13. Kapitel - Geheimnisse zu dunkler Stunde

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Wie jede Nacht lag Sylan vollkommen erschöpft auf seiner dünnen Strohmatte. Totenstill war die Nacht, nur unterbrochen von den regelmäßigen Atemzügen seiner Kameraden. Sein Körper schrie danach es ihnen gleich zu tun und zu schlafen, aber sein Kopf ließ es nicht zu. Ein Gedanke nach dem anderen schoss durch seinen Geist, hielten ihn wach und drehten sich fortwährend um dieselben Fragen: Wer war diese Person? Was will sie von mir? Und welche Rolle spielt meine Mutter dabei? Aber vor allem eine Frage ließ ihn nicht los: Soll ich mich mit ihm treffen? Seit Wochen grübelte er über diese Frage, doch bislang hatte er sie noch nicht beantwortet, war noch nicht bereit für die Antworten, die ihn erwarteten. Nachdenklich betrachtete er das Gesicht Oleks, der friedlich neben ihm schlief. Wochen der Ausbildung und der Quälerei hatte sie zu Freunden gemacht. Ständig motivierten sie sich gegenseitig, angetrieben von einem gemeinsamen Traum: Den Krieg überleben und zur Familie zurückkehren zu können.

Bis zur totalen Erschöpfung trieb Naldric sie, doch die Jungen redeten sich ein, dass es ihre Überlebenschancen erhöhen würde und machten, dadurch angespornt, immer weiter. Jedesmal war es bereits dunkel, wenn sie zu ihrem Zelt zurückkehrten und es viel den meisten Jungen nicht schwer Schlaf zu finden. Olek war immer einer der ersten, der in die Traumwelt verschwand und von besseren Zeiten träumte, während Sylan länger auf diese Erleichterung warten musste. Was unterscheidet mich von ihm? überlegte er nicht zum ersten Mal. Was ist an mir besonders, dass sich Unbekannte für mich interessieren? Unruhig drehte er sich auf die andere Seite, starrte lieber die nackte Zeltplane an, als weiterhin den friedlich schlafenden Olek zu betrachten. Was ist, wenn ich mich hinausschleiche, und der Fremde bereits nicht mehr auf mich wartet? Habe ich vielleicht schon zu lange gewartet? Irgendetwas in ihm sträubte sich bislang erfolgreich dagegen, sein einfaches Leben aufzugeben und eine neue Welt zu betreten, die ihn mit rätselhaften Gestalten und reichlich Geheimnissen begrüßte. Wird es mir überhaupt möglich sein, mein momentanes Leben weiterzuführen? Oder wird mich das Vermächtnis meiner Mutter letztendlich einholen, egal, wie ich mich jetzt entscheide? Fragen über Fragen, die sich in einem ständigen Kreislauf wiederholten. Werde ich es später bereuen, mich nicht getraut zu haben? drängte sich eine Frage in seine Gedanken, die er sich bislang noch nicht gestellt hatte.

Entschlossen sprang er auf und verließ das Zelt, bevor er weiter zögern konnte. Er hatte einen Entschluss gefasst, und verbot es sich, weiter darüber nachzudenken. Es ist eine Gelegenheit, etwas über die Vergangenheit meiner Mutter zu erfahren. Nach all den Jahren möchte ich den Grund für ihre Verschwiegenheit wissen... Und für ihren Tod. So sehr es auch schmerzte, darüber nachzudenken, so sehr gab es ihm auch Kraft weiterzugehen. Zügig ging es zwischen den Zeltreihen hindurch, immer in Richtung Süden. Wenn ich erfahren habe, was ich wissen will, kann ich jederzeit wieder gehen, immer und immer wieder redete er sich dies ein, sosehr er auch selber daran zweifelte. Was erwartet der Fremde von mir, nachdem er mir seine Geheimnisse verraten hat? Wird er mir überhaupt erlauben hierher zurück zu kommen? Werde ich Olek je wiedersehen? Einen Moment zögerte er, bis er seine Zweifel überwunden hatte. Ich kann zurückkehren wann immer ich will. Durch pure Willenskraft und das Amulett seiner Mutter fest umklammert setzte er einen Fuß vor den anderen. Bald schon erreichte er das Ende des Heerlagers, als ihn der Schein einer Laterne aus seinem persönlichen Zwiegespräch riss. Sofort verließ er den breiten und von tiefen Furchen durchzogenen Hauptweg und suchte hinter einem der vielen Zelte Deckung. Geruhsamen Schrittes ging eine der sporadisch um das Lager verteilten Wachen nur wenige Meter entfernt an ihm vorbei. Allerdings schien sie mehr damit beschäftigt zu sein, den Sternenhimmel zu betrachten, als nach Eindringlingen zu suchen, und hinter Zelten schaute er schon gar nicht nach. Leise schlich Sylan sich im Rücken der Wache vorbei. Auch wenn er nicht direkt ein Eindringling war, so würde es doch seinen nächtlichen Ausflug beenden, wenn er entdeckte worden wäre. Das Waldstück, welches er jetzt ansteuerte, lag nicht weit von den letzten Zelten des Lagers entfernt und war wesentlich größer, als er es sich zuvor vorgestellt hatte. Drohend ragten die Bäume über ihm auf, als er zwischen sie trat. Das dichte Blätterdach über ihm verschluckte selbst das wenige Licht des Mondes, und ließ Sylan fast blind zurück. Ganz langsam bewegte er sich vorwärts, Zwang sich einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ängstlich warf er einen Blick zurück, suchte nach einem Anhaltspunkt in dieser Dunkelheit, und konnte zu seiner Beruhigung nur wenige Meter hinter ihm den Schein des Mondes entdecken. Ich kann mich nicht verlaufen, redete er sich ein, ich muss nur dem Licht folgen, um wieder zurückzukehren. Minutenlang tastete er sich durch den rabenschwarzen Wald, ohne zu wissen wonach er suchte. Er hatte das Gefühl, als wäre er schon stundenlang unterwegs, als er ein weiteres Mal einen Blick hinter sich riskierte. Finsternis umgab ihn, wohin er auch blickte. Panisch drehte er sich im Kreis, riss seine Augen auf, um auch das kleinste bisschen Licht aufzufangen, aber da war nichts, nur Schwärze. Aus welcher Richtung bin ich gekommen? Fragte er sich und verfluchte seine Panikattacke. Wie soll ich hier wieder herausfinden bevor es hell wird? Wird beim Morgenappel bemerkt werden, dass ich nicht da bin? Sein Herzschlag beschleunigte sich, als er an all die Strafen dachte, zu denen man ihn verurteilen könnte. Verzweifelt betrachtete er die dunklen Schemen der Baumstämme um ihn herum. Irgendwie muss ich hier wieder herausfinden! Es muss doch eine Möglichkeit geben, aber es fiel ihm beim besten Willen keine ein.

Im Bann der DelaniGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt