8. Lando

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An das ständige Summen meines Hirns kann und will ich mich glücklicherweise nicht gewöhnen. Wortlos stellt mir Carlos ein Glas Orangensaft vor den Teller. Vor keinen 5 Stunden haben wir auf dem gleichen Tisch Scotch getrunken und ich könnte allein bei dem Gedanken daran kotzen. Was hat Mona wohl die Nacht gemacht? Ich vertröste mich mit dem Gedanken, dass Leah und Clara sie vermutlich in Henry und meiner Wohnung gut betreut haben..

„Psst" macht mich Rebecca auf sich aufmerksam. Sie wirft mir eine Aspirin zu und geht direkt zum Flur hinunter. Ich schenke ihr ein flüchtiges Lächeln.

„Ich gehe gleich zum Sport und du kommst mit. Du musst dringend auf andere Gedanken kommen." Sagt Carlos bestimmend, während er seine Schale mit Müsli und Yogurt zusammen mischt.
Ich stöhne erst, aber als er aufhört in seiner Schüssel zu rühren und mich finster ansieht, gebe ich nach.

„Ich hab n Schädel." informiere ich ihn, obwohl das mehr als offensichtlich ist.

„In drei Tagen haben wir erstes Training. Muss ich dich ernsthaft an deine letzten Rennen erinnern?" Carlos weis genau was er sagen muss, um mich zu provozieren. Tatsächlich hat er recht, meine letzten Performances waren miserabel und noch ein Briefing zu dem Thema kann ich nicht gebrauchen.. Ich rolle meine Augen und schüttle den Kopf. Ich weis, dass er mich damit eigentlich motivieren will, aber heute habe ich das Gefühl, es zieht mich eher runter. Ich hoffe die Aspirin hat ihre versprochene Wirkung..

Nachdem Carlos fertig gefrühstückt hatte, machten wir uns auf den Weg ins GYM.

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Es ist bereits Mittag, als wir fertig sind. Tatsächlich haben wir uns mit einem alten Bekannten im Fitnessstudio unterhalten und richtig verquatscht. Mir knurrt der Magen, als ich dir Tür aufstoße und mich von Carlos mit einem Handschlag verabschiede. Überraschend zieht er mich zu einer Umarmung und klopft mir auf den Rücken. „Denk an meine Worte und entlasse deinen Manager!" sagt er in mein Ohr.

Ein Schauer läuft mir über den Rücken und ich versteife. Während dem Training konnte mein Körper sich auspowern und ich hatte zwischendurch Momente, wo meine Gedanken nicht um Mona kreisen.
Ich erzwinge mir ein kleines Lächeln und bin froh, das Carlos sich schnell umdreht und mich alleine lässt. Ich beiße mir auf die Innenseite der Backe, um keine Emotion zu zeigen. Hier in Monaco sind immer und überall Menschen die mich filmen.. Ich muss meine Fassade aufrecht erhalten..

Direkt ist mein Konflikt mit mir selbst da. Wieso will ich meine Fassade überhaupt aufrecht erhalten.. für wen? Intuitiv ziehe ich mein Handy aus der Jogginghose und wähle die Nummer meines Managers während ich in die Richtung meiner Wohnung gehe. Alles passiert wie automatisch, denn ehe ich es richtig bedacht habe, habe ich ihm die Kündigung ausgesprochen.
Der Mann am anderen Ende der Leitung war empört und wollte mir klar machen, dass ich das nicht so einfach machen könnte. Kurzerhand habe ich das Gespräch einfach beendet. Jetzt steigt Panik in mir. Ich kann unmöglich meine Angelegenheiten alleine klären. Dafür habe ich schlichtweg keine Zeit.

Fuck.. ich habe grade meinen Manager gekündigt und habe keinen neuen.. und das mitten in der Session.. kalter Schweiß macht sich bemerkbar.

Ich stelle mich an eine Hauswand in einer Seitenstraße. Nachdem ich ein paar mal tief Luft geholt habe, suche ich auf meinem Handy Henrys Nummer. Ich brauche meinen großen Bruder jetzt.

Es klingelt zwei mal und als er abnimmt, habe ich mich wieder auf den Weg zur Wohnung gemacht.
„Bist du daheim Henry?" frage ich gepresst.

„Guten Mittag dir auch, schön von dir zu hören. Warum sagst du nicht Bescheid, wenn du nach Hause kommst? Wir hatten klare Regeln für ein Zusammenleben ausgemacht."

„Jaja, dafür ist jetzt keine Zeit. Deine Moralpredigt muss kurz warten. Ich habe meinen Manager grade gekündigt." Ich schaue mich kurz um, um zu sehen ob mir jemand zuhört, während ich Henry die Nachricht übergebe. Ich stelle mich innerlich darauf ein, dass er an die Decke geht und mich mit jeglichen Mitteln zur Vernunft bringen will. Innerlich kann ich ihn schon sehen, wie er aufspringt und sich in die langen Haare greift.

„Okay ich vertrete dich bis zum Jahresende." höre ich ihn in einer ruhigen Stimmlage.

Ich muss stehen bleiben und nehme mein Handy von Ohr. Verwirrt schaue ich nach, ob das wirklich Henrys Nummer ist, die ich gewählt habe.

„Was?" frage ich nach und versuche so ruhig wie möglich zu bleiben. Durch die anfahrenden Autos gehe ich schnell weiter.

„Ich habe mit Carlos bereits darüber gesprochen und ich frage mich wie er dich so schnell davon überzeugen konnte, ihn wirklich zu feuern." gesteht er.

Ich bin kurz fassungslos. Die beiden haben also einen Plan gemacht, ohne mich einzuweihen.

„Gibts sonst noch was, was ihr zwei ohne mich geplant habt?" schieße ich etwas fieser als erwartet zurück. Direkt bereue ich meine Stimme, entschuldige mich aber nicht. „Bist du jetzt zuhause oder nicht?"

„Natürlich bin ich das. Wir haben einiges zu besprechen." Henrys Stimme ist voller Euphorie. Als hätte er schon darauf gewartet, mein Manager zu spielen. Ich muss jetzt dringend mit ihm sprechen. Über meine spontane Reaktion und über meine zukünftige Handlung. Sei es in meiner Karriere oder in meiner Beziehung zu Mona.. in mir macht sich eine Mischung aus Freude und Leid breit. Eine Mischung der Gefühle, die unkontrollierbar sind. Ich muss dringend einen Weg finden, damit zu arbeiten und umzugehen.

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Henry sitzt am Küchentisch und wartet bereits auf mich. Tatsächlich hatte ich gehofft Mona hier auch anzutreffen, aber die Stille im Haus und die fehlenden Schuhe von ihr und Clara im Flur erlöschen meine Hoffnung.

„Sie ist nicht hier." Henry bestätigt meine Gedanken, „wir sind alleine, um endlich mal in Ruhe über alles zu sprechen. Ich glaube nämlich, wir haben einiges aufzuholen, oder?"

Ich nicke und gebe Henry einen Handschlag, nachdem er kurz von dem Stuhl aufgestanden ist. Ich bin bereit für dieses Gespräch. Hoffentlich bringt es endlich das Chaos in meinem Kopf in Ordnung.

Dieses Mal fühlt es sich erleichtert an, ganz ungezwungen mit Henry zu reden.

Meilenweit entfernt (Teil2)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt