~24~

209 10 1
                                        

Als die Schule wieder anfing, war die einzige Möglichkeit, Zeit mit Kirishima zu verbringen, ihn nach den Clubtreffen im Clubraum zu besuchen. Als ich noch im Club war, war ich nur nicht ausgetreten, damit ich ihn so oft wie möglich sah, aber da wir uns nun sowieso in der Freizeit trafen, war ich nicht wieder beigetreten.

Meistens wartete ich immer um die 15 Minuten, bevor ich den Raum betrat, um mir sicher zu sein, dass die anderen weg waren. Dann sahen wir auf dem Fernseher irgendeinen Film oder redeten einfach so lange, bis wir nichts mehr zu besprechen hatten. Und jedes Mal fragte ich mich, wie ich zuvor ohne dem allem hatte leben können. Wie ich zuvor ohne Kirishima hatte leben können.

Ich hatte oft versucht, ihn zu überzeugen, dass wir uns doch wenigstens an einem Tag am Wochenende treffen könnten, doch er hatte mir immer stur geantwortet, dass er beide Tage brauchte, um sich so langsam auf die Abschlussprüfungen vorzubereiten. Was so gut wie immer ziemlich frustrierend war, aber gleichzeitig war sein Ehrgeiz auch unglaublich attraktiv.

Und so verging der Januar.

Und der Februar.

Und der März.

Und ich hatte das Gefühl, mit jedem weiterem Tag, den ich an seiner Seite verbrachte, wurde es besser.

Aber ich hätte es besser wissen sollen.

Es fing Ende Februar an. Er hatte mir zweimal nacheinander abgesagt, was hiess, dass ich ihn eine ganze Woche nicht sehen konnte. Da hatten seine Ausreden noch Sinn ergeben. Ich habe einen Arzttermin oder Ich habe eine Besprechung mit dem Schulleiter wegen des Clubs. Ich hatte mir nichts dabei gedacht.

Ein wenig misstrauisch wurde ich erst, als er anfing, mir kaum mehr zu schreiben. Versteht nicht falsch, er antwortete auf jede einzelne meiner Nachrichten. Aber von sich aus schrieb er mir kaum noch, obwohl ich sah, dass er gerade online war.

Spätestens Ende März konnte ich mir sicher sein, dass sich Kirishima immer mehr von mir distanzierte. Ich habe viele Hausaufgaben, ich kann nicht länger in der Schule bleiben, obwohl mir Sero, mit dem er in der gleichen Klasse war, zuvor geschrieben hatte, dass er seinen Abend ohne Hausaufgaben in vollen Zügen genoss. Ich will früh zuhause sein, ich kann seit langem wieder einmal mit meinem Vater zu Abend essen, obwohl er mir ein paar Tage vorher gesagt hatte, sein Vater hätte 8 Tage am Stück Abenddienst.

Ich versuchte, mir nicht zu viele Gedanken zu machen. Wahrscheinlich war er einfach nur gestresst, jetzt, da der Abschluss vor der Tür stand. Oder vielleicht war ich auch einfach nur zu anhänglich. Er wollte das mit mir. Ich atmete tief durch. Er wollte das mit mir.

Heute riskierte ich es nicht, zu warten, bevor ich in den Clubraum ging. Mina, Sero und Denki begrüssten mich, doch ich ignorierte sie und sie verstanden ziemlich schnell, dass ich mit Kirishima allein sein wollte. Dieser lächelte mich an, aber es schien nicht aufrichtig. Als die anderen den Raum verlassen hatten, verschloss ich die Tür und setzte mich neben ihn auf das Sofa.

Im Hintergrund lief der Abspann irgendeines spanischen Filmes und der Klang der Musik tanzte viel zu fröhlich durch den Raum, dafür, dass die Stimmung gerade so angespannt war. «Ist irgendetwas nicht in Ordnung?», fragte mein Gegenüber und ich hätte am liebsten angefangen zu weinen. Aber ich riss mich zusammen und zwang mich, ihn an zu sehen.

