22. Lando

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Triggerwarnung-Krankenhaus


"Lando, bist du okay?"

"Bist du okay?, Redflag, Lando? Bist du okay?"

Die Radiodurchsagen werden bei jedem mal lauter und dringender. Ich höre sie klar und deutlich aber ich kann nicht antworten. Meine Brust fühlt sich so eng an und ich muss mich aufs Atmen konzentrieren. Bei jedem Atemzug spüre ich meine Lunge und anschließend ein stechender Schmerz. Als ich zum stehen komme stöhne ich laut auf. Ich brauche einen Moment um wirklich zu realisieren, was passiert ist.

Meine Reifen waren zu alt, schlichtweg abgefahren. Nach dem Kontakt auf dem nassen Asphalt bin ich ins Rutschen gekommen und konnte den Wangen nicht mehr kontrollieren. Ich muss noch an die 200kmh gefahren sein, denn mein Blick auf die Strecke ist ein Trümmerfeld. Nochmal bekomme ich nur ein Stöhnen heraus, als bereits Mitarbeiter nach mir sehen und unter dem Halo durch schauen. Mit einem flüchtigen Daumen nach oben, der viel zu sehr zittert um überzeugend zu sein, zeige ich ein Lebenszeichen. Meine Kollegen fahren langsam an mir vorbei um anschließend in die Box zu fahren.

"Lando, bist du okay?"

"Nein, meine Brust." antworte ich schweratmend. "Fuck.."

"Medicals sind unterwegs, einfach weiter Atmen."

Ich schließe kurz die Augen um den Befehl auszuführen. Mehr schaffe ich grade auch nicht. Mein Nacken macht sich bemerkbar. Die Sirenen des Krankenwagens kann ich bereits hören und ich werde mit jeglicher Vorsicht aus dem Auto gehoben. Noch im Krankenwagen fragen sie banale dinge, wie mein Name und Geburtsdatum um sich einen ersten Eindruck von meinem Zustand zu machen. Zudem nehmen sie jegliche gesundheitlichen Werte von mir auf und legen mir eine Zervikalstütze an, damit meine Wirbelsäule geschützt ist.

Kaum in der Notaufnahme angekommen, gehen die Untersuchungen weiter. Das einzige was richtig schmerzt ist meine Brust, oder meine Rippen, so richtig einschätzen kann ich das grade nicht. Meine Sicht ist durch die Stütze massiv eingeschränkt, dass sich jede medizinische Fachkraft oder die Ärzte über mich beugen müssen um mir die folgenden Handlungen zu erklären. Was um mich herum passiert kann ich nur durch die Geräusche erahnen.

"Herr Norris, wie ist ihr Geburtsdatum und ihre Adresse?" Zum X-ten mal wiederhole ich meine Daten und der Arzt schreibt etwas auf seinem Klemmbrett. "Sie befinden sich jetzt im CT, anschließend werden wir sie Röntgen." Ich würde ja nicken, aber mit der Stütze funktioniert das nicht. "In Ordnung" stimme ich ihm kurz zu. Etwas anderes bleibt mir nicht übrig. Mich überkommt die Angst und ich Atme ein paar mal tief und versuche die Gedanken in meinem Kopf zu beruhigen. Ich frage mich, was meine Schmerzen auslöst. Ideal wäre nur eine Prellung, obwohl ich bereits weis, dass das mehr als eine Prellung sein muss. Vielleicht ein Bruch? Oder schlimmer, mit inneren Verletzungen? Ich hatte keine Möglichkeit an mir herunter zu schauen, also habe ich keine Ahnung ob ich offene Wunden oder Verletzungen habe. Ich kann nur abwarten und hoffen, dass meine Karriere nicht in Gefahr ist.

Während ich im CT bin schweifen meine Gedanken zu Mona. Ich hatte ihr und Leah die Karten zwar gegeben, aber ich weiß nicht ob sie wirklich zugeschaut haben.

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Die Diagnose steht fest. Zwei gebrochene Rippen und ein Schädel-Hirn-Trauma. Ich kann von Glück sprechen, dass es sich um diese zwei Sachen handelt und nicht noch mehr passiert ist. Die Ärzte stehen in einem Halbkreis um mein Bett herum und reden nacheinander mit mir. Ich kann nicht mal sagen, wie viel Zeit vergangen ist, als eine Krankenschwester zu uns in Zimmer kommt und einem der Ärzte etwas ins Ohr flüstert. Wenige Augenblicke vergehen und alle verlassen nacheinander den Raum. Ich habe Ihnen nach der hälfte eh nicht mehr zugehört..

Das Zimmer ist klinisch weiß und ich fühle mich unwohl. Alles ist fremd und stinkt nach ökologischem Waschmittel und Desinfektionsmittel. Noch immer habe ich diese Stütze an, aber ich darf mich aufrichten, insofern meine Wirbelsäule gerade bleibt und ich meine Rippen nicht belaste. Kurz gesagt, ich brauche bei jeder Bewegung Unterstützung, denn ich kann mich nicht alleine ohne Schmerzen bewegen. Ich weis selbst, dass ich auf aller höchstem Niveau meckere und ich sollte einfach dankbar sein, überhaupt noch am leben zu sein. Nachdem der Arzt mir meine Diagnose mitgeteilt hatte, fragte ich ihn direkt, ob ich je wieder Fahren könnte und als er nickte, war ich unheimlich beruhigt.

Es klopft an meiner Tür und ich bemühe mich um "herein" zu sagen. Meine Stimme ist angeschlagen und als sich die Tür öffnet versuche ich meinen Kopf so zu drehen, dass ich sehen kann, wer Eintritt. Henrys Stimme kommt meinen Augen zuvor und er greift direkt nach meinen Händen, als der das Kopfende des Bettes erreicht. "Hey Bruderherz, wie gehts dir?" fragt er besorgt. Auch Clara taucht in meinem Sichtfeld, hinter ihm, auf und schenkt mir ein flüchtiges Lächeln. "Den Umständen" flüstere ich, "ich will es sehen!" "Was willst du sehen?" fragt er ganz sanft und hält eine Hand an meinen Kopf. Ich muss miserabel aussehen, denn mit diesem Gesicht habe ich Henry noch nie gesehen. "Ich will meinen Unfall sehen." erkläre ich mich nochmal genauer.

Henry nimmt sich einen Moment und zückt dann doch sein Handy. Nach einigen Momenten, hält er mir das Handy über mein Gesicht und ich sehe genau zu, als ich die Kontrolle meines Wagens verloren habe und in die Wand eingeschlagen bin. Direkt fliegen Trümmerteile durch die Gegend und die Kamera schweift ab, kurz bevor das Video endet. Ich schlucke, denn die Aufnahmen sehen fatal aus. "Weist du eigentlich, was für ein Glück du hast?" Henry steckt sein Handy wieder ein und widmet sich wieder mir. Ich schließe meine Augen für einige Sekunden und lasse seine Worte nochmal sacken, denn er hat vollkommen recht. Ich hatte einen Schutzengel auf der Strecke. Ironischer weise kommt mir Monas Gesicht gedanklich vor Augen und ich öffne meine wieder.

"Wo ist sie?" Clara kommt jetzt näher und Henry sieht über seine Schulter zu ihr. "Sie lassen sie nicht rein.." "Bullshit, die sollen sie sofort hineinlassen! Wissen die überhaupt wer hier liegt?" Ich will bestimmend klingen, aber das gelingt mir nicht. Ich höre mich flehend an und tatsächlich bin ich das auch. Ich will sie sehen.. Ich muss sie sehen! "Kannst du sie reinholen Henry?" Kurze Skepsis spiegelt sich in seinem Gesicht wieder und er nickt schwach. "Ich werde es nochmal probieren.. vielleicht muss ich es dieses Mal über unseren Nachnamen machen.." er rollt die Augen, genervt von dem Fakt, dass die Mitarbeiter nur die Familie in das Zimmer lassen, dreht sich um und geht aus der Tür.

Meilenweit entfernt (Teil2)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt