~19~

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Ich hätte sein Schluchzen fast überhört. Und irgendwie wünschte ich mir, ich hätte es überhört, doch mein Kopf schnellte nach links und dort sass er. Mit einem tränenüberströmten Gesicht, roten Augen und Wangen und zittrigen Lippen. Und ich konnte nicht wegsehen. Konnte es nicht ignorieren. Also atmete ich kurz tief durch, dann ging ich zu ihm.

Ich setzte mich neben ihn, darauf bedacht, ihn nicht zu berühren. Wenn ich ihn berühren würde, würde er sich mir sofort entziehen, da war ich mir sicher. Ich sagte nichts. Ich hockte einfach nur da und hörte zu, wie er weinte. Und mit jeder Sekunde wurde ich aufgebrachter.

Geduldig wartete ich darauf, dass Kirishima als erster sprach. Es dauerte eine Weile und langsam wurde es echt kalt, aber für ihn wäre ich eine Ewigkeit hier draussen geblieben. Für ihn... Sofort verdrängte ich den Gedanken. Ich sollte doch aufhören, so über ihn zu denken.

Irgendwann räusperte er sich und sah in die leere Nacht. Still rollten ihm Tränen übers Gesicht, aber er machte sich nicht mehr die Mühe, sie wegzuwischen. «Du hattest Recht», sagte er schliesslich. Bei dem Klang seiner Stimme schnürte es mir die Kehle so stark zu, dass ich kaum Luft bekam.

Er wirkte so... gebrochen.

Er streckte die Beine, welche er zuvor an seine Brust gezogen hatte, und legte den Kopf in den Nacken. «Du hattes mit allem Recht. Er ist mit Hayami hier. Ich bedeute ihm zu wenig, als dass er um mich kämpfen würde.» Einzelne Haarsträhnen hatten sich aus seinem Zopf gelöst. Er sah aus wie ein Wrack. Meine Finger zuckten, aber ich hatte nicht den Mut, sie ihm hinter die Ohren zu streichen.

Er verzog das Gesicht. «Er... Er liebt mich nicht. Nicht so, wie ich ihn.» Und dann war er wieder verloren. Seine Schultern zitterten, während er sein Gesicht in seinen Händen vergrub und bitterlich weinte. Es zerriss mir wortwörtlich das Herz. Meine Vorsicht war vergessen und im nächsten Moment hatte ich schon die Arme um ihn gelegt.

Ich drehte mich ein wenig seitlich ab und zog ihn so nah an mich, wie es physisch möglich war. Ich wollte ihm alles geben, was ich hatte. Sicherheit, Verständnis. Ich hätte ihm mein ganzes Herz gegeben in Tausch für sein gebrochenes. Er liess sich in meine Umarmung sinken und ich konnte nicht beschreiben, wie glücklich ich darüber war, dass er mich nicht wegstiess.

Er weinte lange und heftig. Und mit jeder Sekunde wurde der Drang stärker, in die Halle zu stürmen und Akira den Hals umzudrehen. Aber so, wie ich ihn hielt, konnte ich ihn nicht verlassen. Ich konnte ihn ohnehin niemals verlassen. Also verblieben wir hier in dieser Kälte, Arm in Arm.

Ich hatte keine Ahnung, wie lange es dauerte, bis er keine Tränen mehr übrig hatte. Irgendwann jedoch lag sein Kopf nur noch schwer auf meiner Schulter und er atmete mit tiefen Zügen ein und aus. Sein Atmen streifte meinen Hals und ich wusste, dass es falsch war, aber ich konnte das Kribbeln in meinem Bauch nicht unterdrücken.

«Warum sagst du es nicht?», hauchte er. Seine Stimme vibrierte warm gegen meine Haut und mein Herz setzte einen Schlag aus. «Du hattest mit allem Recht. Warum reibst du es mir nicht unter die Nase? Warum sagst du nicht, dass du es mir ja gesagt hast?»

Ich seufzte und spielte mit seinem Zopf. «Kirishima, das ist nichts, womit ich Recht haben wollte», antwortete ich und konnte kaum glauben, dass er gedacht hatte, ich würde so etwas tun. Ein paar Sekunden reagierte er nicht, dann schlichen sich seine Arme leise um meine Taille, drückten mich aber nicht an seinen Körper. Er hatte durch das Weinen wohl seine ganze Kraft verloren.

«Soll ich dir Wasser holen?» Ich wollte aufstehen, doch er liess es nicht zu. Verdammt, er war stärker als er im Moment aussah. «Nein, bleib hier», nuschelte er und vergrub sein Gesicht in meiner Halsbeuge. Ich versteifte mich sofort. Nicht gut. Das war gar nicht gut. Verzweifelt versuchte ich mich zu beruhigen.

