» opened cocoon «
,,Nicht schon wieder...'' seufzte ich, als er sich erneut auf den Boden fallen ließ. Es wären nicht mehr viele Schritte gewesen und wir wären wenigstens im Gebäude schon einmal gewesen. Ich war der Bar echt dankbar, dass sie nicht weit vom Campus entfernt war. Ansonsten hätte ich vermutlich die ganze Nacht gebraucht, um ihn wieder zurückzubekommen. Es war auch so schon echt schwierig ihn überhaupt irgendwo hinzubringen.
,,Lass mich doch einfach in Ruhe...'' murmelte er schon wieder vor sich hin.
,,Und dann? Schläfst du direkt vor dem Gebäude auf den Treppen wie ein Obdachloser?'' fragte ich ihn. Er zuckte mit den Schultern und hielt seinen Blick auf den Boden gesenkt. Ich starrte ihn an und wusste echt nicht mehr, was ich noch machen sollte. Wieso half ich ihm überhaupt? Ich sollte diesen Anblick genießen, stattdessen machte ich mir Sorgen und half ihm.Ich ließ mich auf den Treppen neben ihm nieder und starrte in die bereits stockdunkle Ferne. Von der Seite schaute ich ihn an, er starrte ebenfalls still in das Weite. Plötzlich bemerkte ich die Tränen, die seine Wange hinunterkullerten. Etwas in meiner Brust machte einen Satz, jedoch nicht vor Freude. Im Gegensatz, es tat schon weh ihn so zu sehen. Noch nie hatte ich seine verletzliche Seite gesehen. Er wirkte schon beinah wie ein anderer Mensch.
Er schien zu bemerken, dass ich ihn direkt anstarrte, doch hielt seinen Blick weiter gerade aus gerichtet, während er anfing zu sprechen.
,,Meine Mutter ist im Krankenhaus...Brustkrebs...'' sprach er klarer als seine zuvor gemurmelten Worte auf dem gesamten Weg hierher.
,,Ich wusste, dass es ihr schon länger nicht gutging, aber nicht, dass es ihr so schlecht ging. Sie hat andauernd gesagt, dass alles in Ordnung wäre und ich mir keine Sorgen machen müsste...'' erzählte er, während ich ihm aufmerksam zuhörte.Sein Grund für seine plötzliche Verhaltensänderung war also seine Mutter.
,,Das tut mir leid'' entgegnete ich ihm.
,,In welchem Stadien?'' fragte ich vorsichtig nach.
,,Drei...'' antwortete er, es war also schon fortgeschritten.
,,Ich weiß nicht, was ich machen soll...sie ist alles, was ich noch habe...'' schluchzte er und versuchte sein verheultes Gesicht vor mir zu verstecken, indem er in die andere Richtung schaute.Ich erinnerte mich daran, dass Clay schon so gut wie immer mit seiner Mutter alleine gelebt hatte. Sein Vater hatte sie verlassen, als er gerade einmal sechs Jahre alt gewesen war und sich seitdem nie wieder gemeldet. Er liebte seine Mutter wie sonst keinen Menschen. Woher ich das wusste? Man sah es ihm an. Auch wenn er die meiste Zeit als Arschloch unterwegs war, behandelte er seine Mutter wie die Königin höchstpersönlich.
,,Du bist nicht alleine'' legte ich meine Hand auf seine Schulter, woraufhin er mich anschaute. Wir waren uns nicht fremd, auch wenn es sich so anfühlte und doch befanden wir uns in einem relativ intimen Moment. Ich konnte spüren, wie sich mein Puls steigerte und wusste nicht, was ich davon halten sollte. Ich wollte mich ihm nie wieder auch nur ansatzweise nähern, ihn hassen und den Rest meines Lebens verabscheuen und doch befand ich mich an Ort und Stelle mit ihm.
Der Augenkontakt löste sich nicht und mein Puls stieg immer weiter an. Ich spürte, wie Hitze durch meine Wangen schoss. Ich sollte den Moment unterbrechen, wegschauen...aber ich konnte es nicht, ich wollte es nicht.
,,Wieso hilfst du mir?'' fragte er plötzlich.
,,Hasst du nicht alles an mir?''
,,Das dachte ich auch...'' senkte ich murmelnd meinen Blick, ehe ich realisierte, was ich gesagt hatte. Unverhofft legte er seine Hand auf meinen Oberschenkel. Es war jedoch nicht wie beim letzten Mal, es wirkte wie eine liebevolle, sanfte Berührung.
,,Danke'' sagte er, wieder trafen sich unsere Augen.Ich schaute in die Augen der Person, die mich am meisten in meinem Leben verletzt und mir die letzten Jahre zur Hölle gemacht hatte. Mich ausgenutzt, belogen und mit mir gespielt hatte. Mein Herz herausriss und darauf herumtrampelte und doch schlug es genau für diese Person wieder mehr als es sollte. Es war dieselbe Person, doch irgendetwas fühlte sich auch anders an.
,,Was ich dir damals angetan habe, tut mir leid...'' sagte er unerwartet. Ich hätte nie damit gerechnet, dass er sich wirklich entschuldigen und es auch ernst meinen würde.
,,Ich habe dich damals sagen hören, was du zu Ron und Mia gesagt hast, als sie dich gefragt haben, ob etwas zwischen uns laufen würde'' erzählte er. Meine Augen weiteten sich. Ich wusste nicht, dass er das gehört hatte.,,Mit so einem schmierigen Typ würde ich nie etwas zu tun haben wollen. Er ist arrogant, nervig, selbstverliebt und ein Arsch. Wer auf diesem Planeten würde sich auf so jemanden einlassen wollen? Dazu müsste man ja schon echt weit unten angekommen sein.''
Ich seufzte.
,,Das habe ich damals zu ihnen gesagt, weil du mich darum gebeten hattest, niemanden von uns zu erzählen...nichts davon war so gemeint, Clay'' klärte ich ihn auf.
,,Du hättest mich doch einfach darauf ansprechen können...ich wusste nicht, dass du das gehört hattest.'' Er starrte mich schweigend an. Anhand seines Gesichtsausdruckes konnte ich sehen, dass er wirklich Schuldgefühle in sich trug. Er schien wohl zu realisieren, was er mir eigentlich wirklich angetan hatte und das nur aufgrund eines Missverständnisses.
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Drowned Emotions
FanfictionDrowned Emotions - zwei Worte, mit denen George sich nur zu gut identifizieren konnte. Nachdem er das erste Mal seinen Gefühlen freien Lauf gelassen hatte, wurde er abgrundtief verletzt von der Person, die er dachte, wäre seine Definition von Liebe...