Es dauerte etwa eine Woche, bis auch die letzten verletzten Gefühle von Remus verschwunden waren. Er war wirklich, wirklich froh, kein nachtragender Mensch zu sein. Andererseits hätte er Sirius in dem Fall wohl nie geheiratet.
An einem Dienstag Anfang Mai, zehn Tage vor Lukes elftem Geburtstag, war er wirklich froh, dass ihr Familienleben gerade ohne Dramen verlief. Nun, bis auf die Tatsache, dass sie immer noch keine Hinweise hatten, was den Horkrux anging oder wie sie Regulus aus seiner magischen Klapsel befreien konnten.
Remus seufzte tief und stützte sich auf seinen Besen. Es war halb sieben abends, das Schließen hatte heute wieder ewig gedauert, weil einige Kunden einfach nicht gegangen waren. Dazu war er eine ganze Weile mit Sortieren beschäftigt gewesen. Vielleicht konnte er Mary oder Sirius überreden, einfach Falafel von Nours Imbiss zu holen?
Warum war er eigentlich so müde? Er warf einen Blick auf den Kalender, der hinter dem Verkaufstisch hing und seufzte tief. Richtig. In zwei Tagen war Vollmond, wie hatte er das vergessen können?
Nun gut, es half ja nichts. Er richtete sich wieder auf, drückte den Rücken durch und nahm seinen Besen wieder fester in die Hand.
Gerade hatte er die letzte Stelle des Raumes gekehrt, direkt vor dem Eingang, da hörte er, wie die Haustür von außen aufgeschlossen wurde und dann vorsichtige, beinahe unsichere Schritte, die auf die Ladentür zu kamen. Er sah verwundert auf - Mary und Sirius waren oben, genau wie Luke und Harry.
Er trat etwas misstrauisch einen Schritt auf die Ladentür zu und öffnete sie. Dahinter, mit gehobener Hand, wie um gerade selbst nach der Klinke zu greifen, stand Jerry. Und er sah wahrlich fürchterlich aus.
"Jerry!", sagte Remus überrascht. "Was machst du denn hier?"
Jerry zuckte etwas hilflos mit den Schultern, dann deutete er Richtung Tür.
"Ich bin mit dem Zug gekommen", erklärte er etwas kleinlaut. "Ich hätte bescheid gesagt, aber ich...hatte es nicht so richtig geplant." Seine Stimme zitterte ein wenig. "Ich...ich wollte nur..." Er holte tief Luft, eine Geste, die Remus sehr eindeutig als die erkannte, wenn man verzweifelt versuchte, nicht zu weinen, und ganz klar scheiterte.
"Komm erstmal rein", sagte er etwas bestürzt und zog Jerry in den Laden, dann die Tür hinter ihm zu. "Was ist passiert?"
Jerry ließ sich auf den nächsten Lesesessel sinken, streifte dann wie gedankenverloren seine Schuhe ab und zog die Knie an die Brust. Die erste verräterische Träne rollte doch seine Wange herunter - auch wenn Remus von seinem gesamten Auftreten her davon ausging, dass sie tatsächlich nicht die erste war. Jerry schniefte und schlang seine Arme um seine Beine.
"Bill und ich haben uns getrennt", flüsterte er.
Remus blinzelte überrascht. Dann setzte er sich vorsichtig auf die Armlehne des Sessels und zog Jerry in eine einseitige Umarmung. Sein Kind drückte sein Gesicht in seinen Pullover und gab den Kampf gegen die Tränen endgültig auf.
Remus ließ ihn weinen. Er selbst hatte nie Liebeskummer auf diese Art spüren müssen und dafür war er aus vollem Herzen dankbar. Aber als er damals von Sirius getrennt war, da hatte er sich immer an den Gedanken klammern können, dass das nicht das war, was sie beide wollten und dass sie sich irgendwann wiedersehen würden. Für Jerry musste die Trennung in ihrer Endgültigkeit noch viel schlimmer sein.
Er konnte nicht umhin, ein wenig verwirrt zu sein. Jerry und Bill waren immer das absolute Traumpaar gewesen. Schon in dem Jahr, in dem sie "nur" Freunde gewesen waren, hatten sie sich so perfekt ergänzt, wie Remus es seit Sirius und James nicht gesehen hatte. Niemand war überrascht gewesen, als sie zusammengekommen waren und das erste Jahr ihrer Beziehung war Jerry wie auf Wolken geschwebt. Remus hatte den ältesten Weasley-Sohn wirklich ins Herz geschlossen, der es sich nicht hatte nehmen lassen, Jerry so oft es ging zu begleiten, wenn er nach Little Whinging kam.
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Der Buchladen im Ligusterweg
FanfictionIm Ligusterweg gibt es einen Buchladen. Harry war nie drin, das hat ihm Tante Petunia verboten, aber er weiß, dass es ihn gibt. Er gehört einer kleinen Familie - der Vater arbeitet im Laden, die Mutter ist Lehrerin an seiner Schule, die Tochter zwei...