Er hatte gerade eine halbe Ewigkeit über einen anderen Typen geweint und trotzdem...

Dann lenk mich ab, Bakugou.

Ich dachte, du könntest mich ablenken.

Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Auch wenn er nicht das gleiche fühlte wie ich, hatte ich dennoch eine gewisse Wirkung auf ihn. Ich schluckte. Mein Herz schlug so stark gegen meinen Brustkorb, dass ich mir sicher war, er konnte es spüren. Verdammt, ich musste aufhören. Ich musste an etwas anderes denken. Zum Beispiel an Minas Kleid–

Es war sinnlos. Er bewegte seinen Kopf ein wenig, streifte mit seiner Nase meine Haut, und schon war ich wieder verloren. Genervt von mir selber biss ich die Zähne aufeinander. Ich brauchte einfach ein bisschen Abstand. Ein bisschen weniger... Körperkontakt. «Komm», sagte ich mit zittriger Stimme. «Ich hol' dir Wasser.»

Vorsichtig lockerte ich meine Umarmung, doch bevor ich mich ganz von ihm trennen konnte, zog er mich wieder zu sich. Ich erstarrte sofort. Sein Gesicht war nur wenige Centimeter von dem meinen entfernt und das Rot seiner Augen schimmerte viel zu verlockend in dem schummrigen Licht, als dass ich mich von ihm wegbewegen konnte.

Ich konnte nicht atmen. Nein. Nein. Er hatte mir mehr als nur einmal klar gemacht, dass er nichts von mir wollte. Dass er jemand anderen liebte. Dass ich keine Chance hatte. Und trotzdem... Seine Finger strichen so sanft über den Stoff meines Hemdes. Seine Lippen schienen so einladend weich. Sein Blick wanderte so verführerisch über jedes Detail meines Gesichtes.

«Bitte, tu es nicht.»

Hilflos krallte ich die Finger in sein Sakko. Tu mir das nicht an. Nicht schon wieder. Und obwohl ich es auch wirklich so meinte, gab es einen kleinen Teil von mir, der irgendwie hoffte, Kirishima würde meine Worte ignorieren. Meine Gefühle ignorieren. Meine Mühe, ihn in den letzten Wochen zu vergessen, ignorieren.

Kirishima lehnte sich ein wenig näher zu mir. Er wusste genau, was er damit mit mir anstellte, und er machte sich nicht die Mühe, es zu verheimlichen. «Soll ich es wirklich nicht tun?», fragte er, seine Stimme rau vom Weinen, sein Gesichtsausdruck so leer wie sein Herz.

Ich schluckte schwer. Ich war viel zu überfordert. Und ich war wütend. Darüber, dass er mich immer noch so nervös machte. Darüber, dass er mich so bedingungslos in der Hand hatte. Darüber, dass sich rein gar nichts geändert hatte.

Aber jetzt hatte ich endlich die Chance, etwas zu verändern. Ich musste nur lang genug widerstehen, dann war ich schon einen Schritt weiter, wie zuvor. Ich wollte nicht seine Marionette sein, die er nach Lust und Laune steuern konnte. Ich war stark genug, mich zu beherrschen. Ich... Ich konnte das.

Tu es.

Bitte, bitte tu es.

Ich dachte nur ganz kurz daran.

An seine Brührungen. An die Gefühle, die er in meinem Herzen erweckte. Ich dachte nur eine Sekunde daran – aber das war eine Sekunde zu lang gewesen.

Ich konnte es nicht aussprechen. Ich wollte es nicht aussprechen. Es war ohnehin sinnlos. Aber jetzt sah er mich so bestimmt an und strich mir so liebevoll über die Wange... Ich hatte mich überschätzt. Ich konnte das nicht. Ich war nicht stark genug. Nicht, wenn er mir so offensichtlich zeigte, was er von mir brauchte.

Denn, ob es mir nun gefiel oder nicht, ich wollte um jeden Preis seine Lippen wieder auf meinen spüren. Seine Hände auf meinem Rücken. Seine Haut auf meiner. Ich würde alles dafür tun. Ich würde dafür auch mich selbst hintergehen.

Also wehrte ich mich nicht, als er mir immer näher kam. Ich spürte nur mein Herzrasen und schloss die Augen. Und als seine Lippen auf meine trafen, schlangen sich meine Arme wie von selbst um seinen Nacken und zogen ihn noch näher an mich.

My First First Time || KiriBakuGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt