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Bis zu Julies Geburt hatte Remus niemanden in der Nachbarschaft wirklich kennen gelernt. Nicht, weil Edyta es nicht versucht hätte, ihn mit Leuten bekannt zu machen - er hatte einfach seine vollen wachen Stunden darauf verwendet, Sirius zu befreien. Und wenn er mal nicht aktiv daran gearbeitet hatte, dann hatte er sich auf Julie vorbereitet oder etwas am Haus repariert (und dabei darüber nachgedacht, wie er Sirius befreien könnte). 

Edyta hatte das akzeptiert und offenbar verstanden, dass er eher ein Einzelgänger war, der kein gesteigertes Interesse an neuen Freundschaften hatte. 

Mit Julies Ankunft wendete sich dieses Blatt jedoch. Ein grummeliger Hausbesitzer ohne wirklichen Job, dafür aber mit viel zu vielen Büchern und einer Vergangenheit, über die er nicht redete, war für sie als Eremit in Ordnung. Ein frisch gebackener alleinerziehender Vater allem Anschein nach nicht. 

"Die Leute hier sind nicht alle wie die Dursleys", sagte sie einige Tage nach dem Vorfall mit Petunia, während sie Gemüse schnitt. Es war Sonntag und sie kochte Hühnersuppe, wie jedes Wochenende. Remus wusste nicht, ob das eine polnische Tradition oder eine Edyta-Tradition war (wobei er zunehmend vermutete, dass diese beiden eine nahezu 100%ige Überschneidung hatten), aber die Suppe schmeckte hervorragend, genau wie die Tomatensuppe, die sie montags aus den Resten zubereitete. 

Remus brummte leise und versuchte, Julie auf seinem Arm dazu zu bekommen, vielleicht doch noch ein winzig kleines bisschen mehr zu trinken als einen einzigen Schluck. 

"Die Jacksons sind nett", redete Edyta weiter, "sie wohnen in der 14 die Straße runter, Anne und Quinn, haben auch drei Kinder, die kleinste, Hannah, ist vier Monate alt. Anne hat gesagt, du kannst gerne mal zu einem der Eltern-Kind-Treffen mitkommen, wenn du möchtest." 

Remus versuchte sich zu erinnern, ob er diese Anne schon einmal gesehen hatte und tatsächlich fiel ihm eine kleine, stämmige Frau ein, die recht oft bei Edyta vorbeischaute. Wenn er sich recht erinnerte, war es die gleiche Frau, die ihn letzte Woche vor Petunia und ihren Freundinnen in Schutz genommen hatte. Das, oder es gab mehrere Annes auf der Straße, was er definitiv nicht ausschließen würde. 

"Eltern-Kind-Treffen?", fragte er zweifelnd. Er konnte sich nicht wirklich etwas darunter vorstellen, aber ihm drängte sich das Bild auf von Frauen von Petunias Schlag, die im Kreis saßen und mit ihren tollen Kindern angaben. 

"Du weißt schon, zum Leute kennenlernen, sich austauschen." Edyta drehte sich zu ihm um und wedelte mit einer Möhre, die sie gerade schälte. "Vielleicht ein paar Tipps holen oder so." 

Er hob die Augenbrauen und unterdrückte ein Gähnen. 

"Ist das ein subtiler Hinweis, dass ich dringend Tipps brauche?", fragte er ein bisschen amüsiert. Sie schnaubte nur und kehrte zu ihrem Gemüse zurück. 

"Nein, das ist ein völlig unsubtiler Hinweise, dass du dringend Freunde brauchst, Remus", brummte sie. Er hielt Julie noch einmal seinen Finger mit dem winzigen Milchschlauch hin, aber sie verweigerte und er gab auf. 

"Ich hab doch dich", sagte er leise. Edyta drehte sich wieder zu ihm um, diesmal mit einem Bund Suppengrün. 

"Kindchen, ich bin fünfzig Jahre älter als du", erinnerte sie ihn, "Gott weiß, ich hab dich gern, aber du brauchst Freunde in deinem Alter." Sie ließ das Suppengrün in den Topf fallen, in dem schon eine ganze Weile das Hühnchen vor sich hin kochte und seinen verführerischen Duft durch die Wohnung ziehen ließ. "Bleibst du zum Essen?" 

Remus grinste schief. 

"Wenn ich darf?"

Sie verdrehte die Augen. 

"Schau dich um", sagte sie, "an rosół wird es nicht fehlen." 

Er nahm Julie auf den Arm und klopfte ihr sanft auf den Rücken, bis sie ihre Mahlzeit endgültig beendete, dann legte er sie auf eine Decke, die Edyta in der Ecke der Küche für sie ausgebreitet hatte und spielte ein wenig mit ihr und ihren Kuscheltieren, während er sich weiter mit Edyta unterhielt, die geschäftig die Suppe weiter kochte, dann Kartoffeln und Nudeln aufsetzte und Schnitzel klopfte. Irgendwann schlief Julie ein, woraufhin er sie in Edytas Wohnzimmer nebenan brachte, wo sie höhere Chancen hatte, nicht gleich wieder aufzuwachen. 

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