Harry kam wieder. Nicht am nächsten Tag, aber nach ein paar Tagen. Und dann wieder nach ein paar Tagen. Manchmal kam er eine ganze Woche nicht, aber irgendwann tauchte er immer wieder auf. Jedes Mal saß er auf der Treppe, Remus begann, die Bücher schon für ihn herauszulegen. Edyta bestand darauf, dass Remus bei ihr klingelte, sobald er da war. Dann hatte sie eine Kleinigkeit für ihn - einmal überredete sie ihn sogar zu einem ganzen Mittagessen. Harry protestierte jedes Mal, aber die Proteste wurden stetig schwächer und sie waren eigentlich von Anfang an reine Höflichkeit gewesen. (Remus dachte nicht gerne darüber nach, was das über sein Leben bei den Dursleys aussagte.)
Das zweite Mal als Harry mittags kam, passte er genau die Mittagspause ab, die der Laden täglich geschlossen war. Das war nötig, damit Remus zunächst einmal etwas essen konnte, oft musste er aber auch Julie von der Schule abholen. Die Kunden waren inzwischen daran gewöhnt, Harry hatte es wohl verpasst. Remus schloss gerade die Tür vorne, als er um die Straßenecke gelaufen kam. Als er sah, dass Remus das Schild herein holte, machte er auf dem Hacken kehrt, aber Remus hatte ihn schon gesehen.
"Harry!", rief er. Der Junge drehte sich wieder um. Remus winkte ihn zu sich heran. "Hast du schon Mittag gegessen?"
Harry schien kurz zu überlegen, ob er lügen sollte, also schenkte Remus ihm einen bohrenden Professor-McGonagall-Blick. Harry schüttelte den Kopf. Remus lächelte.
"Komm rein", sagte er. "Edyta hat ohnehin viel zu viel Eintopf gemacht."
Harry schien kurz zu schlucken, dann trat er ins Haus.
"Wird Petunia sich wundern, wenn du nicht nach Hause kommst?", fragte er. Schließlich war Harry in Schwierigkeiten zu bringen das letzte, was er wollte. Harry schüttelte den Kopf.
"Eine Stunde ist ausgefallen", sagte er. Remus nickte zufrieden.
"Na dann, komm rein. Jerry und Julie sind schon oben, wir essen auch mit." Harrys Gesicht hellte sich kurz auf, dann wurde es unsicher. Remus klopfte ihm auf die Schulter. "Keine Sorge, sie freuen sich darauf, dich kennen zu lernen", beruhigte er seinen kleinen Gast.
Sie betraten die Wohnung, in der es nach Bigos und frisch gebackenem Brot roch. In der Küche herrschte schon großes Chaos.
"Vier Gedecke, Jerry!", rief Edyta gerade. "Dein Vater kommt auch gleich noch. Julko, was machst du mit den Messern, wir essen Eintopf? Jesus." Sie lachte leise in sich hinein, während Jerry einen vierten Teller holte und Julie noch einmal auf ihren kleinen Tritthocker kletterte und die Messer gegen Löffel tauschte. Sie rührte einmal durch den Eintopf, dann sah sie hoch und entdeckte Remus und Harry. "Oh, noch ein Gast. Jerry, noch einen fünften Teller bitte."
Der runde Esstisch in der Ecke war gedeckt mit Tellern, Gläsern, einem großen Untersetzer und außerdem fünf gebastelten Sternen, die Julie aus der Schule mitgebracht hatte, zwei Comics von Jerry, einem großen Blumenstrauß und ungefähr einem halben Kilo Spielzeugautos, an denen Jerry und Julie beide einen Narren gefressen hatten. Harry sah sich ungläubig um.
"Alles ok?", fragte Remus leise. Harry nickte stumm, mit riesigen Augen. Jetzt entdeckten ihn auch die anderen.
"Ey, du bist doch Harry aus der vier, oder?", fragte Jerry fröhlich. "Der neuerdings immer auf der Treppe liest? Ich hab gesehen, dass du Schlagen magst, sehr cool, Mann!"
Harry schien ein bisschen überfordert damit, dass ein Jugendlicher, der so viel älter war als er, ihn als "cool" bezeichnete.
"Ich kann mit ihnen reden!", sagte er trotzdem leise. Remus blinzelte und setzte sich eine gedankliche Notiz, ihn darauf später noch einmal anzusprechen. Jerry hingegen war vollkommen hin und weg.
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Der Buchladen im Ligusterweg
FanfictionIm Ligusterweg gibt es einen Buchladen. Harry war nie drin, das hat ihm Tante Petunia verboten, aber er weiß, dass es ihn gibt. Er gehört einer kleinen Familie - der Vater arbeitet im Laden, die Mutter ist Lehrerin an seiner Schule, die Tochter zwei...
