Alea konnte an diesem Abend nicht einschlafen. Nachdem sie sich eine ganze Zeit lang im Bett gewälzt und Tess' Koje über ihr mit Blicken durchlöchert hatte, entschloss sie sich Bens Nachtwache zu übernehmen. Sie zog sich etwas Warmes an und schlich vorbei an Lennox' Sofa die Treppe zum Deck hinauf.
„Ich kann für dich übernehmen", schlug Alea oben Ben vor, der im Deckshäuschen saß und mit grüblerischer Miene auf das Mittelmeer blickte.
„Du kannst wohl nicht einschlafen, oder?", fragte er und Alea nickte. „Also gut", seufzte Ben. Sie wusste, wie sehr er die Nachtwachen liebte. Aber heute verdeckten Wolken den Himmel, sodass man nicht einmal die Sterne sehen konnte. „Wie geht es Scorpio?"
„Er sieht eigentlich ganz normal aus." Als Ben sich erhoben hatte, nahm Alea auf dem Stuhl Platz. „Ich glaube nicht, dass er Fieber oder Schmerzen oder so etwas hat."
„Das ist gut." Ben seufzte. „Ich kann noch mal nach dem Rechten sehen."
Er verabschiedete sich und bald war Alea allein im Deckshäuschen. Sie lehnte sich nach hinten und lauschte dem Rauschen der Wellen. Das sanfte Wiegen der Crucis fühlte sich an Deck noch stärker an als in ihrer Kajüte und machte Alea etwas schläfrig. Sie versuchte zu meditieren. So wie es Tess ihr beigebracht hatte, ließ sie die Gedanken kommen und entschied je nach dem, ob sie den Gedanken erlaubte oder ihn wegschickte. Wie bei einem Bahnhof, in den nach und nach Züge einfuhren und unterschiedlichste Menschen ausstiegen.
Alea merkte, wie sie sich so langsam entspannte. Den Gedanken an Orions Anruf sah sie nun klarer und nicht wie eine zähe Ansgtsuppe, in der man weder ein noch aus wusste und leicht den Überblick verlor. Zwar war da immer noch die Sache mit dem Fluch, die Alea unmöglich abstellen konnte, aber im Moment blieb ihr nichts übrig, als auf Cassaras zu warten.
Da erklang plötzlich wie aufs Stichwort eine Unregelmäßigkeit im Wellenrauschen. Alea hob den Blick und untersuchte die Reling mit ihren Augen. Daraufhin hörte sie jemanden die Außenleiter hinaufsteigen und auf die Planken der Crucis springen.
Alea stellte auf den automatischen Annäherungsalarm und öffnete die Tür. „Cassaras", stellte sie erstaunt fest. Der Nixenprinz stand pitschnass da und wrang seine Haare aus.
„Lennox geht es nicht gut, oder?", fragte er übergangslos.
Alea hob die Schultern und schüttelte den Kopf. „Ich glaub nicht."
„Ist Thea schon bei euch?"
„Nein. Wieso kommen Sie so spät in der Nacht zurück?"
Cassaras ging langsam zu ihr und lehnte sie mit Blick auf die Wellen an das Deckshäuschen. „Unter Wasser ist es nicht gerade einfach, die Uhrzeit festzustellen."
Oh. Da hatte er natürlich recht. Alea beobachtete den Prinzen dabei, wie er sich die Haare zusammenband. Ihr lagen so viele Fragen auf der Zunge, dass sie nicht wusste, welche sie zuerst stellen sollte.
Da begann Cassaras aber auch schon selbst. „Weißt du über die Sache mit Lennox Bescheid?"
„Ihn traf Muras Fluch."
„Genau. Das hat er dir bestimmt gesagt. Vermutlich möchtest du aber wissen, ob man den Fluch von ihm nehmen kann."
Alea wandte ihren Kopf zu Seite. Das hatte sie sich tatsächlich die ganze Zeit über gefragt. Sie nickte. „Wissen Sie etwas darüber?"
„Ja."
Alea bekam eine Gänsehaut. „Kann man ihn heilen?", flüsterte sie.
Cassaras sah sie eine Weile lang schweigend an. Dann antwortete er: „Nein. Man kann ihm nicht helfen."
Etwas in Alea, die kleinste Hoffnung, an die sich sich zuvor geklammert hatte, zerplatzte mit einem Mal. Sie spürte, wie sich Tränen in ihren Augen sammelten, und schaute schnell weg. Lennox war verloren. Für immer verloren.
„Es stimmt jedoch, dass Flüche nicht ewig andauern."
„Wie lange?"
„So lange, bis die Nixe, die den Fluch ausgesprochen hat, ihn rückgängig macht."
In Aleas Kopf ratterte es. „Mura ist tot", sagte sie tonlos.
„Ja. Deshalb kann sie ihn nicht mehr zurücknehmen. Außerdem müsste sie genau das Gegenteil dessen fühlen, was sie beim Aussprechen des Fluches gefühlt hat."
Sofort flammte Wut in Alea auf. Wut auf Cassaras. Er selbst hatte Mura umgebracht, obwohl sie es auch durch eine Lafora lösen konnten, damals, als die Nixe Lennox zu einem Kampf auf Leben und Tod aufgefordert hatte – Toran Tracarta. Und nun entschuldigte er sich nicht einmal und erzählte ihr dies ohne jedwede Regung? Er hatte ja nicht einmal mit der Wimper gezuckt, als er ihr Lennox' Todesurteil versichert hatte.
„Was geschieht nun mit ihm?", fragte sie.
„Er wird nicht sterben – falls du dir das gerade gedacht hast. Jedenfalls nicht am Fluch."
„Weil er auf ewig ins Verderben gestürzt wird?" Alea fixierte ihn mit ihren Blicken.
„Genau", sagte Cassaras jedoch gleichgültig.
Alea sprang auf. „Wie können Sie das sagen?!", rief sie und dachte gerade nicht daran, dass sie dadurch mindestens Siska aufweckte. „Wie können Sie das einfach so sagen? Wie können Sie das sagen und nichts dagegen unternehmen? Wie können Sie das sagen und hier herumstehen, während Lennox... während er Höllenqualen erleidet?"
Sofort hatte Cassaras seine Verteidigung aufgebaut. „Ich soll untätig herumstehen? Wer steht hier untätig herum? Nicht ich – du! Ihr alle! Ihr legt alle die Hände auf den Schoß und wartet darauf, dass etwas geschieht. Ihr alle hofft, dass irgendjemand die Sache mit dem Fluch wieder regeln wird. Wird ja bestimmt irgendjemanden geben. Mich zum Beispiel."
„Aber Sie waren ja auch nicht gerade von Nutzen! Hauen ohne Vorwarnung ab und lassen Lennox einfach zurück, obwohl Sie wissen, wie es um ihn steht!"
„Ach, das glaubst du also?! Du glaubst, ich überlasse es einfach euch zu denken und kümmere mich nicht darum, was aus ihm wird?"
Alea und Cassaras starrten sich einander an. Da wurde Alea bewusst, dass sie im Unrecht lag. Das erste, das Cassaras sie gerade gefragt hatte, war, ob es Lennox gut ginge. Der Nixenprinz war nach dem Gespräch mit Lennox ins Wasser gegangen, vermutlich um nach einer Lösung zu suchen, die er davor noch nicht kannte. Und die Cru hatte noch nicht einmal einen Versuch gestartet, etwas gegen den Fluch zu unternehmen.
DU LIEST GERADE
Mein Alea Aquarius 9
FanfictionEndlich in Rom angekommen, steht für die Alpha Cru das große Umweltkonzert an. Außerdem wollen sie am Tag darauf Orion überfallen. Alea und ihre Freunde müssen aber alle Pläne über Bord werfen, als der Doktor hinter ihr Vorhaben kommt. Die Rettung d...
