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Alea wachte vom Klingeln des Handys auf.

Müde befreite sie sich aus Lennox Umarmung, der neben ihr noch immer schlief, und tapste zur Kommode, wo Siskas Handy lag. Siska war ebenfalls sofort aufgewacht, auch Ben rieb sich gerade die Augen und brummte etwas von vier Uhr morgens. Alea nahm sich das Handy und verschwand im Bad nebenan.

„Cassaras?" Sie sprach leise, um die anderen nicht aufzuwecken.

„Ich habe Sichtkontakt zu eurem Schiff", sagte Cassaras übergangslos.

Augenblicklich war Alea hellwach. „Und?"

„Niemand da. Weder drinnen noch um das Schiff herum." Alea ließ sich auf den Boden sinken und atmete erleichtert aus. „Ich bin eben zu einer Anzeigesäule hinuntergetaucht", fuhr der Nixenprinz fort. „Kobolde haben an Land beobachtet, wie Orion nach Osten geflogen ist."

Alea starrte das Handy in der Hand an und konnte nicht glauben, was sie hörte. Orion suchte nicht mehr nach ihnen! Oder doch? Immerhin ist die Alpha Cru auch nach Osten geflohen, jedoch nur dreißig Kilometer weit. Orion musste irgendein anderes Ziel haben, und was es auch war – sie standen nicht mehr auf Platz eins seiner Abschussliste.

Da fiel Alea etwas ein. „War Thea neben ihm?" Cassaras schwieg. „War sie bei Orion?", wiederholte Alea ungeduldig und ballte ihre Hand zur Faust.

„Ja", lautete seine Antwort schlicht.

Alea erstarrte. Thea war nicht entkommen. Sie hatte es nicht geschafft. Sie schloss die Augen und versuchte die Tränen zu unterdrücken, die ihr gerade kamen.

„Aber es ist nicht ganz sicher."

Alea horchte auf. „Wie meinen Sie das?"

„Andere Nachrichten sagen, dass sie nicht bei ihm ist."

„Wirklich?" Alea runzelte die Stirn und versuchte einen Zusammenhang zu finden.

„Orion wechselt angeblich ständig seinen Standort. Es waren mal Abstände von Tagen, jetzt sind es Abstände von Stunden. Immer mehr Magische schließen sich der Suche an."

„Das ist gut." Dann würde Orion kein Labor aufbauen können. Der Magischen-Virus und der DNA-Wandler für Thea würden so noch weiter hinaus verzögert werden.

„Es besteht eine gewisse Chance, dass Thea entkommen ist", sagte Cassaras mit einer Stimme, als würde er selbst noch darüber nachdenken, wie groß diese Chance tatsächlich war. „Die Magischen, die Thea mit Orion zusammen sahen, haben die Neuigkeit heute kurz nach Mitternacht genachrichtet. Dass Thea nicht mehr bei ihm ist, wurde später verbreitet, etwa vor zwei Stunden."

„Also kann sie in der Zwischenzeit entkommen sein!" Allmählich keimte Hoffnung in Alea auf.

„Ja." Es hörte sich so an, als würde Cassaras lächeln. „Es hat keinen Sinn nach ihr zu suchen. Ohne und mit Orion würde sie ständig ihren Standort wechseln. Aber wenn sie wirklich entkommen ist, dann sucht sie nach euch, da bin ich mir sicher."

„Wir müssen sofort zurück zur Crucis!", rief Alea und sprang auf. „Sie... sie sucht vielleicht tatsächlich nach uns und... und..." Sie lachte aufgewühlt und konnte es immer noch nicht glauben.

„Ich warte hier auf euch", sagte Cassaras überraschenderweise. „Zu eurem Schiff wird sie am wahrscheinlichsten gelangen und ich... möchte da sein, wenn sie kommt."

Alea lächelte. „Alles klar. Wir machen uns sofort auf den Weg! Dann bis bald." Dieses Mal war sie diejenige, die zuerst auflegte.

Sie stürmte aus dem Bad und überreichte Siska ihr Handy. Rasch erzählte sie, was Cassaras herausgefunden hatte. Ben, Siska, Sammy und Tess hatten sich schon angezogen, Lennox war noch dabei sich aus dem Bett zu schälen und ausgiebig zu gähnen. Aber bald war auch er aufbruchbereit und überprüfte, ob im Gang der Jugendherberge Menschen liefen. Am Tag zuvor war die Alpha Cru ungesehen in eins der Zimmer geschlichen und Siska hatte die Tür verrammelt, sodass niemand sie mehr von außen öffnen konnte. Es war Alea ein bisschen so vorgekommen wie am Tag, als sie die Cru das erste Mal getroffen hatte. Dort hatten sie in Hamburg im Krankenhaus übernachtet und sich am Morgen auf und davon gemacht.

„Die Luft ist rein", sagte Lennox nach einer Weile und die sechs schlichen raus. Aleas Gedanken schlugen Purzelbäume, während sie klammheimlich aus der Jugendherberge verschwanden und durch ein Fenster im Erdgeschoss abhauten.

Sie einigten sich darauf, mit dem Zug zurückzufahren.

Beim Bahnhof, zu dem sie erst einmal eine Stunde laufen mussten, warteten sie, da um diese Uhrzeit noch kein Zug in ihre gewünschte Richtung fuhr.

„Wir hätten auch wieder ein Taxi nehmen können", sagte Ben, der mit gerunzelter Stirn die Angebote im Automaten begutachtete.

„Vielleicht hat sich der Mann doch an uns erinnert und es hat sich bei seinen Kollegen rumgesprochen, dass hier Ausreißer unterwegs sind", entgegnete Lennox. „Das Risiko wäre zu hoch gewesen."

Sammy seufzte.

„Wann kommt denn unser Zug?", fragte Tess.

Ben sah auf die Uhr. „In einer Dreiviertelstunde."

„Meinst du nicht, dass es riskant ist, in einem öffentlichen Verkehrsmittel keine Tickets zu bezahlen?" Siska sah zu Lennox, denn es war seine Idee gewesen, mit dem Zug zu fahren. „Wenn uns jemand kontrolliert, dann kannst du deine Vergessensgabe nicht bei so vielen Leuten einsetzen."

Lennox zuckte mit den Schultern. „Es werden sicher nicht sehr viele im Zug sein, jetzt wo es noch so früh ist. Wir setzen uns einfach irgendwo hin, wo niemand ist. Vielleicht werden wir ja auch nicht gefragt, ob wir die Tickets haben." Siska hob die rechte Augenbraue, sagte aber nichts weiter dazu.

Während sie warteten, dachte Alea daran, dass sie heute eigentlich Orion in Rom hätten schnappen sollen. Aber die Silberfadenvision musste sich gänzlich verändert haben. Der Doktor war laut Cassaras nicht mehr in der Stadt und selbst wenn sie ihn beim Kiosk trafen, wäre er nicht so überrascht Alea zu sehen. Nun hatten sie keinen Anhaltspunkt mehr, wo er sein könnte. Sie hatten ihn aus den Augen verloren und wenn sie ihm wiederbegegnen würden, dann hätte der Doktor laut Thea eher sie gefunden als die Alpha Cru ihn.

Alea versuchte noch ein paar Mal ihre Schwester zu erreichen, aber dafür war die Entfernung zu groß. Ob man das mit der Distanz und der Telepathie üben konnte? Womöglich hatte Evelin, der ein Adetari war, anfangs auch nur ein paar Kilometer von seinen Doppelgängern entfernt mit ihnen kommunizieren können. Wenn Thea wieder bei der Alpha Cru war, dann...

Alea seufzte. Die Vorstellung war einfach wunderbar, dass Thea Orion entkommen und auf dem Weg zu ihnen war. Zwar bestand dafür keine hundertprozentige Garantie, aber ihr Bauchgefühl sagte Alea, dass sie sich keine Sorgen um Thea machen zu brauchte und dass sie bald wieder vereint waren.

Der Gedanke zauberte ein Lächeln auf Aleas Lippen. Die nächsten Minuten vergingen wie im Flug, während sie sich detailgetreu ausmalte, wie es sein würde, mit Thea auf Walen unter dem Wind zu schwimmen.

Lennox behielt Recht. Weder war in dem Zug viel los, noch kontrollierte man sie. Alea saß am Fenster und ließ die Landschaft an ihr vorbeiziehen. Sie hielt Lennox' warme Hand und döste manchmal kurz weg, sodass die Zeit schnell verging und sie eine Weile später in Rom ankamen. Sie hofften dort den Kombi zu finden, den sie am vorherigen Tag zurückgelassen hatten. Siska führte die Gruppe zielstrebig an und sie hatten Glück: Genau dort, wo sie es zurückgelassen hatten, stand das Auto. Alea und Lennox nahmen wieder im Kofferraum Platz, der Rest der Cru saß auf der Rückbank. Nur Sammy durfte dieses Mal vorne sitzen und so quetschte er die ganze Fahrt über noch ein paar Informationen aus Siska heraus, die ihr Leben bei ihren Pflegeeltern betrafen, und Siska antwortete schicksalsergeben. Dann erzählte er auch noch von sich und wie er mit Ben und Onkel Oskar mit der Crucis gesegelt ist, bevor Oskar die Brüder verließ und Ben und Sammy mit Tess die Alpha Cru gründeten.

Alea konnte jedoch nur sehr wenig verstehen von dem, was die beiden sagten. Der Motor war zu laut, als dass sie im Kofferraum etwas hätte hören können. Also ging sie wieder ihren eigenen Gedanken nach wie Lennox, der auf der ganzen Fahrt bis jetzt sehr schweigsam gewesen war. Vielleicht lag das daran, dass er heute Cassaras wiedersehen würde? Jetzt wo er wusste, dass Cassaras entfernt mit ihm verwandt war, musste es für ihn etwas ganz anderes bedeuten, dem Nixenprinzen wieder gegenüberzustehen. Oder es lag daran, dass sie heute nicht Orion schnappen konnten. Obwohl die Silberfäden diese Vision so lange gezeigt hatten, sollte sich das Schicksal kurz vor dem Ziel umentscheiden. Das musste ihm als Aleas Beschützer besonders schwer zu schaffen machen. Immerhin könnte Orion nun ganz plötzlich aus dem Hintergrund auftauchen. Lennox hätte nichts gegen ihn in der Hand, das den Doktor hindern würde, genau das zu tun, was er vermutlich schon beim Konzert hatte erledigen wollen: Alea ein für allemal aus der Welt zu schaffen.


Mein Alea Aquarius 9Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt