Es ist soweit

291 17 4
                                        

Am nächsten Tag verließ die Alpha Cru die Crucis und ruderte mit allen Instrumenten ans Ufer. Das Schiff war nun nicht mehr getarnt, damit kein anderes mit ihm zusammenstoßen konnte, aber dafür war es auch für Orion sichtbar. Alea hielt ihre Tasche mit den einundzwanzig Weingläsern fest umklammert. Sie hatte gestern noch Ersatz für die drei zerbrochenen Gläser ausgesucht und mit ihnen waren die Stücke, die sie aufführen wollten, auch ganz okay. Sammy trommelte schon ein bisschen mit seiner Cajón herum, Lennox stimmte seine Gitarre, Tess hatte ihr undurchdringliches Pokerface aufgesetzt und Siska schaute angestrengt auf die herumwogenden Wellen. Ben versuchte extra nicht allzu viel Spritzwasser zu produzieren, wenn die Paddel aus dem Wasser kamen, aber Siska lächelte trotzdem nur verkrampft – was Alea und Lennox ganz und gar verstehen konnten. Für Siska war das Wasser tödlich und sie wussten nicht, welche Ausmaße bloß ein einzelner Tropfen haben könnte.

Schließlich erreichten sie das Ufer. Sammy hatte als einziger Mühe aus der Hercules zu steigen, da er Aleas Petticoat plus den purpurnen Königsumhang trug, aber das minderte nicht seine Laune. „Ich spür's mit allen Knochen", sagte er bloß, als sie ihm einen schiefen Blick zuwarfen. „Heute wird ein galaktischer Feuersturm von Ikone auftreten. Die Leute wissen noch gar nicht, was da auf sie zukommt. Leider haben sie deshalb auch keine Vorfreude, denn Vorfreude ist bekanntlich Bestfreude..."

Sie stiefelten zu dem blauen Kombi und ernteten dafür viele schräge Blicke der Leute. Die Alpha Cru war gewiss nichts Alltägliches. Ihre kunterbunt zusammengewürfelten Klamotten, zerissene Jeans, Röcke, Strumpfhosen, Westen, Tess' Turban und Bens Krawatte über der Sergeant-Pepper-Jacke ließ sie wie ziemlich schräge Vögel daherkommen – aber das waren sie ja auch, darum zuckte Tess nur mit den Schultern, als wollte sie sagen: „Sollen die doch schauen" und ging unbeeindruckt weiter. Und wie viele Leute erst beim Konzert schauen werden!, dachte Alea, aber da erreichten sie schon das Auto.

„Der Sprit reicht für zwei Hin- und Zurückfahrten", sagte Siska, als sie sich ans Steuer setzte. „Wir können im Notfall also jederzeit fliehen."

Alea und Lennox nahmen im Kofferraum Platz, aber sie sprachen nicht miteinander. Jeder ging seinen eigenen Gedanken nach und schon bald herrschte eine grübelnde Atmosphäre im Kombi. Jetzt, wo es wahrhaftig soweit war, fiel auch Sammy kein Spruch mehr ein.

Schweigend ging die Fahrt vorüber.

Am Nachmittag blieben sie vor einem großen, sicherlich geräumigen Gebäude stehen. Es war in zwei Quader unterteilt, die von vielen Säulen umschlossen waren. Der eine Quader war voller blitzblanker Fenster, durch die man schon die Menschen sehen konnten, die auf die Vorstellung warteten. Alea erkannte einen Kronleuchter, der schier die Hälfte der Decke ausfüllte und mit hunderten von kleinen Lichtern den Raum erhellen konnte, falls es draußen dunkel war. Der andere Quader hatte nicht viel sehenswertes an sich und kein einziges Fenster.

„Dort drinnen findet das Konzert statt", sagte Siska und wies auf ebendiesen Quader. „Der andere ist bloß die Empfangshalle. Wir gehen aber hinten rein, nicht durch den Haupteingang, da gehen nur Besucher durch. Gerade wird da drinnen vermutlich Sekt ausgegeben und es gibt ein kleines Buffet..."

„Bei einem Umweltkonzert?", fragte Ben und Siska bejahte. „Durch Buffets werden immer haufenweise Essensreste weggeschmissen. So was sollte es hier eigentlich nicht geben."

„Es ist wirklich sehr klein", gab Siska zu bedenken. „Vermutlich hat eh nur die erste Welle der Besucher etwas davon."

„Und die anderen müssen darben", fügte Sammy hinzu. „Gehen wir jetzt endlich rein? Vielleicht will Orion auch zusehen und sieht uns hier draußen."

