Emotionstribunal

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Aus Orions Gesicht sprach die nackte Angst, als sie einen Wimpernschlag später über dem Meer brausten. Der selbe Tunnel wie in Venedig hatte sich gebildet, von dem aus sie in Schallgeschwindigkeit über das Wasser, dann über Land und wieder über Wasser flogen. Lennox, der zuvor Aleas Hand gehalten hatte, löste sie und fixierte Orions Arme hinter dem Rücken. Der Doktor würde nicht entkommen.

„Was ist das?!", rief dieser aufgebracht und schlug mit den Beinen wild um sich. „Wo führt das hin?"

Thea sah ihren einstigen Ziehvater stumm an, wie der sich in seiner Angst wand und seinem Schicksal nicht entkommen konnte. Es war von dem Moment an besiegelt, als er durch die Tür in den Salon gekommen war. Von dort an gab es kein Zurück mehr für ihn.

Plötzlich waren sie unter Wasser. Alea hatte wieder nicht bemerkt, dass sie untergetaucht waren, und sie hoffte innerlich, dass Ben, Tess, Sammy und Siska alles gut überstehen würden.

Alea spürte, wie sie sich verwandelte und ihre Schwimmhäute wuchsen, sowie die von Thea, deren Hand sie noch immer hielt. Als sie einen Blick umher warf, fiel ihr ein riesiger Stein vom Herzen. Um Tess, Ben, Sammy und Siska hatten sich wieder die grün glitzernden Blasen gebildet, in denen sie problemlos atmen konnten und die sie vom Wasser trennten.

Alea sah den bunten Ozean an ihr vorbeiziehen, sah Fischschwärme, die eine Sekunde später wieder dem weiten Ozean wichen. In rasender Geschwindigkeit hielten sie auf den Grund zu.

Thea sah Alea entgeistert an. „Wo gehen wir hin?", gebärdete sie. „Was ist das für ein Tunnel?"

„Er führt zur Talassiopa", antwortete Alea. „Und zu der mächtigsten Lafora, diese, die Orion richten wird."

Alea merkte, dass Orion sie entgeistert anstarrte. Seinem Gesicht war alle Farbe gewichen und glich nur noch einer angstverzerrten Fratze.

Irgendwann glomm ein Licht von Weitem her auf. Alea erwartete, dass sie dort das Herz des Ozeans erwarten würde, doch das blieb aus. Das Licht schien vom Meeresgrund zu kommen und bildete einen perfekten Kreis. Als sie näher kamen, erkannte Alea, dass in diesem Kreis eine Kreatur auf sie wartete, die schier aus Rauchschwaden zu bestehen schien, aus unendlichen Wirbeln, die zwei große Augen bildeten.

Dies war die Lafora Grarmathacht.

Und sie wartete bereits auf sie.

Der Sog, der die Cru nach unten gebracht hatte, ebbte nach und nach ab und verschwand schließlich gänzlich. Sie hatten den Grund erreicht.

„Nein!", stieß Orion hervor, aber gegen Lennox' stählernen Griff konnte er nichts ausrichten. „Nein!"

Grarmathachts Augen ruhten auf ihm. „Gegrüßt seist du, Aquilius, Sohn der Jorun und des Finnoliold", sprach sie mit ihrer flüsternden Stimme.

Orion schüttelte heftig den Kopf. „Nein", brachte er hervor. „Das wirst du nicht tun. Nein! Ich lasse das nicht zu, du wirst mich nicht richten. Das wagst du nicht. Ich... nein..." Ihm versagte die Stimme.

Die Lafora wandte sich an die anderen. „Kommt in meinen Kreis", sagte sie. Alea und die anderen traten zögerlich vor. Das Leuchten fühlte sich warm an, und obwohl Alea noch ihre Schuhe trug, spürte sie deutlich, wie es darunter pulsierte. „Du kannst ihn jetzt loslassen", bedeutete Grarmathacht Lennox. Zögerlich lockerte dieser den Griff und ließ Orion los. Der Doktor wollte sogleich wegschwimmen, aber dort, wo das Licht nach oben strahlte, schien eine unsichtbare Mauer für ihn entstanden zu sein, durch die er nicht kam. Orion war gefangen.

Alea richtete ihre Augen auf sein Stimmungsspiel. Viel gab es jedoch nicht zu sehen, nur schreiend rote, zackenartige Angst und... Alea kniff die Augen zusammen. Da war noch etwas, ganz sachte und klein, als wüsste es nicht, ob Orion tatsächlich dies fühlte. Es waren mattgraue zarte Schlieren, die nach oben stiegen und wieder sanken. Sie brauchte einen Augenblick, bevor sich ein Wort in ihrem Kopf formte: Schicksalsergebenheit.

Das, was nun kam, würde Orion akzeptieren.

Alea sah den Doktor überrascht an. Der jedoch versuchte abermals aus dem Kreis zu entkommen. Erfolglos.

In dem Moment wanderte dunkler Rauch seine Beine hoch und wenig später konnte er sich keinen Zentimeter mehr bewegen. Grarmathacht hielt ihn mit ihrer Magie fest.

Orion zitterte am ganzen Leib und öffnete den Mund. Doch kein Wort kam aus ihm heraus. Er stand bloß hilflos ausgeliefert da und starrte in die Augen der Lafora.

„Aquilius", sprach diese nun, „du bist heute hier, weil du unzählige Verbrechen begangen hast. Erstens", ein kleiner Lichtball stieg aus dem Kreis hervor, „bist du in die heilige Schatzkammer der Nixen eingedrungen und wolltest dich ihres Reichtums bemächtigen. Ist das wahr, so stimme mir zu."

Orion schwieg. Doch dann verließen ihn wie von selbst die Worte: „Das ist wahr."

Die Lichtkugel stieg in die Höhe und verharrte.

„Zweitens", fuhr Grarmathacht fort und ein weiterer Lichtball schälte sich aus dem Kreis. „Zweitens hast du eine ganze Darkonermannschaft zu dir befohlen, angeführt von Zeirus, Sohn der Kerenn und des Zeirus. Mithilfe eines Betrugs konntest du sie hörig machen und für immer an dich binden. Ist das war, so stimme mir zu."

„Das ist wahr", murmelte Orion, während Alea sich wunderte, dass Zeirus' Vater offenbar auch Zeirus hieß.

Die Lichtkugel stieg empor und blieb neben der anderen stehen.

Grarmathacht sprach weiter. „Drittens hast du einen Virus erschaffen, der die gesamte Meerwelt zugrunde richtete und dich auch noch als Retter dieser Welt ausgegeben. Ist das wahr, so stimme mir zu."

Orion starrte auf den Boden. „Das ist wahr", flüsterte er kaum hörbar und eine dritte Lichtkugel stieg auf.

„Viertens hast du wiederholt Gretzer in See stechen lassen, die mitunter radioaktiven Müll im Meer abgeladen haben und es heute noch tun. Ist das wahr, so stimme mir zu."

„Das ist wahr."

„Fünftens hast du dich gegen die Elvarion der letzten Generation in jeder Hinsicht aufgestellt und ihr entgegengespielt. Ist das wahr, so stimme mir zu."

Orions Blick wanderte zu Alea. „Das ist wahr."

„Sechstens hast du einen Virus entwickelt, der sämtliche Magische dahinraffen lässt. Sogenannte Experimente hast du an Magischen durchgeführt, die dadurch qualvoll gestorben sind. Ist das wahr, so stimme mir zu."

Auf Orions Lippen bildete sich ein feines Lächeln, als er Aleas erschreckten Gesichtsausdruck sah. Orion hatte den Virus fertig? War er bereits ausgesetzt? „Das ist wahr", sagte Orion.

Die sechste Lichtkugel stieg empor.

Grarmathacht musterte Doktor Orion, bevor sie fragte: „Bereust du, was du getan hast, Aquilius, Sohn der Jorun und des Finnoliold?"

Alea hatte mit Staunen zugesehen, wie aus Orions Stimmungsspiel sämtliche Angst gewichen war. Da war nun nichts mehr – keine einzige Farbe, keine Form, nicht der geringste Schatten.

Orion sah Grarmathacht mit erhobenem Kinn an. „Ich bereue nichts", lautete seine Antwort.

„So sei es denn", sagte Grarmathacht. Die sechs Lichtbälle sanken vor Orion nieder und vereinten sich zu einer Einheit. Alea schirmte sich die Augen ab. Etwas dunkles formte sich aus dem Licht und nahm langsam Gestalt an. Die Silhouette eines Mannes erschien und trat aus dem Licht heraus, das nach und nach immer dunkler wurde und nach kurzer Zeit gänzlich verschwand.

Er hatte glatte, schulterlange Haare und ebenso blaue Augen wie Orion. Auch trug er denselben Hoodie und dieselbe Schlabberhose, er hätte als Orions älterer Bruder durchgehen können. Um seine Augen herum bildeten sich leichte Falten und seine Züge waren hart und eiskalt.

Alea fröstelte bei dem Anblick. Wer war dieser Mann?


Mein Alea Aquarius 9Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt