Nachdem sie den kleinen Platz, auf dem der Kampf stattgefunden hatte, verlassen hatten, war er dem Elfen bis zum Gasthaus von Graufurt gefolgt. Dies war ein großes Haus, mit einem noch größeren Stall, um die vielen Reisenden und ihre Pferde aufzunehmen, welche das Dorf passierten. Eine stabile Steinmauer umgab das dreistöckige Gebäude. Denor wusste, dass das Gasthaus schon lange vor dem Dorf hier stand und sich zu der Zeit noch gegen umherziehende Räuberbanden wehren musste. Jetzt war dies nicht mehr der Fall, denn ein ganzes Dorf wurde nur selten überfallen. Allerdings hatte sich niemand die Mühe gemacht die Mauer abzureißen. Denor schüttelte den Kopf. Erstaunlich wieviel von dem Wissen, welches er vier Jahre lang Tag für Tag gelernt hatte, noch vorhanden war.
Sie betraten den Innenhof des Gasthauses durch einen großen Torbogen, den jeder Pferdekarren bequem passieren konnte. Denor fiel auf, dass die Tore, welche hier einmal für Schutz gesorgt haben mussten, nicht mehr vorhanden waren. Hier hatte niemand mehr Angst vor Räubern.
Der Elf wies ihn an sein Pferd zu holen, während er im Gasthaus einen Händler suchte, der ihm auf die Schnelle ein Pferd verkaufte. Während er Richtung Stall ging, dachte er über seinen neuen Begleiter nach. Wie hatte er es geschafft ohne ein Pferd vor berittenen Soldaten zu flüchten und warum tat er dies überhaupt, wenn er diese auch mit Leichtigkeit besiegen konnte? Und als wäre dies noch nicht genug, merkte Denor nun, dass er noch nicht einmal den Namen des Elfen kannte. Wenn sie erst einmal aus Graufurt heraus waren, musste er ihm unbedingt ein paar grundlegende Fragen stellen.
Er hatte sein Pferd noch nicht fertig gesattelt, als ein untersetzter Mann, bei dem die Haare bereits anfingen zu ergrauen, den Stall betrat. Der Händler hatte einen ansehnlichen Bauch, machte mit seinem verschmitzten Lächeln aber einen freundlichen Eindruck. Kurz danach trat auch der Elf durch die Stalltür und gesellte sich zu dem unaufhörlich plappernden Händler. Der Elf trug mittlerweile wieder seinen Kapuzenmantel und hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen.
"Ich hab dieses Pferd gerade erst heute morgen einem Soldatentrupp abgekauft." fuhr der Händler fort ohne Denor zu beachten. "Sie hatten ein Pferd mehr als sie Soldaten hatten und wollten es schnell loswerden, weil es sie bei ihrem ach so wichtigen Auftrag behindere." Der Mann lachte: "So billig hab ich noch nie ein Pferd gekauft." Sofort musste Denor an die vielen toten Soldaten nicht weit von hier denken. Wären dessen Pferde nicht während des Kampfes geflohen, würden sie gar nicht hier stehen, sondern schon lange aus diesem Dorf hinaus sein. Er konzentrierte sich wieder auf das momentane Geschehen, als das grausam zugerichtete Gesicht des Soldaten, den er selber getötet hatte, vor seinem inneren Auge auftauchte. Denor zog sich schnell in den Sattel seines Pferdes, bevor seine Knie weich werden konnten und wartete darauf, dass das Geplapper des Händlers mit einem Münzbeutel beendet wurde und der Elf sich auf sein bereits gesatteltes Pferd setzte.
Den gesamten restlichen Tag ritten sie durch blühende Kornfelder und unberührte Wälder. Der Krieg schien diesen Teil des Landes nie erreicht zu haben. Mehrfach versuchte Denor ein Gespräch anzufangen, aber sein Reisegefährte war nicht sonderlich gesprächig und es gelang ihm noch nicht einmal den Namen des Elfen herauszufinden. Erst als die Sonne bereits hinterm Horizont verschwand, entschied der Elf ein Lager für die Nacht aufzuschlagen.
Also versorgten sie ihre Pferde und machten es sich so bequem wie es in einem Wald ohne ein Feuer möglich war, denn beide wussten, dass sie es sich nicht leisten konnten, dass ihre eventuellen Verfolger den Rauch ihres Feuers sahen. Denor setzte sich mit einer Wolldecke, die er aus einer seiner Satteltaschen geholt hatte, auf einen Baumstumpf, während der Elf sich nicht weit von ihm, mit dem Rücken an einen Baum lehnte. Zum ersten Mal hatte Denor Zeit ihn richtig zu betrachten. Unter seinem dunklen Kapuzenmantel, den er bereits wieder abgelegt hatte, trug er ein ledernes Stirnband, um seine spitzen Ohren zu verbergen. Das Gesicht des Elfen sah, entgegen seiner Erwartung, vollkommen gewöhnlich aus und unterschied sich kaum von dem eines Menschen. Was ihm allerdings auffiel war, dass er keine noch so kleine Falte erkennen konnte. Die Rüstung bestand aus grünem Leder, welches mit kleinen Metallplättchen verstärkt wurde. Denor erkannte sofort, dass es dieselbe Rüstung war, die auch der König der Elfen und seine Königin bei ihrer Hinrichtung getragen hatten. Er konnte sich an diesen Tag erinnern als wäre es gestern gewesen, obwohl er bereits fast zwei Jahre her war. Denor hatte ganz vorne gestanden, direkt vor den Soldaten, die den Podest vor der riesigen Menschenmenge abschirmten. Dadurch konnte er nicht nur die Rüstungen der Elfen sehen, sondern auch die letzten Worte von Ilanda, der Königin, hören.
"Erst wenn ihr euren wahren Feind erkennt, habt ihr eine Chance zu siegen." Diese Worte hatten Denor gezeigt, wie wenig sie über diesen Krieg wussten. Diese Worte hatten ihm gezeigt, dass er bei diesem Auftrag nicht wie all die Anderen versagen durfte, denn ohne den Krieg verstanden zu haben wird man ihn auch nicht überleben.
Und nun saß er direkt vor ihm, der Elf, der vielleicht auf all ihre Fragen eine Antwort wusste.
Denor war entschlossen dieses mal mehr herauszufinden als während der Reise hierher, doch bevor er etwas sagen konnte, fing der Elf bereits an: "Ich habe deine Frage nach meinem Namen nicht beantwortet", stellte er fest, "Ich bin Lendoran. Vielleicht hast du schon einmal von mir gehört." Und wie er von ihm gehört hatte. Lendoran war ein Name, der in vielen Geschichten vorkam und das über alle Zeitalter der Menschen verteilt. Dieser Elf war älter als die ersten Menschen, die diesen Kontinent betreten hatten, aber im Gegensatz zu diesen lebte er noch immer. Was ihn allerdings zu einer Legende machte war, dass man kaum etwas über ihn wusste. Lendoran war jemand, der kaum in der Öffentlichkeit auftrat und so konnte nie geklärt werden, welche der Geschichten der Wahrheit entsprachen und welche nur Mythen waren. Ihm wurde sogar nachgesagt, der Erste gewesen zu sein, der die Magie mit dem Schwertkampf verband und so den Kampfmagier erfand.
"Ich ... bin Denor Milasson." sagte er verlegen. Wieder einmal verfluchte er, dass er keinen Familiennamen hatte, wie all die reichen Dynastien. Er trug nur seinen Vater Milas im Namen, wie es in der einfachen Bevölkerung üblich war.
Doch Lendoran sprach, Denors Unsicherheit ignorierend, einfach weiter: "Warum kämpfst du an der Seite eines Elfen, obwohl du weist, dass du jetzt genauso verfolgt wirst wie ich?" Der Elf schien es aus irgendeinem Grund plötzlich sehr eilig zu haben mit ihm zu reden.
"Das macht keinen Unterschied." erwiderte Denor, "Es wird mittlerweile nicht mehr zwischen Mensch und Elf unterschieden, solange sie nur etwas mit Magie zu tun haben."
"Ich habe davon gehört, dass seit der Hinrichtung auch menschliche Magier getötet worden sind, aber da noch immer viele Soldatentrupps von Magiern begleitet werden, dachte ich nicht, dass sie auf die Vernichtung der Magier aus sind."
"Sie sind nicht nur darauf aus, mittlerweile sind sie fast damit fertig ... Die Magier, die in der Armee dienen, haben ihre Meister verraten und ihren eigenen Willen verloren. Ich weiß nicht wie es geht, aber wenn sie mit ihnen fertig sind, dann sind es nur noch leere Hüllen, die ihre Befehle ausführen." Nach einer kurzer Pause fuhr er fort: " Aber heute haben wir gezeigt, dass wir sie zusammen schlagen können. Das war der erste Sieg nach einer langen Reihe von Niederlagen." sprach Denor mehr sich als dem Elfen Mut zu.
"Du glaubst, dass das ein Sieg war?" Überrascht schaute Denor den Elfen an. Was meinte er damit? Doch er musste nicht lange auf eine Erklärung warten. Mit merkwürdig leiser und müder Stimme sagte Lendoran: "Was glaubst du werden die Menschen denken, wenn sie die Leichen ihrer Soldaten sehen und man ihnen erzählt, dass das ein Elf und ein Magier waren? ... Sie werden anfangen uns zu hassen, wenn sie es nicht sowieso schon tun. Es ist ihnen wieder einmal gelungen die Menschen auf ihre Seite zu ziehen."
"Aber ... Belenor ist doch selber ein Mensch und außerdem unser König. Warum sollte er versuchen uns so zu manipulieren?" Denor hatte das Gefühl noch weniger zu verstehen als vor dem Gespräch.
"Belenor unterscheidet sich nur wenig von den Magiern in seinen Diensten. Er steht nur ein paar Stufen höher, aber das ändert nichts daran, dass er nur ein Werkzeug in den Händen Anderer ist. Zugegebenermaßen ein Gutes, aber trotzdem nur ein Werkzeug."
"Aber wenn es nicht Belenor ist, wer ist es dann?" Denor erkannte sofort, dass das bislang scheinbar ihr Fehler war. Sie bekämpften zwar die Folge, aber nicht die Ursache! Sein Herzschlag beschleunigte sich und er lehnte sich erwartungsvoll nach vorne.
Doch aus irgendeinem Grund antwortete Lendoran nicht, er schaute einfach durch ihn hindurch als wäre Denor nicht da
Dann sprach er so leise, dass Denor ihn kaum verstehen konnte: "Es tut mir Leid."
"Was ...?" doch der Kopf des Elfen sackte nach vorne auf die Brust und er fiel langsam zur Seite, bis er mit einem dumpfen Aufprall auf dem Waldboden landete, bevor Denor seine Frage beenden konnte.
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Im Bann der Delani
FantasyEin Krieg endet, und ein neuer beginnt. Während die Witwen noch um ihre verstorbenen Ehemänner trauern, ziehen ihre Söhne bereits demselben Schicksal entgegen. Frieden ist nicht mehr als eine Erinnerung in den Köpfen der Menschen, Zwergen und Elfen...
