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Auch das Klopfen von Billy ändert nichts an der Tatsache, dass Wina gerade in ihrem kleinen Zimmer, in dem beschissenen Trailer, der sich auf den noch beschisseren Trailerpark und der wohl schlimmste Stadt aller Zeiten befindet.
Die Tränen laufen ihr ungebremst über die Wangen.
Auch wenn sie vorher schon mitbekommen hatte, wie Eddie andere Frauen zu sich mitnahm, war das ganze mit Chrissy wie ein Schlag ins Gesicht. Ein Schlag zu viel.
Bei all den anderen Malen, konnte sich Wina zumindest einreden, dass beide getrennt waren. Doch bei diesem Verrat nicht nur von ihrem Partner, sondern auch von ihrer besten Freundin konnte sie nicht mal das.

Es dauerte viel zu lange, bis Billy es aufgab, an der Tür von Wina zu hämmern. Obwohl er fast die Tür einschlug, konnte er ihr markerschütterndes Schluchzen auch durch die Tür wahrnehmen. Wut stieg in Billy hoch. Wut auf den Freak. Wut darüber, dass er Wina den Schmerz nicht nehmen konnte. Wut, dass er sie nicht mal trösten konnte.

Erst als Billy schon lange weg ist, schafft Wina es sich zu beruhigen. Sie hatte Eddie schon öfters mit anderen Frauen gesehen. Mehr als einmal, doch jedes Mal durfte er es. Immer wenn es mit jemanden zur Sprache kam, beispielsweise mit Chrissy oder Gareth lächelte sie das Thema und ihren Kummer einfach weg. Gerade wünschte sie sich, sie hätte es irgendwann mal bei Eddie zur Sprache gebracht, doch nachdem sie bei seinem Versuch nur unbeteiligt mit den Schultern gezuckt hatte, hat er es nicht nochmal versucht.
Eddie meinte einfach nur, dass sie eine kleine Kriegerin sein. Damit war für ihm das Thema durch.

Wina schaffte es, sich irgendwie aufzurappeln und zu ihrem kleinen Hängeregal zu laufen.
Seitdem sie sich von Eddie getrennt hat, war ihr Blick nicht mehr drauf gefallen, doch jetzt gerade machte sie das ganze mehr als wütend. Sie zog die Ausgabe von Herr der Ringe davor, was sie nur Eddie zu Liebe gelesen hatte.
Ok, die Story um Frodo und den Ring liebte sie einfach, doch es war viel zu lang. Nicht mit den anderen Büchern, die sich stapelten.
Sie liebte Schauerromane und es war kaum verwunderlich, dass sich auch Dracula und Frankenstein darunter befanden. Beide absolut nicht künstlich in die Länge gezogen. Auch Romane von Charles Platt, der mit Sweet Evil ihr absolutes Lieblingswerk geschrieben hatte.

Wina hebt das dicke Buch hoch, schwingt es und schafft es den Papierkorb, auf den sie gezielt hatte, meilenweit verfehlen.
Es kracht mit voller Wucht gegen die Wand und schafft es das Bild, was von ihrem ersten und einzigen Schulball dort hängt, herunterzureißen.
Sobald der Rahmen, den Boden erreicht hat, zerbricht das dünne Glas und segelt durchs Zimmer.
Eigentlich hätte Wina jetzt fluchen sollen, doch ihr ist eher nach lachen zumute.
Etwas aufgeheitert, greift sie nach dem Bilderrahmen und blickt auf das Bild.
Sie steht neben Jonathan Byers, der sich tatsächlich getraut hatte sie einzuladen und da sie gedacht hatte, Eddie würde sie nicht fragen, hatte sie ja gesagt.
Beide stehen zwar nah auf dem Bild nebeneinander, doch beide wirken sehr unwohl in ihrer Haut.
Wina konnte sich noch genau daran erinnern, dass ihr genau in dem Augenblick anfing der Hintern zu jucken und Jonathan wirkte sowieso immer so, als wäre er lieber woanders.
Ein echtes Lachen kommt über ihre Lippen, ein kleiner Moment der Sorglosigkeit, bevor ihr einfiel, was nach diesen absolut grausamen Schulball folgte.
Mal wieder waren ihre Gedanken bei Eddie angekommen und innerlich hasste Wina sich dafür.
Unvorsichtig streckte sie ihre Hand nach den Scherben aus und schnitt sich prompt in die rechte Handfläche.
"Verfluchte Scheiße. Ich hasse mein Leben", schreckte Wina zurück.
Vielleicht lag es an dem Fluchen, dass es Wina etwas besser ging oder der Schmerz half ihr mehr, mit der Situation umzugehen.
Zögerlich streckte Wina ihre blutende rechte Hand nach der Scherbe aus und hob sie überrascht ins Licht. Irgendwas an diesem kleinen Stück, mit den scharfen Kanten zog sie magisch an. Sie hob sie etwas ins Licht ihrer Zimmerlampe. Fasziniert, beobachtete sie, wie sich das Licht in ihr brach und einen kleinen Regenbogen erzeugte.

Irgendwie fand Wina sich am Schreibtisch wieder, wie sie das hingekommen war, konnte sie nicht beantworten. Doch sie sah nun hier, hatte ihren linken Arm über die Tischplatte ausgestreckt. Mit der Scherbe, sie sich noch immer fest in ihrer rechten Hand befand, zog sie kleine Linien über ihren Arm.
Es war nicht feste genug, um sie ernsthaft zu verletzten, doch das gute Gefühl, was sie durch ihren Schnitt erlangte, ebbte langsam ab.
Sich selbst bestärkend, dass sie das ganze hier nur für ihren eigenen Seelenfrieden durchzieht, zieht sie mit deutlich mehr Kraft die Scherbe über ihren linken Arm, etwas unterhalb der Armbeuge.

Eine gute Stelle für einen ersten Probeversuch, da sich diese hervorragend abdecken ließ.
Erst als die Scherbe sich durch die Hautschichten gefressen hat, setzt der Schmerz so abrupt ein, dass Wina die Tränen in die Augen schießen.
Perplex lässt sie die Scherbe vor sich auf den Schreibtisch fallen und blickt auf den tiefen Schnitt, denn sie sich selber zugefügt hat.
Sie wimmert auf vor Schmerz, doch dieser Schmerz war nicht so unerträglich wie das schwarze Loch in ihrer Brust. Es war befreiend und schaffte sie irgendwie alles zu vergessen.
Fasziniert greift sie zu ihrem Schreibheft und krizelte jedes Gefühl auf, was sie gerade erfährt. Versucht genau festzuhalten, wie sich der Schmerz anders anfühlt, als der ganze Schmerz mit Eddie. Beim Schreiben zuckt ihr kurz der Gedanke an Selbstmord durch den Kopf, doch er ist so schnell wieder verschwunden, dass Wina nicht mal mitbekam, wie dieses kleine "Experiment" eine imaginäre Grenze für ihren Verstand einriss.
Etwas packte sie an der Schulter und der Schrei der aus Winas Kehle kommt, ist nicht aufzuhalten.
Verwundert starrt sie in das Gesicht von Eddie. Seine brauen Augen sind glasig vom Alkohol, sodass er nicht mal das Blut bemerkt, was noch immer leicht aus dem selbst zugeführten Schnitt läuft. Der Schnitt an der rechten Hand, der beim weiten nicht so tief war, hatte schon lange vor diesen zweiten Schnitt aufgehört zu bluten.

Verlegen beißt Wina sich auf die Lippen, doch bevor einer von beiden überhaupt einen vernünftigen Satz heraus bringt, sackt Eddie auf dem Bett von Wina zusammen und schläft ein.
Ein seufzchen kommt über die Lippen von Wina. Ihr ist klar, dass, selbst wenn sie wollen würde, Eddie dort nicht mehr wegbekommt.
Also ergibt sie sich ihrem Schicksal und zieht Eddie die Schuhe aus, deckt ihn zu, bevor sie die restliche Nacht über ihn wacht, aus Angst, er könnte an seiner eigenen Kotze ersticken.


Hallo ihr Lieben. Heute bin ich tatsächlich nicht ganz mit dem Kapitel zu Frieden, aber ich arbeite an ein paar Zusatzkapitel zu der Story, die Eddie und Wina mehr beleuchten. Habt ihr vielleicht auch Lust zu hören, was sich bei dem Schulball ereignet hat?

𝕿𝖗𝖆𝖎𝖙𝖔𝖗 (𝕭𝖎𝖑𝖑𝖞 𝕳𝖆𝖗𝖌𝖗𝖔𝖛𝖊 / 𝕰𝖉𝖉𝖎𝖊 𝕸𝖚𝖓𝖘𝖔𝖓)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt