25. Kapitel - Schein und Mord

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Tage vergingen, in denen nichts geschah, außer drei Mahlzeiten am Tag und Stunden des Nachdenkens. Pflichtgemäß brachte Leranas Mann ihm seine Mahlzeiten, doch stellte er es nur lieblos auf den Nachttisch und ging wieder. Kaum ein Wort wechselte er mit Sylan, und Interesse an ihm ließ er gänzlich vermissen. Wenn er es gewollt hätte, hätte er den Mann vielleicht verstanden, doch Sylan versank eher ein seinem eigenen Elend, als dass er sich Gedanken über andere machte. Der einzige, um den er sich sorgte, war sein Vater.

Ständig fragte Sylan sich, wie es jetzt weitergehen wird. Unentwegt zweifelte er an seiner Entscheidung sich den Suchern anzuschließen. Er hatte Angst zu versagen, und fürchtete sich davor, es zu schaffen. Nur weil er Phialas Sohn war, hatte er haufenweise Feinde, Feinde, von denen er nicht einmal wusste, und die Fähigkeiten, sich ihnen zu widersetzen, ließ er bei weitem vermissen. Sylan konnte nicht sagen, ob er darauf hoffte, dass endlich etwas passierte, oder ob er lieber dafür beten sollte, dass Teldoin ihn einfach vergaß, ihn gehen ließ, wohin immer er wollte. Er könnte seinen Vater suchen, ein neues Leben aufbauen, ein Leben ohne Mord, Intrigen und vererbten Feinden.

Doch so viele Gedanken er sich auch machte, das Unvermeidliche trat letztendlich ein. Sein Rücken war so gut wie genesen, von den unglaublichen Schmerzen, die ihm die Peitschenhiebe beschert hatten, waren nur noch rote Striemen geblieben. Dadurch konnte er das erste Mal seit er dieses Haus betreten hatte, das Bett wieder verlassen und unbeholfen die Treppe herab stolpern. Leranas Mann schien es nicht für nötig zu halten, ihm zu helfen. Sylan fühlte sich, als wären seine Muskeln in den letzten Wochen vollständig verschwunden, und nur seine Knochen und Sehnen hielten ihn überhaupt aufrecht, allerdings mehr schlecht als recht.

Doch das kümmerte niemanden, selbst wenn er den Mut aufgebracht hätte, sich zu beschweren. Weder der Mann, der ihn zur Tür brachte, noch das Mädchen, welches ihn dort empfing, scherte sich um Wohlbefinden. Ein kurzes Nicken, und dann schloss sich die Tür hinter ihm. Leranas Mann war noch nie der gesprächigste gewesen und der Tod seiner Frau hatte es nicht zum Guten gewandelt, ganz im Gegenteil.

Die Gasse sah noch genauso aus, wie er sie in Erinnerung hatte. Schäbige mehrstöckige Häuser, die die Sonne fern hielten und die Gasse so noch dunkler machten als es um diese abendliche Uhrzeit sowieso der Fall war. "Komm mit", rief das Mädchen und lief mit bloßen Füßen durch den Dreck die Gasse entlang. Die blonden, verdreckten Haare wehten hinter ihr her, und Sylan hatte Mühe, dem vom kindlichen Eifer angetriebenen Mädchen zu folgen. Plätze, Straßen und Gassen ließen sie hinter sich, mal konnte er die innere, kurz darauf wieder die äußere Mauer sehen, und so dauerte es nur einige Minuten, bis Sylan vollkommen die Orientierung verloren hatte.

Lachend sprang das Mädchen von Pfütze zu Pfütze, scherte sich nicht darum, dass das Wasser voller stinkendem Unrat war, oder das ihre Kleidung dabei nass wurde. Sie genoss das Leben und machte sich keine Gedanken über Dinge, an denen sie ohnehin nichts ändern konnte. Der drohende Krieg war weit entfernt, vor einer Zwangsrekrutierung musste sie sich als Mädchen auch keine Gedanken machen. Genauso wenig ging sie die Magierverfolgung etwas an, wenn sie überhaupt jemals davon gehört hatte.

Einige Kupferstücke waren ihre Bezahlung, als sie auf einem kleinen Hinterhof auf Einauge trafen. Das Mädchen strahlte, während sie das Geld in den Händen hielt, als hätte sie damit für ihr ganzes Leben ausgesorgt und verschwand hüpfend wieder in den labyrinthischen Straßen von Askeron. Wieder einmal hatte Einauge die Kapuze seines Mantels über sein Gesicht gezogen und verbarg somit eine eventuelle Schwäche durch ein fehlendes Auge. „Willkommen bei den Suchern", begrüßte er Sylan, als er sich sicher war, dass das Mädchen außer Hörweite war. „Manch einer mag dich darum beneiden, so schnell einer von uns zu werden." Er redete weiter, während er sich an einer Falltür zu schaffen machte, die augenscheinlich in einen Keller führte. „Du hast dir durch deine Mutter eine Menge Botengänge und langweilige Aufgaben erspart", meinte er, als die Tür in erstaunlich gut geölten Angeln, und ohne ein Geräusch zu verursachen, aufschwang.

Im Bann der DelaniGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt