~14~

256 10 0
                                        

Ich konnte den Blick nicht von ihm abwenden. Er stand neben mir vor dem Spiegel in der Toilette und richtete sein Hemd, sowie seine Haare. Gleich war es soweit. Es ging nur noch wenige Minuten, bis wir die Türen für das Filmfestival öffnen würden. Nachdem wir eine Lektion früher den Unterricht verlassen durften, hatten wir alles aufgestellt und vorbereitet und jetzt ging es nur noch darum, unsere Gäste zu empfangen.

«Okay», sagte er, nachdem er mit seinem Aussehen endlich zufrieden war. «Lass uns gehen.» Ich nickte nur und folgte ihm nach draussen. Er hatte schon den ganzen Tag lang schlechte Laune, was ich ja verstehen konnte, aber irgendwie... Ich konnte den Gedanken nicht ausstehen, dass er wegen jemand anderem so mies drauf war.

Wir liefen zum Eingang der Turnhalle und stellten uns mit den anderen in einer Reihe auf. Ich platzierte mich sofort neben ihm. Es dauerte keine Minute, bis auch schon die ersten erschienen. Sie zeigten Mina und Sero ihre Tickets, die sie in der letzten Woche hatten kaufen können, gingen in die Halle und nahmen Platz.

Ich wagte einen Blick zu Kirishima. Er musterte aufmerksam die Schüler, ein falsches Lachen auf den Lippen. Ich seufzte. Das konnte so nicht weitergehen. Vorsichtig zog ich am Ärmel seines Hemdes und lehnte mich ein wenig näher zu ihm. «Wollen wir etwas essen gehen, wenn wir hier fertig sind?», flüsterte ich.

Er zuckte mit den Schultern und schenkte mir ein kleines Lächeln. Mein Herz setzte einen Schlag aus. «Wenn dann noch etwas offen ist, warum nicht.» Ich wäre ihm am liebsten in die Arme gefallen dafür, dass er nicht abgesagt hatte, aber ich hielt mich zurück. «Gut», sagte ich schliesslich. «Ich kenne da nämlich diesen einen Laden, der...» Ich verstummte, als ich bemerkte, dass er mir keine Aufmerksamkeit mehr schenkte. Und erstarrte, als ich sah, warum.

Da war Akira.

Er wartete in der Schlange um sein Ticket zu zeigen und lächelte über irgendetwas, was das Mädchen neben ihm gerade gesagt hatte.

Ich schluckte schwer. Das war das Mädchen, das er letztens geküsst hatte.

Es verging keine Sekunde, bis er seinen Blick hob und Kirishima entdeckte.

Sie hatten genau den gleichen Ausdruck in den Augen.

Überraschung, weil wahrscheinlich beide gedacht hatten, der jeweils andere würde das Festival ausfallen lassen.

Und Panik, da sie wohl nicht wussten, wie sie jetzt mit der Situation umgehen sollten.

Meine Kehle schnürte sich zusammen und ich zupfte wieder an Kirishimas Ärmel. Ich musste ihn ablenken. Sofort. «Kirishima? Ich–» Er entzog sich mir und starrte weiterhin seinen Ex an. Und da realisierte ich es.

Ich hatte gegen Akira verloren.

Schon wieder.

Und ich hatte das Gefühl, ich würde immer, in jeder Situation, gegen ihn verlieren.

Also zog ich mich wieder zurück.

Das Festival verlief wie geplant und war ein voller Erfolg. Wir konnten jeden Film pünktlich abspielen und hatten auch sonst keine Komplikationen. Wenn nur Akira nicht gewesen wäre... Sofort schob ich den Gedanken an ihn beiseite und stapelte die Stühle weiter aufeinander. Je schneller hier aufgeräumt war, desto schneller konnte ich mit Kirishima wieder alleine sein.

Ich hob den Blick, doch konnte ihn nirgends entdecken. «Wo ist Kirishima?», fragte ich an niemand bestimmtes und alle drei sahen gleichzeitig zu mir. Aber irgendetwas war komisch. Sero wandte sich sofort wieder dem Bodenputzen zu und ignorierte mich komplett. Mina und Denki tauschten unsichere Blicke aus.

«Er, ähm...» Mina sprach so leise, dass ich sie kaum verstand. «Er ist rausgegangen», sagte sie schliesslich, sah jedoch zögerlich auf ihre Schuhe anstatt in mein Gesicht. Ich gab ein genervtes Schnauben von mir und machte mich sofort auf den Weg zum Ausgang. Erst die Sache mit Akira und jetzt dieses komische Verhalten der anderen... Warum verunsicherten mich heute nur alle so?!

Als ich bei den Türen ankam, öffnete ich sie und... und bereute es sofort. Ich hatte ihn gefunden. Da stand Kirishima, nicht allzu weit entfernt. Das einzige Problem war nur, mit wem er dort stand.

Akira.

Meine Augen wanderten von den roten Haaren, seinen Armen entlang bis zu seinen Händen. Seine Hände, die die von Akira hielten. Es fühlte sich an, als ob mir jemand in die Magengrube schlug. Ich konnte nicht atmen, konnte mich nicht rühren. Alles, was ich tun konnte, war dazustehen und zuzusehen, wie sie einander irgendwelche Sachen zuflüsterten, die ich nicht verstehen konnte.

Mein Herz schlug so laut gegen meinen Brustkorb, dass ich ausser des Pochens nichts hören konnte. Verzweifelt blinzelte ich, in der Hoffnung, lediglich eine Wahnvorstellung vor mir zu sehen, nichts weiter. Aber das Bild verschwand nicht. Kirishima blieb weiterhin dort stehen. Mit Akira.

Die Tränen bahnten sich einen Weg in meine Augen, bevor ich sie hätte zurückhalten können. Er sollte zurücktreten. Zu mir kommen und mich beruhigen. Mir sagen, dass es nicht das sei, nach was es aussah. Ich ballte die Hände zu Fäusten. Das war nichts ausser Wunschdenken.

Ich musste etwas unternehmen, was die beiden voneinander trennen würde, und Kirishima anschreien, was zum Teufel er da machte. Ich holte tief Luft, doch bevor ich etwas sagen konnte...

küssten sie sich.

Akira lehnte sich vor und schloss die Augen. Und es war sofort um Kirishima geschehen.

Er küsste ihn genauso, wie er mich geküsst hatte.

Die eine Hand fand ihren Platz auf seiner Hüfte, die andere legte er ihm sanft an die Wange.

Nein, das war falsch ausgedrückt gewesen. Er küsste ihn nicht, wie er mich geküsst hatte. Sondern anders herum.

Er hatte mich so geküsst, wie er zuvor immer ihn geküsst hatte.

Ich schnappte nach Luft und griff mir ans Herz. Was zur Hölle sollte das? Ich musste hier weg. Sofort. Ohne darauf zu achten, die Tür leise zu schliessen, damit sie mich nicht bemerkten, drehte ich mich um und eilte in Richtung Toilette.

Schnell schloss ich die Tür hinter mir und lehnte mich dagegen. Das... Das hatte ich mir nur eingebildet, oder? Meine Knie gaben nach und ich sackte zu Boden. Er hatte mich doch gestern erst so sanft angesehen. Mich so zärtlich berührt. Mir so süsse Worte zugeflüstert. Gestern. Vor weniger als 24 Stunden. Was zum Teufel fiel ihm nur ein?!

Ich konnte mein Schluchzen nicht kontrollieren und bekam kaum Luft. Mein Herz tat weh. Es tat so sehr weh. Verzweifelt versuchte ich, die Tränen wegzuwischen, aber es rollten immer wieder welche über meine Wangen, also gab ich es irgendwann auf. Ich hatte doch gewusst, auf was ich mich einliess. Dass ich nicht mehr als eine Ablenkung für ihn war. Ich legte den Kopf in den Nacken.

Vielleicht hatte ich gedacht, er würde ihn schneller vergessen.

Vielleicht hatte ich gedacht, er würde mehr in mir sehen.

Vielleicht, nur vielleicht, hatte ich gedacht, mit mir wäre er glücklicher.

****

Ich hatte keine Ahnung, wann ich das letzte Mal etwas gegessen hatte. Seit Tagen gammelte ich in meinem Zimmer herum, verliess es nur, um auf die Toilette zu gehen. Eigentlich hatte ich mich auf die Herbstferien gefreut. Zwei Wochen lang keine Schule hiess für mich zwei Wochen, in denen ich jede Minute mit Kirishima verbringen könnte. Aber etwas hatte ich bei diesem Gedanken nicht miteinbezogen: Akira.

Er hatte alles ruiniert. Es war alles seine Schuld. Wenn er nicht gewesen wäre, würde ich jetzt in Kirishimas Arme liegen. Er würde für mich etwas zu Essen kochen. Er würde morgens neben mir aufwachen. So wie es sein sollte.

Gott, ich hasste Kirishima. Dafür, dass er noch nicht über Akira hinweg war. Dafür, dass er ihn gewählt hatte und nicht mich. Dafür, dass ich für ihn so viel weniger bedeutete als er für mich. Ich hasste ihn dafür, dass er sich kaum meldete. Dass er mich hier mit all diesen erdrückenden Gedanken allein liess. Und ich hasste, dass ich mir mit jeder Minute mehr wünschte, dass er hier war. Denn sein Gesicht nicht zu sehen, das hasste ich am allermeisten. Ich... Ich vermisste ihn mehr als ich ihn hasste.

Ich vermisste ihn so, so sehr.

My First First Time || KiriBakuGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt