und ebendiese brauche ich, um mein Restaurant an die Spitze zu treiben.

Um meine Gedanken zu vertreiben, browse ich durch seine eigenen Instagram-Posts. Was bei Sportlern auffällig ist, ist, dass sie nie dafür verurteilt werden, dass sie schwitzen. Was auch Sinn macht, wenn man bedenkt, was für Anstrengungen sie unterliegen. Ich bleibe bei einem Foto hängen, auf welchem er sich den Schweiß mit dem Saum seines Oberteils wegstreicht. Seine Muskeln glänzen im Sonnenlicht goldig und ich beiße mir auf die Lippen, während ich mich frage, wie sich diese Muskeln wohl unter meinen Fingern angefühlt hätten. Wie samt und seidig sich seine Haut immer anfühlen muss. Wie sich meine Haut unter seinen Fingern anfühlen würde. Oder noch viel eher unter seinen Küssen.

Meine Atmung geht unkontrollierter, während ich mein Handy zur Seite lege, um das Bild aus meinem Gedächtnis zu verbannen. Ich darf nicht derartig Gedanken hegen. Nicht, wenn es dabei um Nacer geht. Ich presse meine Oberschenkel zusammen, weil ich plötzlich ein unerträgliches Kribbeln in meiner Magengegend verspüre. Ich wünschte, dass er hier wäre. Er könnte sich darum kümmern. Bei diesem Gedanken wölbt sich mein Rücken, während ich merke, was für eine schlechte Idee das wäre. Nacers Finger in mir...oh Gott. Ich stoß einen lusterfüllten Laut aus, während sich das Kribbeln in mir in einen Stromschlag zu verwandeln scheint. Er ist nicht da. Er kann und darf auf diese Weise auch nie für mich da sein. Das wäre ein Desaster. Eine verdammte Katastrophe.

Und trotzdem kann ich nicht anders als mir vorzustellen, dass es seine Finger wären, welche in mich dringen, als ich dem Drang nicht mehr widerstehen kann. Ich kann nicht anders als mir zu wünschen, dass Nacer hier wäre und die Lust in mir fortküssen würde, während er dafür sorgen würde, dass wir beide bekommen, was wir brauchen. Es geht gar nicht mehr darum, es in erster Linie zu wollen. Es geht darum, dass ich ihn brauche. Mein Atem geht nur noch stockend, selbst als ich den Höhepunkt erreiche und erleichtert wieder in das Bettlaken sinke. Morgen werde ich es wechseln müssen. Ich muss mir die Erinnerung an diesen Moment und vor allem an Nacers Geist aus den Gedanken schaffen.

Es wäre besser gewesen, wenn es gar nicht so weit gekommen wäre. Denn dann würden mir jetzt nicht die Augen zufallen, während ich an nichts anderes als seine Phantomberührung denken kann. Küsse auf meiner Haut, zu welchen es niemals gekommen ist. Berührungen, die ich mir nur erträumen kann. Dinge, die mir nicht zustehen, aber meine Gedanken eingenommen haben wie ein Gebiet, welches mir schon länger nicht mehr zusteht. Ich seufze entnervt und werfe meine Bettdecke von mir. In diesem Zustand ist an Schlaf nicht mehr zu denken. Ich schäle das Bett wie eine Kartoffel und binde mir dann die Haare zusammen. Selbst nachdem ich geduscht habe, kann ich Nacer nicht aus meinen Gedanken verbannen. Wenn ich das nicht schaffe, werde ich von ihm träumen und das kann ich mir keineswegs erlauben.

Also setze ich mich an meinen Flügel und beginne, meine Seele aus mir zu spielen, bis ich komplett leer bin. Natürlich lasse ich mir die Chance nicht entgehen, das alles aufzunehmen. Als ich fertig bin, atme ich wieder schwer, diesmal allerdings aus anderen Gründen. Es fühlt sich an, als hätte ich einen Berg bestiegen und wäre nun nach Ewigkeiten endlich oben angekommen. Zufrieden mit diesem Gedanken nehme ich mir mein Handy zur Hand und schicke Nacer diese Melodie.

Sicily:

Bin doch noch nicht ins Bett gegangen. Jetzt aber.

Wenn ich leiden musste, ist er jetzt der nächste. Er hat absolut kein Recht dazu gehabt, sich in meine Gedanken einzuschleichen und hat es dennoch getan. Also hat er die Melodie dafür verdient. Auch wenn er sich wahrscheinlich nicht sonderlich über eine halbstündige Audiodatei freuen wird oder sie geschweige denn anhört. Zufrieden mit mir selbst schalte ich das Handy aus und gehe endlich schlafen.

Wie wird Nacer darauf wohl reagieren 😂?

Hat euch das Kapitel gefallen?

Ich wünsche euch ein schönes Wochenende, wir lesen uns bald wieder 🥰

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