«Sollte nicht ich dir diese Frage stellen?» Kirishimas Augenbrauen zuckten verwirrt zusammen, bevor er den Kopf schüttelte. Ich seufzte. Er machte es mir wirklich schwierig. «Denkst du, ich merke nicht, wie du mir immer mehr aus dem Weg gehst?» Seine Augen wurden gross. «Du hast kaum mehr Zeit für mich, Kirishima.»

Es tat weh, dass ich ihn darauf ansprechen musste. Dass es ihm nicht aufgefallen war. Dass das jetzt so eine Überraschung für ihn war. Überfordert rutschte er näher zu mir und ergriff meine Hände. «Entschuldige, Bakugou. Das hab' ich nicht extra gemacht.» Ich schluckte und versuchte ruhig zu bleiben.

«Ich weiss, dass du mich anlügst», platzte es aus mir raus und Kirishimas Griff lockerte sich. «Ich weiss, dass du irgendwelche Ausreden erfindest, um mich nicht treffen zu müssen.» Seine Schultern sackten nach unten und er sah so entsetzt aus, wie ich mich gerade fühlte. Einen Moment lang sagte er nichts.

Er atmete tief durch, dann verschränkte er seine Finger mit meinen. «Bakugou, es tut mir leid. Ich habe gerade einfach so viel um die Ohren. Meine Noten sind nicht allzu gut, ich kann mir nicht zu viele Fehler bei den Abschlussprüfungen leisten.» Mir schnürte es die Kehle so stark zusammen, dass es wehtat. Schon wieder eine Ausrede.

«Und warum hast du mir das nicht einfach gesagt, anstatt mich anzulügen?» Meine Stimme war viel zu weich. Ich wollte wütend sein. Ich wollte ihn anschreien, ihm Vorwürfe machen. Aber ich wollte auch seiner Ausrede glauben. Denn wenn ich ihr glaubte, war das der Grund für seine Distanzierung, und nicht der Verlust seines Interesses an mir.

Kirishima strich mir liebevoll ein paar Strähnen aus der Stirn. «Es tut mir leid, Bakugou», wiederholte er. «Ich wollte dich nicht verletzen.» Er sah mich fragend an und nach ein paar Sekunden nickte ich. Seine Hand wanderte zu meiner Wange und er fuhr sanft mit dem Daumen darüber. Er wich meiner Frage aus...

Ich musste mich konzentrieren, um nicht zu weinen. «Weisst du...» Meine Fingernägel gruben sich so fest in meine Handfläche, dass es wehtat. «Es war so einfach, sich in dich zu verlieben. Aber es ist so verdammt schwer, dich zu lieben.» Mein Herz tat weh, mein Kopf tat weh, mein ganzer Körper tat weh. Ich wollte doch nur, dass das alles endlich aufhörte.

«Was zur Hölle willst du von mir Kirishima?» Meine Stimme wurde lauter, aber es war mir egal. «Ich war immer für dich da. Ich habe dich nie allein gelassen. Ich bin bei dir geblieben, auch wenn es mir wehtat. Was willst du denn noch von mir? Warum kannst du mich nicht einfach so mögen, wie ich dich mag?»

Die Wörter verliessen meine Lippen, bevor ich sie aufhalten konnte. «Hast du etwa wieder Akira gesehen? Hast du deshalb kein Interesse mehr an mir? Was bitte schön ist denn so speziell an ihm? Ich bin doch hier, direkt vor deinen Augen! Aber warum siehst du mich einfach nicht?!»

Ich bekam kaum Luft, konnte keinen klaren Gedanken fassen. «Bakugou...» Mehr sagte Kirishima nicht, bevor er mich in die Arme schloss. Ich spürte, wie gleichmässig sich seine Brust hob und senkte und versuchte, mich davon beruhigen zu lassen. Es dauerte eine Weile, aber es funktionierte.

Wir verblieben lange in dieser Position, bis ich mich schliesslich von ihm löste. «Kirishima, ich–» «Sag... Sag bitte nichts mehr», unterbrach er mich. Ich wusste, ich hatte ihn verletzt, und wagte es nicht, ihm in die Augen zu sehen. Ich seufzte ergeben. «Kirishima–» «Lass uns ein anderes Mal reden.» Er stand auf und schulterte seine Schultasche. «Ich gehe.»

Ich hielt ihn nicht auf.

My First First Time || KiriBakuGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt