25. Mona

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2 Wochen später...
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Je näher ich meinem Elternhaus komme, desto unruhiger Rutsche ich auf dem Autositz hin und her. Ich bin nervös und wenn ich meine Hände nicht unter meinen Oberschenkeln vergraben hätte, wäre ich vermutlich daran am spielen. Der Motor des Wagens röhrt im Hintergrund und widerspiegelt einen monotonen Unterton. Lando hat seit Stunden kein Wort mehr gesagt.
Es ist die erste Autofahrt, nach seinem Unfall, aber er hat bereits im Krankenhaus darauf bestanden, mich zu begleiten. Wir sind auf dem Weg zu meinen Eltern um endlich ruhig mit ihnen zu reden.. besser gesagt sie erzählen zu lassen ohne der Situation zu fliehen. Ich sehe an mir herunter und denke an den Anruf an meine Mutter vor zwei Tagen. Ich habe sie angerufen und es hat keine zwei mal geklingelt, als sie abgenommen hat. Ich konnte ihre Erleichterung durch mein Handy spüren und sie rief direkt meinen Vater dazu.
Ohne lange um den Brei zu reden, habe ich sie direkt gefragt, ob ich vorbeikommen kann. Natürlich willigten sie ein, dabei habe ich Lando vorerst außen vor gelassen. Das ist ein anderes Thema.. ein positives!

Langsam lasse ich meinen Kopf gegen die Kopfstütze fallen und greife mit meiner linken Hand an Landos Nacken. Sein angespanntes Gesicht lässt etwas nach, als ich an seinen kurzen Haaren kraule. „Bist du bereit?" fragt er sanft, ohne mich anzusehen. Er setzt zum überholen an und schaltet einen Gang höher. Wir sitzen in einem schwarzen Audi, wobei das das unauffälligste Autos bei der Vermietung war. Ich habe darauf bestanden, da ich absolut kein Aufsehen in unserer Nachbarschaft erregen wollte. Schon garnicht bei Luise, obwohl ich nichtmal weis wo sie grade ist..
„Ich denke ich muss es sein." gebe ich zu, „ich habe zu lange gewartet, aber ich habe Angst vor der Wahrheit.. vor meiner Vergangenheit.." Ich sehe aus der Windschutzscheibe auf das Auto, welches durch Landos Geschwindigkeit aussieht, als würden wir vorbeifliegen.
„Das ist verständlich! Ich kann mich nicht in deine Lage versetzen, Mona, aber ich bin für dich da."
Ich lächle und nehme meine Hand langsam von seinem Nacken. Er lässt ein kurzes enttäuschtes grunzen von sich und mein Lächeln wird breiter. Noch bevor ich meine Hand wieder unter mein Bein schieben kann, nimmt er diese und legt sie unter seine auf den Schaltknüppel.

Die Straße bis zu meinem Elternhaus kommt mir plötzlich viel länger vor, als sonst und ich bin froh, Luises Auto nicht vor ihrem Elternhaus zu sehen.
„Hier ist es." sage ich leise und zeige auf das mit Klinker besetze Haus auf der linken Seite. Er fährt die einfahrt hoch und ich sehe wie meine Mutter am Fenster wartet.
Lando hält an und zieht den Schlüssel aus dem Schloss. Die Stille fühlt sich direkt bedrückend an. Nach einem langen Blick auf unser Haus, dreht sich Lando zu mir und sieht mich an. „Soll ich mit rein kommen?".

Ich muss einen Moment überlegen, komme aber auf keine Antwort. Natürlich will ich, dass er mit kommt, aber fair wäre es meinen Eltern gegenüber nicht. Es wird uns dreien schwer genug sein, über unsere Gefühle zu sprechen, da wäre eine, für sie, fremde Person nicht hilfreich. Ich schüttle also langsam den Kopf. Er hebt eine Hand und streicht mir eine Strähne hinters Ohr. „Ich bin hier, wenn du mich brauchst!" er flüstert, aber spricht deutlich.
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Es ist für mich nicht überschaubar, wie lange wir gesprochen haben. Noch könnte ich aufzählen, über was wir alles gesprochen haben. Meine Eltern haben mir alles genau erklärt und es war eine Qual mich selbst davon abzuhalten, nicht weg zu laufen. Meine Mutter ist unfruchtbar und es war ein Zufall, dass sie mich bekommen haben. Eine Frau aus London, damals 17 Jahre jung, war schlichtweg zu jung um sich um mich zu kümmern. Was erst als Pflegekind zur Debatte stand, wurde zur Adoption. Meine Mutter schob mir während des Gesprächs immer wieder Akten und Dokumente zu, die ich mir anschauen sollte. Am Schluss wurde sie ruhiger, als müsste sie sich einen Moment sammeln. Sie erklärte mir, das die Frau keinen Kontakt zu mir aufnehmen würde, wenn ich es nicht zuerst tun würde. Mit den Worten „ihr gebt meinem Kind die Chance, die ich ihr niemals hätte bieten können", hätte sich die junge Mutter von uns dreien verabschiedet. Seitdem hätte sie nur einmal Post geschickt, um ihre neue Adresse und Daten meinen Eltern mitzuteilen. Sie schiebt mir einen kleinen Brief zu und ich lasse meine Finger über die Handschrift auf dem Umschlag gleiten.
Auf die Frage, warum beide es für sich behalten haben, kam ein langes schweigen. Erst stieg die Wut in mir hoch, aber ich merkte von Minute zu Minute immer mehr, dass sie es nicht wissen. Es gab keinen passenden Anlass. Für solche ein Gesprächsthema gibt es schlichtweg keine passende Situation. Natürlich ist das nicht gerechtfertigt, aber wenn ich in ihrer Situation wäre, wüsste ich auch nicht auf Anhieb, wie ich es meiner Tochter erklären könnte.. Ich beschloss für mich, auf diese Frage wohl nie „die eine Antwort" zu bekommen.

Mein Vater machte mich auf Lando aufmerksam und ich bekam von meinen letzten Wochen zu reden. Tatsächlich fing ich bei Luise und Patrick an, von meinen Erfahrungen in Spanien mit der Presse und Lando, bis hin die letzten zwei Wochen im Krankenhaus. Ich habe es vermisst, mit meinen Eltern so offen reden zu können. Die gesamte Situation ist jetzt viel entspannter, nachdem alles ausgesprochen worden ist!
Als meine Mutter mir eine Tasse Kaffee vor die Nase stellt, fragt sie, warum er im auto sitzt. Ich lächle. „Wollt ihr ihn kennenlernen?"
„Was ist das für eine Frage?!" mein Vater ist sichtlich überrascht und will vermutlich den Menschen kennenlernen, der mich erst fallen lässt und mich jetzt auf dem schwierigen Weg unterstützt.

Auf der Haustür winke ich ihn zu mir und er steigt direkt aus. „Möchtest du rein kommen?" er studiert mein Gesicht, als er näher kommt. Seine Hand wandert direkt an meine Hüfte und er drückt mir einen Kuss auf den Haaransatz. „Wie war es?" Mit der anderen Hand kratzt er sich am Hinterkopf.

„Befreiend, Aber anstrengend." sage ich ehrlich. Lando wischt sich die Handflächen über der Jeans ab. Ich fühle mich tatsächlich leichter. Es ist ein Licht am Ende des Tunnels zu erkennen und ich habe das Gefühl, dass mein Leben jetzt endlich wieder ins positive kommt.
Lando lässt mich vorgehen. Er ist angespannt, sein Körper steif.

Ich verstehe seine Körpersprache erst nicht, bis mir kurz darauf auffällt, dass er aufgeregt ist. Bevor ich die Tür zum kleinen Esszimmer öffne, drehe ich mich um. Sein Gesicht ist besorgt und versuche so ernst wie möglich zu bleiben. Innerlich schlucke ich jeden aufziehenden Spruch der mir einfällt runter und lächle ihn an.
„Sie sind ganz normal.. so wie ich eben." versuche ich ihn irgendwie zu beruhigen.

„Du bist nicht normal." der Ausdruck in seinem Gesicht verschlimmert sich spielerisch und kneife meine Augen zu und werfe ihm einen bösen Blick über die Schulter zu.

Wie ich es erwartet habe, sind meine Eltern freundlich und sehr zuvorkommend zu Lando. Wir trinken zusammen eine Tasse Kaffee und ich bin dankbar, dass wir zu viert in ein angenehmes Gespräch gekommen sind.
Als Lando und ich aufbrechen, ist es bereits kurz nach Mitternacht und dunkel draußen. Ich nehme die Umarmung zur Verabschiedung meiner Eltern dankend an und wir verbleiben dabei, das ich sie so bald wie möglich nochmal besuchen soll.
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Mein Work and Travel geht eigentlich noch bis Ende des Monats, also noch knapp 1,5 Wochen. Anders als geplant sitze ich grade nicht in der Uni oder in den Startblöcken der Sporthalle, sondern halte ein Flugticket nach Italien und VIP Pässe zur F1 in der Hand. Vor mir steht ein breit grinsender Lockenkopf, der seine Hände hinter dem Rücken verschränkt hat und, wie ein kleines Kind, auf den Zehenspitzen wackelt.
Landos erwartungsvoller Blick überfordert mich kurz.
„Was ist das?"
„Meine Einladung für dich, mach ein Semester Pause und begleite mich.. vielleicht kannst du auch online an deinen Kursen teilnehmen, ich hätte dich gerne bei mir dabei!" er redet viel zu schnell.

Langsam realisiert mein Gehirn was passiert und ich stoße ein Lachen aus. Der Gedanke nach Urlaub klingt grade absolut richtig! Ich beginne zu grinsen und sehe ihn an, dann wieder auf die Karten in meiner Hand. „Okay" entscheide ich impulsiv. „Ja o.. okay!" Ich schaue ihn wieder an.

In diesem Moment schnappt er mich unter den armen und ich schlinge meine Beine um seine Hüften. Er drückt mir einen schnellen Kuss auf die Lippen und direkt macht sich ein kribbeln in mir breit.
„Ich kann's nicht glauben!," beginne ich, „ein halbes Jahr Urlaub meilenweit entfernt von all dem Drama!"
Lando lacht und beginnt sich mit mir zu drehen. Ich sehe ihm tief in die Augen, bevor ich diese schließe und seinen Kuss zu beenden.

Es fühlt sich alles so richtig an und ich fühle mich endlich angekommen.

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Hallöchen!
That's it.. Meilenweit entfernt Teil 2 ist abgeschlossen!
Vielleicht schreibe ich irgendwann, wie es mit beiden weitergeht, aber ganz so sicher bin ich mir da noch nicht..

Ich hoffe sehr es hat euch gefallen und ihr hattet Spaß beim lesen.
Eure Soph :)

Meilenweit entfernt (Teil2)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt