Gescheitert

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Orion und der Mann standen sich gegenüber. Einen Unterschied konnten Thea und Alea sofort sehen: Während Orion keinerlei Stimmungsspiel hatte, wirbelten um den anderen die Farben und Formen nur so herum. Zwischen Euphorie, Entsetzen, Trauer, Scham, Mitleid, Angst und Schuld waren alle Gefühle darin vertreten und Alea verlor schnell den Überblick.

Sie spürte, wie Thea ihre Hand drückte und sie drückte zurück. Grarmathachts Stimme erhob sich nun als durchdringendes Flüstern: „Dies, Aquilius, ist dein zweites, dein schlechteres Ich.." Orion starrte den Mann an, der ebenso zurück starrte. „Du wirst fühlen, welchen Schmerz du angerichtet hast, du wirst das Leid derer empfinden, dessen Peiniger du warst. Erlebe deine Taten, so wie andere sie erlebt haben, und lerne daraus."

Daraufhin setzte sich der Mann in Bewegung. Er lief geradewegs auf Orion zu, und in dem Moment, wo die beiden sich berührten, verschmolzen sie miteinander.

Orion schrie und brach zusammen.

Sprachlos sah Alea auf den Doktor, der nun unkontrolliert zu zittern begann und dessen ganzer Körper sich unter Krämpfen wölbte. Schwer atmend lag er auf dem Boden, im nächsten Moment hustete er und begann wieder zu schreien.

„Sie tun ihm weh!", entfuhr es Alea da. „Er sollte das, was er angerichtet hat, doch nur seelisch spüren, nicht körperlich!"

Grarmathacht musterte Orion. Ihr Stimmungsspiel zeugte von Verwirrung. „Etwas in ihm wehrt sich dagegen", antwortete sie zischend. „Er ist es nicht selbst. Eine ungeheure Macht baut sich auf, die das Ritual abwehrt."

„Eine Macht?", wiederholte Sammy. „Was für eine Macht?"

„Ein fremder Einfluss...", antwortete Grarmathacht besorgt. „Er macht es unmöglich, dass das Emotionstribunal funktioniert."

„Warum?", wollte Alea wissen.

Dichte Nebelschwaden umhüllten Orion, der daraufhin immer ruhiger wurde und irgendwann reglos dalag. Grarmathacht schwieg. Der Rauch hob den Doktor hoch, sodass er aufrecht im Wasser schwebte. Dann zogen die Schwaden die Kapuze von Orions Hoodie herunter. „Nixenmagie", flüsterte die Lafora.

„Muras Fluch", sagte Cassaras. „Er besagt, dass sich ihm kein magischer Gegenstand öffnen und ihm niemals ein magisches Ritual gelingen soll."

„Aber..." Aleas Augen hafteten an den Nixenmalen auf Orions Nacken. „Er hat doch schon häufiger magische Gegenstände oder andere Dinge benutzt. Wie der Wandererspiegel zum Beispiel, als ich mit ihm in Faramont war. Oder jetzt eben – da ist er doch mit dem Tunnel hier her gekommen!"

„Weißt du bestimmt, dass Orion etwas in dem Spiegel gesehen hat?", fragte Lennox.

„Na ja, das hat er zumindest behauptet..."

Lennox nickte, als wäre somit für ihn die Sache klar. „Aber stimmt – wie konnte er durch den Tunnel kommen?"

„Er hat ihn nicht von sich aus benutzt", sagte Cassaras. „Ihr habt ihn da mitgezogen." Er wandte sich an Grarmathacht. „Aber bei dem Emotionstribunal wendet er selbst doch auch nicht die Magie an, oder?"

„Doch", entgegnete Grarmathacht. „Er selbst ist es, der Einlass zu seinen Gefühlen geben muss, genau in dem Moment, wo ihn sein Gewissen heimsucht."

Thea stupste Alea an. „Über was redet ihr? Hat es nicht geklappt?"

Alea fiel ein, dass Grarmathacht gar keinen richtigen Mund hatte, von dem man ablesen konnte. „Später", antwortete Alea. Laut sagte sie: „Und was ist jetzt mit Orion?"

„Ich habe das Tribunal unterbrochen", entgegnete die Lafora. „Er durchmacht keinen Schmerz mehr."

„Aber was machen wir denn jetzt?" Tess sah erst aufgebracht in die Runde und dann auf Orion. „Wenn dieses Emotionstribunal nicht klappt, was können wir sonst mit ihm tun?"

Im selben Moment erstarb das Leuchten des Kreises, in dem sie standen. „Ihr werdet einen Weg finden", versicherte ihnen die Lafora. „Aber hier ist er nicht. Nutzt die Obsidianperle, um zurückzugelangen."

„Zur Crucis?", fragte Sammy. „Dort chillen gerade aber ein paar Darkoner rum."

„Ihr werdet woandershin gebracht", sagte Grarmathacht. „Dort werdet ihr Antwort finden."

Alea holte die Muschel hervor. Die Perle darin leuchtete kurz auf. „Dankeschön", sagte sie zu Grarmathacht. „Wir werden versuchen, einen Weg zu finden."

„Gut. Kehrt nun zurück." Grarmathacht verabschiedete sich, bevor sie nach unten sank und der Nebel im Meeresgrund verschwand.

Eine Weile lang standen sie einfach nur da. Dann sagte Sammy: „Ich bin gespannt, wo wir hinkatapultiert werden."

„Lasst uns gehen." Alea schloss die Augen und konzentrierte sich darauf, dass sie die Obsidianperle benutzen wollten. Einen Moment später wurden sie fortgezogen. Meere, Land und Luft rauschte an ihnen vorbei. Von heißen Wüsten bis hin zu Berggipfeln und Gletschern verlief die Reise, die diesmal deutlich länger war als zuvor.

Irgendwann wurde der Sog stufenweise schwächer. Sie tauchten nicht ins Wasser wie das letzte Mal, sondern waren mit einem Mal in einem Gebäude.

In einem langen Flur verschwand der Tunnel. Lennox und Cassaras sahen sich um, konnten wohl aber keine Gefahr erkennen. „Ich fasse es nicht", gebärdete Thea da, als sie aufstand.

„Wo sind wir?", fragte Tess.

Cassaras entfuhr ein überraschtes Schnauben und er wechselte einen Blick mit Thea. Diese antwortete sogleich: „In der Villa Konungur. Auf Island."


Mein Alea Aquarius 9Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt