Verflucht

244 12 10
                                        

„Wow, wie krass ist das denn!?", rief Sammy und beäugte Lennox' Nacken. „Sind das Cassaras' Male? Vielleicht haben sie sich ja irgendwie verbunden oder so, als sie erfahren haben, dass sie verwandt sind. Kann doch sein, oder?" Er pfiff leise durch seine Zahnlücke. „Echt cool. Aber was hat das mit Lennox' Krankheit zu tun?"

Ben starrte genauso fassungslos wie Alea auf die Male. Da schien es auch ihm wie Schuppen von den Augen zu fallen. „Ach du große Scheiße...", brachte er hervor.

Alea fuhr mit ihrem Finger die Linien nach. Sie fühlten sich krustig an und wurden leicht hervorgehoben. „Das sind nicht Cassaras' Nixenmale", murmelte sie und schluckte. Lennox hatte recht gehabt. Ja, sie hatte sich schon Sorgen gemacht, bevor sie dies gesehen hatte. Aber nun machte sie sich noch viel mehr. „Es sind die von..." Ihre Stimme versagte.

„Mura", sagte Ben tonlos.

Sammy sah seinen großen Bruder mit offenem Mund an. Dann wanderte sein Blick zu Lennox. „Ihr meint... er wurde verflucht?" Alea fuhr sich über ihren eigenen Nacken, doch dort konnte sie nichts Ungewöhnliches fühlen. „Aber... Mura hat doch gar keinen Fluch auf Lennox ausgesprochen!" Sammy schüttelte den Kopf, als wollte er den Gedanken von sich abwerfen.

„Sie hat den Silberumhang verflucht", sagte Siska.

„Und Lennox hat die Silberfäden benutzt." Alea konnte es immer noch nicht fassen. Als sie die Vision von Gat'Nambeessa gesehen hatte, hatte sie vermutet, der Silberumhang wurde Minuten davor verflucht. Aber offenbar waren dies keine Minuten, sondern Stunden gewesen.

„Allerdings hast du sie auch benutzt!", rief Siska und sah Alea besorgt an.

Alea öffnete den Mund, brachte jedoch keinen Laut über die Lippen. Schließlich schüttelte sie den Kopf. „Ja, aber vor Lennox. Es könnte sein, dass Mura den Fluch direkt danach ausgesprochen hat."

„Das wäre ein ziemlich großer Zufall gewesen", warf Tess ein und Sammy verbesserte sie nicht einmal, dass es keinen Zufall gäbe. „Vielleicht war es auch Schicksal", verbesserte Tess sich dann selbst.

Sammy ging darauf nicht ein. „Wie lautete der Fluch noch mal?"

Alea wollte es gar nicht mehr so genau wissen.

„Der Betroffene würde für immer ins Verderben gestürzt und solle es auf ewig bereuen, den Umhang angelegt zu haben", antwortete Siska.

Alea merkte, wie sich ihre Härchen aufstellten. „Deshalb wollte er mit Cassaras darüber reden", murmelte sie nach einem Moment des Schweigens. „Cassaras ist eine halbe Nixe und kennt sich besser mit Flüchen aus als wir."

„Eventuell hat Lennox ihn nach einer Möglichkeit gefragt, den Fluch rückgängig zu machen", sagte Ben.

Da stand Alea abrupt auf. „Ich gehe jetzt Lennox' Notizen suchen", vermeldete sie, drehte sich um stiefelte geradewegs in die Mädchenkajüte. Alea wusste, dass sie sie dort nicht finden würde, und die Alpha Cru wusste es garantiert auch. Aber sie brauchte einen Moment, um allein zu sein. So sahen die anderen die Tränen nicht, die ihr nun haltlos über die Wangen liefen.

***

Alea wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Irgendwann wischte sie ihre Tränen fort und ging nach draußen. Ben saß an Lennox' Sofa und schien leise auf ihn einzureden. Alea sah, dass es auch in seinen Augen verräterisch glänzte, als sie nun nähertrat.

„Hey", murmelte sie und betrachtete Lennox. Seine Lider flackerten, aber anders als in einem Fiebertraum schien er keine großen Schmerzen zu empfinden.

Ben stand auf und fuhr sich durch seine Rockstarfrisur. „Dann übernimmst du jetzt", sagte er mit kleinem Lächeln.

Alea versuchte es zu erwidern, brachte jedoch nichts als eine Grimasse fertig. Sie setzte sich auf den Boden, nahm Lennox' Hand und gab ihm einen sanften Kuss. „Hörst du mich?", fragte sie leise und strich mit dem Daumen über seine Handfläche. Lennox seufzte tief, schien sie aber nicht gehört zu haben, denn sonst zeigte er keine Reaktion. Alea sah ihn unschlüssig an. Was sollte sie sagen? Ihm versprechen, dass alles gut werden würde, wie er es schon oft bei ihr getan hatte? Ihm sagen, wie sehr sie ihn liebte und dass er das hier überstehen musste? Oder sollte sie gar nichts sagen? Alea bettete ihren Kopf leicht in Lennox' Schulterbeuge. „Willst du wissen, was ich in der Silberfandenvision gesehen hab?", flüsterte sie dann kaum hörbar. Wieder musste sie mit den Tränen kämpfen. „Ich habe uns gesehen..." Sie erzählte Lennox stockend von dem Strand und dem Baby, dem Adetari, der sie mit glänzenden Augen angesehen hatte. Alea zitterte und sie lauschte dem leisen Herzklopfen unter Lennox' Brust, das ihn gleichmäßigem Rhythmus erklang.

Da bewegte sich Lennox' Kopf plötzlich zur Seite und war nun ihr zugewandt. Alea hob den Blick. Er lächelte. „Das ist... schön", murmelte er und Alea hatte Mühe ihn zu verstehen. „Das heißt, ich... schaffe das hier."

Alea schluchzte laut auf, obwohl sie sich vorgenommen hatte, nicht zu weinen. „Ja", sagte sie bewegt. „Ja, das wirst du. Das wirst du, Lennox."

Lennox hustete auf und lachte leise. „Du hast mir gerade einen Befehl erteilt."

Alea lächelte verzweifelt. „Und wirst du ihn auch ausführen?"

„Mir bleibt... wohl nichts anderes übrig." Lennox öffnete leicht die Lippen und sie küsste ihn. Zwar erwiderte er ihren Kuss nicht, aber das machte im Moment nichts.

„Ich bin bei dir", versprach sie mit erstickter Stimme. „Ich bin hier und wenn du irgendetwas brauchst, dann lass es mich wissen, okay?"

Doch Lennox war schon wieder eingeschlafen.


Mein Alea Aquarius 9Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt