Verräter!

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Alle Augen wandten sich jetzt Harry zu. Dieser lächelte leicht. "Das lässt sich sogar recht einfach erklären. Voldemorts Zauberstab und der meine sind im Kern identisch. Beide enthalten als magische Substanz eine Feder von ein und demselben Phönix. Von Dumbledores Phönix, um genau zu sein. Dadurch sind die Stäbe Geschwister und verweigern in gewissem Maße ihren Dienst, wenn sie gegeneinander kämpfen und den Gegenüber töten sollen. Als Folge zwingt lediglich der eine den anderen Stab, die zuletzt getätigten Zauber und Flüche in umgekehrter Reihenfolge wieder auszuspucken. Die Rauchgestalten waren Abbilder seiner letzten Mordopfer."
"Priori Incantatem", flüsterte Lily erschüttert. Harry nickte.

Nach einem kurzen Moment des Schweigens sprach James weiter. "Nun... es kamen drei Rauchgestalten aus Voldemorts Zauberstab und gifteten ihn an und beschimpften ihn. Zwei davon kannte ich nicht, die dritte war offenbar Dorcas Meadows."
Sirius sah bestürzt aus, doch Harry wurde plötzlich klar, warum ihm die dritte Gestalt so vage bekannt vorgekommen war. Er hatte sie schon einmal gesehen! Sie war auf dem Foto mit den Mitgliedern des Ordens zu sehen gewesen, dass ihm Moody im Grimmauldplatz gezeigt hatte.
James fuhr mit seinem Bericht fort. "Auf Wilsons Zeichen hin griffen wir alle gleichzeitig Voldemort an. Eine Zeitlang konnte er die Angriffe abwehren, doch dann gelang es Hermine, ihm mit einem Fluch die linke Hand abzuschneiden. Wir kämpften weiter und langsam wurde Voldemort schwächer, wohl auch durch den großen Blutverlust aus seinem Arm. Schließlich trat er den Rückzug an, verschwand aus dem Haus und disapparierte.

Wir konnten unser Glück kaum fassen, dass wir beinahe ohne Verletzungen davon gekommen waren, aber Wilson meinte, Voldemort würde bald mit zahlreichen Todessern zurückkehren. Also packten wir in Windeseile unsere Sachen, schnappten uns Harry und kamen hier her."
Erschöpft lehnte sich James im Sofa zurück. Ein paar Momente verdaute Sirius, was ihm sein Freund da berichtet hatte. Er griff sich sein Glas und trank drei große Schlucke Feuerwhiskey. Auch James trank sein Glas leer. Harry spürte, dass nun er an der Reihe war, seine Geschichte zu erzählen. Er überlegte gerade, wie er beginnen sollte, ohne gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, als erneut ein glühender Schmerz durch seine Narbe schoss, die schon die ganze Zeit unangenehm gepocht hatte. Er zwang sich, ruhig zu bleiben, aber er musste einen Moment für sich haben.

"Ähm, Sirius?", fragte er gepresst. "Wo ist denn hier die Toilette?"
Hermine sah ihn alarmiert an, doch Harry ignorierte sie. Sirius schien nichts zu bemerken.
"Da die Tür raus, nach links und dann die zweite Tür auf der rechten Seite."
Harry nickte ihm knapp zu und verließ schleunigst das Wohnzimmer. Harry drehte den Schlüssel der Badezimmertür um und ließ sich auf den Boden sinken. Er schloss die Augen und sah die Welt wieder aus Voldemorts Perspektive.



Er sah sich inmitten dutzender Todesser in der Eingangshalle der Potters stehen. Er blickte hinab und blickte auf den jetzt wieder halbwegs sauberen Boden des Hauses. Sein linker Arm war wieder komplett, offenbar hatte er sich selbst eine neue Hand erschaffen, die jetzt silbern im Schein der Deckenlampe schimmerte. Zu seinen Füßen lag die Leiche der Katze der Potters, die er seine Wut darüber hatte spüren lassen, dass ihm seine Opfer entkommen waren. Sie war als einziges im Haus zurückgeblieben und hatte dies nun mit ihrem Leben bezahlt. Neben der Katze zusammengesunken kauerte Peter Pettigrew und winselte.

"Du hast mich verraten, Wurmschwanz!", sagte er mit seiner hohen, kalten Stimme. "Du hast deine Freunde vor mir gewarnt und wolltest mich in eine Falle locken!"
Wurmschwanz Körper erbebte und er ließ seine quiekende Stimme hören. "Niemals, Herr! Die Potters bedeuten mir nichts, gar nichts. Ich würde Euch niemals verraten, ich bin Euer ergebenster Diener, Eure Lordschaft, immer bereit..."
"Schweig!", schnitt ihm Voldemort das Wort ab und mit einem Schlenker seines Stabes wurde Wurmschwanz stummgeschlagen. "Crucio!"
Wurmschwanz zuckte und wand sich in Todesqualen auf dem Boden, doch Schreien konnte er nicht.
"Warum stand mir hier plötzlich ein halbes Dutzend Hexen und Zauberer gegenüber? Die Potters sind offensichtlich gewarnt worden und du warst der einzige, der von meinem Plan wusste. Potter hat selbst durchblicken lassen, dass einer meiner Todesser geplaudert hat und du bist der einzige, der wusste, dass ich heute nach Godric's Hollow kommen würde. Und der einzige, der dumm genug wäre, mich zu hintergehen!"
Er hatte den Schweigezauber von Wurmschwanz genommen. Dieser zog sich keuchend auf die Knie und versuchte Voldemorts Umhang zu küssen, was der dunkle Zauberer aber verhinderte.

Wurmschwanz wimmerte. "Habt Gnade, Herr! Ich schwöre, ich war Euch immer treu und habe Euch nie betrogen! Habt Gnade mit Eurem treuen Diener!"
Voldemort lachte. "Selbst wenn das stimmen sollte, bist du jetzt dennoch nutzlos. Potter weiß nun, dass du ihn verraten hast und damit weiß es der ganze Orden. Du kannst jetzt nicht mehr als Spion arbeiten. Ich will nicht verhehlen, dass du mir nützliche Dienste geleistet hast, doch nun habe ich keine Verwendung mehr für dich. Leb wohl, Wurmschwanz!"
Wurmschwanz' Augen weiteten sich panisch, als er den Sinn der Worte seines Herrn erfasste. Noch einmal setzte er an, um Gnade zu betteln, doch da sank er schon von einem grünen Lichtstrahl getroffen leblos zu Boden.




Harry riss die Augen wieder auf und setzte sich schwer atmend mit dem Rücken an die Wand. Er hatte mit seiner Ahnung Recht behalten. Voldemort war tatsächlich mit vielen Todessern nach Godric's Hollow zurückgekehrt. Wurmschwanz hatte seinen Verrat teuer bezahlt, ohne den leisesten Schimmer zu haben, was an seinem Vorhaben schiefgegangen war. Harry stand auf und spritzte sich am Waschbecken kaltes Wasser ins Gesicht. Dann verließ er das Badezimmer und hörte, wie es an der Haustür stürmisch klingelte. Alarmiert zog er seinen Zauberstab und ging den Flur entlang. Der Besucher hämmerte jetzt mit den Fäusten gegen die Tür und brüllte.
"SIRIUS!!! MACH AUF, DU ELENDER VERRÄTER!!! DU VERDAMMTES SCHWEIN, ICH BRING DICH UM!!! WIE KONNTEST DU NUR!? WIE KONNTEST DU LILY UND JAMES VERRATEN?" Die Stimme überschlug sich fast vor Wut und Verzweiflung. Da kamen auch schon Sirius und James mit gezückten Zauberstäben aus dem Wohnzimmer gestürmt. Wieder donnerte es gegen die Tür. "MACH ENDLICH AUF, DU VERDAMMTER FEIGLING ODER ICH SPRENG DIE TÜR!!!"

Mit einem Wink seines Zauberstabs öffnete Sirius die Tür. Es erschien ein äußerst aufgebrachter Remus Lupin mit wutverzerrtem Gesicht. Als er Sirius erblickte, fing er an, Flüche auf ihn zu schleudern. Nur mit Mühe konnte Sirius die Angriffe abwehren. Schließlich entwaffnete James Remus und fing dessen Zauberstab auf.
"REMUS! Was zur Hölle machst du da?!? Und warum, bei Merlins Unterhose, schimpfst du Sirius einen Verräter?" Remus sah zu James und der Mund klappte ihm auf.
Dann fasste er sich wieder. "JAMES!!! James! Merlin sei Dank, du lebst!" Er stürmte auf James zu und fiel ihm um den Hals.
"Ja, ich lebe", erwiderte James, "Wie kommst du darauf, dass das anders sein könnte?"
"Na hör mal, euer Haus sieht aus, als sei eine Horde Riesen hindurch gelaufen und von euch war nichts zu sehen! So wie es aussah, hat dort ein Kampf stattgefunden."
"Woher weißt du, wie es bei James zu Hause aussieht?", fragte Sirius jetzt misstrauisch und richtete erneut seinen Zauberstab auf Remus. "Was treibst du dich mitten in der Nacht in Godric's Hollow herum?" Offenbar verdächtigte er Remus immer noch, ein Spion Voldemorts zu sein.

Bevor die Situation erneut eskalieren konnte, mischte sich Harry jetzt ein. "Kommt mal wieder runter, alle miteinander! Keiner hier ist ein Verräter. Remus nicht und auch Sirius nicht. Er war auch nicht der Geheimniswahrer der Potters, das war Peter."
"Peter?", echote Remus verblüfft. "Aber ... ihr habt mir doch erzählt, Sirius sei Geheimniswahrer." Sirius zögerte einen Augenblick, trat dann aber zur Seite, um Remus einzulassen.
"Wir sollten ins Wohnzimmer gehen. Wie haben wohl einiges zu bereden." Die vier begaben sich wieder ins Wohnzimmer und ließen sich auf den Sofas nieder. Remus umarmte auch Lily und saß jetzt neben Lily und James.
"Wer seid ihr denn?", wandte er sich nun an die Zeitreisenden. Diese stellten sich wieder unter ihren falschen Namen vor.

Sirius wandte sich jetzt an Remus. "Also? Wieso warst du heute in Godric's Hollow? Du wolltest dich doch in den nächsten Wochen bedeckt halten."
Remus zögerte. Jetzt, da er die Potters unversehrt neben sich sitzen sah, schien ihm sein Ausbruch an der Tür doch sehr unangenehm zu sein. "Naja", begann er langsam, "ich saß bei mir zu Hause und plötzlich überkam mich ein ganz mieses Gefühl. Ich kann es nicht genau erklären, ich spürte einfach, dass irgendetwas nicht stimmte. Also bin ich vor zwanzig Minuten hierhergekommen und hab geklingelt. Aber du warst nicht da. Das verstärkte mein schlechtes Gefühl; ich dachte ja, du seiest Lilys und James' Geheimniswahrer. Ich hatte nun mehr denn je das Gefühl, dass mit ihnen etwas passiert sei. Ich apparierte also nach Godric's Hollow. Nicht direkt vor ihre Tür, ich wollte ja nicht auffallen, sondern an die Straße, die vom Dorf wegführt.
Ich lief also zu Fuß weiter zu ihrem Haus. Schon von weitem sah ich, dass es zum Teil zerstört war. Ich ging hinein und rief nach ihnen. Ich konnte sie nirgends finden, nur noch etwas Blut an den Wänden. Da war für mich klar, dass du sie verraten haben musstest. In diesem Moment hatte ich nur noch Rache im Sinn, ich wollte den Tod meiner Freunde vergelten, also bin ich wieder hierhergekommen."

Sirius nickte. "Mir ging es ähnlich. Auch mich überkam heute so ein diffuses Gefühl, dass etwas Schreckliches passieren werde. Ich kann nicht mehr erklären, wieso, aber ich machte mir Sorgen um Peter. Ich hatte Angst, Voldemort hätte ihn aufgespürt. Also machte ich mich vor einer halben Stunde mit dem Motorrad auf den Weg zu ihm, doch noch bevor ich dort ankam, erreichte mich James', bzw. Wilsons Patronus mit der Nachricht, dass sie fünf Minuten später bei mir ankommen würden. Da bin ich zurückappariert und hab auf sie gewartet. Das Motorrad steht noch irgendwo in der Pampa."

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