Knarzend machte sich die Treppe bemerkbar, als Lerana wie jeden Morgen mit dem Frühstück zu ihm kam. Wenige Moment später öffnete sich die Tür und die Heilerin betrat das Zimmer, in dem Sylan nun schon seit einigen Tagen wohnte. Die letzten warmen Strahlen der Sommersonne suchten sich ihren Weg durch die dünnen Vorhänge und tauchten Lerana in ein unnatürliches Licht. Vorsichtig stellte sie das Tablett neben ihm auf die Matratze, damit Sylan das noch warme Brot im Bett essen konnte. Wie immer umrundete sie das Bett, um sich auf der anderen Seite auf die Bettkante zu setzen.
Kurz schaute sie ihm beim essen zu, dann ergriff sie das Wort: „Wie war deine Mutter?“ Es war in den letzten Tagen bereits zu einer Tradition geworden, dass sich Lerana an jedem Morgen nach seiner Kindheit erkundigte. Während er aß, aber auch wenn sie danach seinen Verband am Rücken untersuchte, um abschätzen zu können, ob er erneuert werden musste, erzählte er ihr von seiner Kindheit, die schon so lange zurückzuliegen schien. Es tat gut, sich an die kleine Hütte zu erinnern, in der er mit seinen Eltern gewohnt hatte. Etwas abseits eines kleinen Dorfes und von Bäumen umringt, hatten sie die meiste Zeit ihre Ruhe. Mittlerweile hatte er erfahren, warum sich seine Mutter derart versteckte, doch verfluchte er sie deswegen noch immer. Die Jungen des Dorfes grenzten in bei jeder sich bietenden Gelegenheit aus und die Mädchen ignorierten ihn gleich vollständig. Niemand wollte etwas mit den Eigenbrötlern aus dem Wald, wie sie im Dorf genannt wurden, zu tun haben. Es schien fast, als würden die Menschen spüren, dass Phiala ein gefährliches Geheimnis hütete.
Er erzählte ihr von seinem Hund, dem einzigen wahren Freund, den er jemals hatte. Verträumt wie er war hatte er ihn Damian genannt, nach dem obersten Befehlshaber der Armee. Er hatte schon immer Ritter verehrt und welchen besseren Ritter, als deren Befehlshaber konnte es schon geben? Das Leben war einfach gewesen, seine Eltern, denen er vertrauen konnte, sein Hund Damian, der immer für ihn da war und ein Traum Ritter zu werden, der niemals in Erfüllung gehen würde.
Doch vieles hatte sich geändert: Sein Hund starb, als er zehn war, seine Mutter nur zwei Jahre später in ihrem brennenden Haus. Auch der Abstand zu den anderen Gebäuden hatte sie nicht gerettet. Als die Bäume um ihr Haus Feuer fingen, bildeten sie einen tödlichen Kreis, aus dem Phiala niemals entkommen konnte. Schließlich hat man ihm seinen Vater genommen und ihn in eine Welt geworfen, die er nicht mal im Ansatz verstand. Es hat sich alles verändert, langsam sickerte die Erkenntnis zu ihm durch, und es gibt keinen Weg zurück. Einauge hat die Wahrheit gesagt.
Aufmerksam musterte Lerana ihn und Sylan wurde bewusst, dass er noch immer nicht auf ihre Frage geantwortet hatte. Wie war meine Mutter? Widerstreitende Gefühle regten sich, als er an sie dachte. Schöne Erinnerungen aus seiner Kindheit, die fürsorgliche Mutter, die alles für ihren Sohn tat, stritten mit den Worten Einauges darum erhört zu werden. Zwei Seiten von ein und derselben Person, getrennt durch seine Geburt. „Ich hätte mir kaum eine bessere Mutter wünschen können“, meinte er schließlich. Es blieb bei dieser knappen Antwort, denn Sylan war nicht gewillt, mit einer Fremden über Phiala zu reden. Lerana nahm das Tablett mit, als sie sein Zimmer wieder verließ. Die Treppe knarzte erneut und Sylan war wieder alleine, in seinem Bett liegend und nachdenklich in die Luft starrend.
Er wusste sofort, dass etwas nicht stimmte, als Leranas Mann das Zimmer betrat, um ihn das Mittagessen zu bringen. Seit dieser ihm und Einauge die Tür geöffnet hatte, war er wie vom Erdboden verschluckt gewesen. Nicht einmal seinen Namen hatte Sylan erfahren. Wortlos stellte er das noch warme aber spärliche Mahl auf die Matratze und verschwand wieder. Es gab hunderte mögliche Erklärungen für das fehlen Leranas, doch so sehr er sich auch einredete, dass es nichts zu bedeuten hatte, verschwand das ungute Gefühl keineswegs. Wen ich auch kennenlerne, verschwindet nach kurzer Zeit wieder. Zuerst Olek, der vermutlich noch immer im Heerlager war, und jetzt Lerana. Ist es meiner Mutter genauso ergangen?, fragte er sich, war das der Grund, warum sie die Sucher verlassen hat, weil sie meinen Vater nicht verlieren wollte?
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Im Bann der Delani
FantasíaEin Krieg endet, und ein neuer beginnt. Während die Witwen noch um ihre verstorbenen Ehemänner trauern, ziehen ihre Söhne bereits demselben Schicksal entgegen. Frieden ist nicht mehr als eine Erinnerung in den Köpfen der Menschen, Zwergen und Elfen...
