Zuflucht

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Harry blickte reihum in entsetzte Gesichter. "Daher müssen wir fliehen. Sofort! Im Moment sind draußen keine Todesser, da er sie weggeschickt hat. Aber das kann sich schnell wieder ändern. Ihr beide", er zeigte auf Lily und James, "geht jetzt nach oben. Ich will euch in fünf Minuten mit gepackten Koffern hier unten wiedersehen."
Er wandte sich jetzt an Ginny und Hermine. "Ihr beide geht bitte ins Kinderzimmer und macht Teddy und Harry startklar. Auch ihr seid bitte in fünf Minuten wieder hier unten." Die beiden nickten und verschwanden nach oben. Auch Lily und James erwachten jetzt aus ihrer Schreckstarre und hasteten die Treppe nach oben.

Auch Ron setzte sich nun wieder aufrecht hin und sah Harry an. "Und wie geht's jetzt weiter? Ich meine, wohin verschwinden wir?" Bis eben hatte Harry keine Idee gehabt, wohin sie jetzt sollten, er hatte nur gewusst, dass sie nicht hier bleiben konnten. Jetzt aber fiel ihm die Lösung wie Schuppen von den Augen.
"Zu Sirius! Der hat ein sicheres Haus und er wird Dad und seiner Familie sicher gerne einen Unterschlupf bieten."
"Und was machen wir, wenn er nicht da ist? Es ist nicht so leicht, in ein gut geschütztes Zaubererhaus einzubrechen."
"Dann werden wir unseren Besuch eben ankündigen", erwiderte Harry und hob seinen Zauberstab. "Expecto Patronum" sprach er laut und dachte daran, dass seine Familie diesen schrecklichen Tag heil überstehen würde. Der silberne Hirsch brach aus der Spitze seines Zauberstabs hervor und blieb anmutig vor ihm stehen. Harry sah ihn an, konzentrierte sich auf Sirius und sprach.

"Sind gerade Voldemort entkommen und müssen fliehen. Sind in fünf Minuten bei dir. Erklärungen später."

Als Harry seine Nachricht zu Ende gesprochen hatte, wandte sich der Hirsch um und sprang in großen Sätzen wie ein Geist aus dem Fenster. Harry ging langsam zurück in die Eingangshalle und besah sich das Chaos. Brandlöcher an den Wänden, das Treppengeländer zersplittert, Bilderrahmen zerstört und in der Mitte der Halle eine riesige Blutlache. In dieser Blutlache konnte Harry noch etwas anderes erkennen.
"Ron?", fragte er, "was machen wir jetzt mit Voldemorts Hand?"

Ron schien die Vorstellung, dass dort ein Teil von Voldemort vor ihnen lag, nicht zu gefallen, doch er riss sich zusammen.
"Naja...", antwortete er mit gezwungen ruhiger Stimme, "besser wir haben sie als dass er sie hat, oder nicht?"
Harry fühlte sich auch nicht besonders wohl bei der Vorstellung, doch so ganz konnte er sich dieser Logik nicht verschließen. Man wusste ja nie, wozu so etwas noch gut sein könnte und er durfte keine Rücksicht auf seine Befindlichkeiten nehmen. Also verwandelte er ein abgesplittertes Stück des Treppengeländers in ein verschließbares Glasgefäß und ließ die abgetrennte Hand hineinschweben, denn anfassen wollte er sie auf keinen Fall.

Ein weiteres Stück Holz verwandelte er in eine Phiole und sammelte etwas Blut vom Boden auf. Er verschloss beide Gefäße und verstaute sie in seinem Umhang. Dann richtete er sich wieder auf und half Ron, der sich daran gemacht hatte, wenigstens ein bisschen Ordnung in das Chaos zu bringen. Sie beseitigten das restliche Blut vom Boden und von den Wänden, reparierten die Bilderrahmen und das Treppengeländer. Einige große Löcher ließen sich jedoch nicht beseitigen, da sie von dunklen Flüchen herrührten.

Gerade als sie halbwegs zufrieden ihr Werk betrachteten, polterten James und Lily mit je einem Koffer die Treppe hinunter. Ihnen folgten Ginny mit Teddy auf dem Arm sowie Hermine mit Klein-Harry auf dem Arm. Beiden Kindern hatten sie eine dicke Jacke angezogen, da es draußen kalt war und es regnete. "Wohin sollen wir überhaupt fliehen?", keuchte James.
"Zu Sirius", antwortete Harry. "Ich hab ihn bereits mit meinem Patronus informiert."
James schaute etwas verdutzt, nickte dann aber. "Wisst ihr, wo er wohnt?", fragte er die Zeitreisenden.

"Wir haben keine Ahnung. Ihr müsstet uns beim Apparieren mitnehmen", antwortete Hermine. "Meint ihr, ihr könnt zwei Erwachsene und ein Kind auf einmal mitnehmen?"
"Das müsste gehen", antwortete Lily.
"Sehr gut. Dann kommt! Wir haben keine Zeit zu verlieren!", drängte Harry zum Aufbruch. Die sechs Erwachsenen traten mit den zwei Kindern vor die Tür und liefen auf das Gartentor zu. Ginny mit Teddy auf dem Arm sowie Harry mit einem Koffer in der Hand fassten je an einen Arm von Lily. Hermine mit Klein-Harry und Ron mit dem anderen Koffer taten das gleiche bei James. Als alle das Gartentor passiert hatten, drehten sie sich auf der Stelle und verschwanden im Nichts.

Sie landeten vor einem zweistöckigen Haus an einer unbefestigten Straße. Kaum waren sie angekommen, ging vor der Tür das Licht an und ein abgehetzt wirkender, aber junger und gutaussehender Sirius kam ihnen entgegen.
"Bei Merlins Bart! Krone! Lily! Was ist denn passiert? Und wer sind die anderen alle?" bestürmte Sirius die Gruppe mit Fragen und wirkte dabei sehr besorgt.
"Bitte, Tatze, könnten wir erst mal reingehen?", unterbrach James Sirius in seinem Redefluss. "Ich würde das ungern hier auf der Straße besprechen und ich versichere dir, dass die anderen hier alle vertrauenswürdig sind."

"Natürlich, natürlich! Kommt rein ins Warme und setzt euch ins Wohnzimmer", erwiderte Sirius hastig und führte die Gruppe in sein Haus.
Nachdem sie ihre Mäntel abgelegt hatte, gingen sie ins Wohnzimmer. Dort standen drei gemütliche Sofas für je drei Personen U-förmig um einen Tisch. Auf der sofalosen Seite des Tisches brannte ein prasselndes Kaminfeuer. Auf dem rechten Sofa saßen jetzt James und Lily mit Klein-Harry im Arm, der leise weinte, weil er so lange bei einer fremden Frau auf dem Arm gewesen war. Auch Teddy brüllte, da ihm das Apparieren gar nicht gefallen hatte.

Das mittlere Sofa hatten Ginny und Harry gemeinsam mit Teddy besetzt. Auf dem linken saßen jetzt Ron und Hermine dicht beisammen und Sirius setzte sich dazu. Er hatte einige Gläser und eine große Flasche Feuerwhiskey mitgebracht. "Ihr seht alle aus, als könntet ihr einen vertragen", erklärte er dazu. Alle Neuankömmlinge stimmten gerne zu, nur Lily wollte keinen Whiskey.
"So, nun erzählt mal, was los ist! Und wer seid ihr eigentlich?" Sirius deutete auf die Zeitreisenden.
Harry zögerte. Dies war noch nicht der richtige Zeitpunkt, mit der Wahrheit rauszurücken. Also entschloss er sich zu einer Notlüge. "Harry Wilson heiße ich. Und das sind meine Freunde Ginny Parker, Ron Parker, Hermine Granger sowie mein Patenkind Teddy Mason."
Seine Freunde ließen sich nichts anmerken und nickten nur, als Harry ihren Namen nannte. Sirius, Lily und James schien das zu genügen.

Schließlich wandte sich Sirius wieder an James. "Also... was ist passiert? Ich war grad auf dem Weg, Peter zu besuchen, da erreicht mich dein Patronus, Krone. Was soll das heißen, ihr seid Voldemort nur knapp entkommen? Ich dachte, euer Haus ist sicher?"
"Moment mal", unterbrach James seinen Freund, "mein Patronus? Ich hab keinen geschickt, das war Wilson."
Sirius war verblüfft und wandte den Kopf zwischen James und Harry hin und her. "Aber... das war doch dein Hirsch! Ich bin mir absolut sicher, dass es dein Hirsch war. Und außerdem klang er wie du."

Harry grinste. "Meinst du diesen Hirsch?", fragte er und ließ erneut seinen Patronus erscheinen. Er schmunzelte, als er die offenen Münder von Sirius, Lily und James sah.
"Bei Merlin!", stieß Lily hervor. "Absolut identisch zu deinem, James. Wie ist das möglich?"
Harry seufzte. "Ich fürchte, das ist eine sehr lange Geschichte. Zu lang für einen Abend, zumal, wenn man zuvor gegen Tom Riddle gekämpft hat."
"Wer ist Tom Riddle?"
"Voldemorts richtiger Name"
"Ihr habt gegen ihn gekämpft?", stieß Sirius entsetzt hervor. "Wie seid ihr ihm entkommen?"

James begann nun, von den Ereignissen des Abends zu berichten. "Ich stand gerade im Wohnzimmer, als plötzlich direkt vor mir ein strahlend weiß leuchtender Wirbel entstand, keine Ahnung, wo der herkam. Jedenfalls wurde das Licht immer heller und als es mit einem Mal verschwand, lagen diese fünf Gestalten vor mir auf dem Boden." Er zeigte auf die Gruppe der Zeitreisenden. "Ich dachte sofort an einen Todesserangriff, hab sie angegriffen, aber sie waren ja in Überzahl und haben mich gefesselt. Lily kam rein und fragte sie, wer sie sind und was sie bei uns wollen. Die vier schienen zunächst reichlich verwirrt zu sein und wussten nicht mal, welches Jahr wir haben. Sie erzählten etwas von einer Zeitreise und dass sie wüssten, dass Peter uns verraten habe und dass Voldemort heute Abend zu uns nach Hause kommen werde."
Sirius hatte bisher gebannt zugehört, doch als Peters Name fiel, wurde er ungehalten. "Peter soll ein Verräter sein? Unmöglich! Er ist unser Freund! Außerdem wäre er doch niemals in der Lage, uns alle zu täuschen! Und Voldemort hätte sich sicher jemand talentierteres als Spion ausgesucht."

Ginny widersprach ihm. "Unterschätz Peter nicht! Das kann tödlich enden. Und gerade, dass es ihm niemand zutraut, macht ihn zum perfekten Spion."
James sah nachdenklich in die Runde und sprach weiter. "Ich wollte das zunächst auch nicht glauben und dachte, es sei eine Falle, aber Lily war anderer Meinung. Harry, also Wilson, stellte fest, dass wir nicht fliehen konnten, sondern uns Voldemort stellen mussten. Nachdem Harry und der andere kleine Junge im Kinderzimmer in Sicherheit waren, hatten die drei", er zeigte auf Harry, Ron und Hermine, "einen Schlachtplan entwickelt. Offenbar wussten sie genau, was geschehen würde.
Wir haben uns versteckt, nur Wilson stellte sich der Haustür genau gegenüber. Als Voldemort eintraf, griff er Wilson mit dem Todesfluch an und Wilson versuchte, Voldemort zu entwaffnen. Doch statt dass der Todesfluch sich durchsetzt, geschah genau das, was Wilson vorausgesagt hatte: Die beiden Zauberstäbe verbanden sich mit einem goldenen Band und aus Voldemorts Stab kamen Rauchgestalten. Ich frage mich immer noch, was da geschehen ist und warum."

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