Dann wird er uns bei der Aufführung trotzdem sehen. Alea schluckte einen Kloß hinunter.

„Ich komme gleich nach, die Kameras müssen noch positioniert werden", sagte Siska. Sie beschrieb ihnen kurz, wo sie lang mussten und verschwand dann in der Besuchermenge.

„Let's go." Sammy warf seinen Königsumhang nach hinten und schritt erhaben voraus. Alea merkte, wie Lennox ständig umherblickte und die Umgebung nach Gefahren absuchte, aber das war nichts Neues. Vielmehr wunderte es sie, dass Tess ebenfalls unruhige Blicke umherwarf.

Sie folgte Sammy und Ben um das Konzertgebäude herum. Sie hatte vier Türen gezählt, die man nur am Knauf hatte erkennen können, da sie ebenso beige waren wie die Wände, und an der vierten Tür klopften sie an. Eine kleinere Frau mit Notizblock in der Hand öffnete ihnen.

Ben erklärte ihr, dass sie die dreißig Minuten vor dem eigentlichen Start eine Aufführung hätten, von den Ocean knights wären und Magnus kannten, einen der führenden Köpfe der Knights. Er sprach zwar Deutsch, aber trotzdem konnte die Frau jedes Wort verstehen – wegen der Sprachtauscher, den jeder von ihnen in der Tasche hatte, und ein unendlich wertvolles Geschenk von der Talassiopa und der Lafora Grarmathacht waren...

„Bist wohl zu faul, um Italienisch zu sprechen?", flüsterte Sammy, als sie der Frau nach drinnen folgten. Bevor Ben etwas erwidern konnte, kam ein bekanntes Gesicht um die Ecke gelaufen. Magnus begrüßte die Cru ganz herzlich, ging auf ihre Outfits ein und erklärte ihnen ein paar organisatorische Sachen, aber Alea hörte nur mit einem Ohr zu. Sie waren in einen Raum gelangt, in dem vereinzelte Leute sich startklar für das Konzert machten. An einer Garderobe hingen die unterschiedlichsten Klamotten und auch hier war ein kleines Buffet aufgestellt, das allerdings wirklich nicht aus mehr als ein paar Häppchen bestand. An der Decke war eine weniger moderne Lampe, die den Raum mit gerade genug Licht versorgte. In einer Ecke standen Instrumente, hauptsächlich Variationen von Gitarren.

„Ihr könnt euer Zeugs hier ablegen", sagte Magnus gerade und wies auf ein freies Fleckchen. „In zwölf Minuten seid ihr dran, macht euch also schon mal fertig."

Alea nickte und bedankte sich, stellte ihre Sporttasche mit den Weingläsern ab und versuchte die Blicke der sieben Leute, die hier waren, zu ignorieren. Minderjährige, die noch vor den Stars dran kamen, waren wohl eher eine Seltenheit. Sammy hingegen stellte sich jedem von ihnen ausführlich vor.

Sie überprüften gegenseitig ihr Make-Up, Ben besserte noch einmal seinen schwarzen Nagellack nach und Tess richtete ihren Turban. Leider hatten sich ein paar Ketten von Alea in ihren Haaren verheddert und Lennox musste sie lösen, woraufhin die anderen im Raum aufmerksam auf ihn wurden und ihn unverhohlen anstarrten. „Du wirst das einfach nur grandios machen", versicherte er Alea. „Nach einer Weile wirst du die ganzen Menschen da unten vergessen haben."

„Hoffentlich wird der Elvarion-Modus einsetzen..."

„Verlass dich lieber nicht allzu sehr darauf", sagte Lennox. „Du kannst das auch ohne den Modus und am Ende verzweifelst du noch, wenn er nicht kommt."

Alea stutzte und legte schon eine Antwort bereit, als Siska reinkam. „Die Kameras sind alle in Position und eingeschaltet." Sie zeigte ihnen ihr Handy, auf denen zwanzig kleine Kästchen waren, ähnlich wie bei einer Videokonverenz. Sie zeigten jedes einen anderen Teil des Gebäudes und Alea wurde gleich etwas zuversichtlicher. Siska würde sie sofort warnen, wenn Orion hier erschien, und dann konnten sie verschwinden, ohne dass er ihr Dasein überhaupt erst bemerkt hatte. Denn woher sollte er wissen, was sie vorhatten?

Da kam Magnus aus einer anderen Tür, die Alea zuvor gar nicht aufgefallen war. „Es ist soweit, ihr seid dran!", sagte er und Alea blieb nichts anderes übrig, als ihm mit den Instrumenten nach draußen zu folgen.


Mein Alea Aquarius 9Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt