Kapitel 16

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»Alles in Ordnung?«, wollte Henry wissen, als Edan und ich gemeinsam ins Wohnzimmer schritten, um den alten Mann zu begrüßen. Jedoch verweilte der Vampir, der zuerst hinter mir stand nur einen Moment, da er zugleich in der Küche verschwand und obwohl Henry wusste, dass er uns hören konnte, fragte er direkt: »Edan sah ziemlich zerstreut aus, als er das Haus verlassen hat. Habt ihr euch gestritten?« Schon fast schuldbewusst nickte ich leicht. Warum will er das wissen?, ging mir durch den Kopf, da mir der Unterton in seiner Stimme gleich auffiel.

Dennoch musste ich ihm das nicht unbedingt auf die Nase binden. Vor allem, weil ich Stunden zuvor abhaute. Dass er überhaupt noch wach war, wunderte mich etwas. Ungeachtet dessen sah es aus, als ging er jeden Moment ins Bett. Trotz alledem wirkten seine Falten tiefer wie sonst, als wusste er über alles und jeden Bescheid. Prompt stellte ich mich auf eine Moralpredigt ein, aber nichts dergleichen passierte. »Wenn wir das hatten, dann haben wir uns wohl wieder versöhnt«, ließ ich verlauten. Zumindest war das zu hoffen, aber es fühlte sich so an.

Ich wickelte den Bademantel enger um meinen Körper, da ich eben erst unter der Dusche stand und schaute kurz aus dem Fenster. Es war spät und das Wetter schien mal wieder durchzudrehen. Regen prasselte gegen die Fensterscheiben und man hörte den Wind um das Haus pfeifen. Kurz huschte ein Schauer über meine Haut und verursachte eine Gänsehaut, aber ich wusste, dass wenn es so war, niemand in der Nähe sein konnte. Zumindest kein Guhl. Dieses Vieh hatte mich nur allzu sehr geprägt.

Zugleich bemerkte ich wie Edan in der Küche herumwuselte und etwas zu Essen aufwärmte. Ich vermisste ihn irgendwie schon in diesem Moment, obwohl wir gerade erst zusammen waren, aber durch die ganzen Streitereien wollte ich bei ihm sein und ihn nie wieder loslassen. Erneut dachte ich an dieses wunderbare Gefühl ihn in mir zu haben. Seine Bewegungen. Wie er sich anfühlte... In diesem Augenblick kam es mir noch immer vor, als wäre er auf meine Haut. Ich spürte ihn überall. Der Geruch seines Blutes und der Geschmack in meinem Mund schienen regerecht durch mich hindurchzufließen.

Schlagartig traten meine Fänge zum Vorschein und obwohl ich eilig die Hand vor meinen Mund nahm, bemerkte der alte Mann doch ziemlich schnell meine Reaktion. Aus diesem Grund hielt ich die Klappe und wartete geduldig ab, ob Henry mir noch etwas zu sagen hatte. Da er mich aber mit belustigendem Blick ansah, wusste er sicher, was da in meinem Kopf vor sich ging. Außerdem spürte ich, wie meine Augen anfingen zu glühten. Automatisch senkte ich den Blick und er fing tatsächlich zu glucksen an. Immerhin war er ebenso vor langer Zeit jung gewesen.

Aber schon das Wissen, vor ihm zu stehen und an Edan zu denken, wie wir... Unvermittelt schoss mir die Röte ins Gesicht, aber ich konnte mich viel besser kontrollieren, als ich annahm und ziemlich schnell spürte ich, wie sich auch meine Fänge wieder verkürzten. Ich musste nur an etwas anderes denken; an ganz normale Dinge zum Beispiel. Es war gar nicht so schwer. Natürlich musste ich mich nicht vor Henry verstecken. Er wusste sowieso, dass zwischen Edan und mir Einiges passierte, doch er sollte mir nicht alles aus dem Gesicht lesen können. 

»Meine Mutter hat Nachtschicht, also brauchen wir nicht auf sie zu warten. Ich werde mich jetzt auch aufs Ohr hauen. Ich wünsche dir eine gute Nacht!« Mit diesen Worten verabschiedete ich mich gefällig und drückte ihm noch einen Kuss auf die Wange. Leicht lächelnd drückte der alte Mann mich einen Augenblick an sich und der vertraute Duft von ihm strömte durch meine Nase. Schon der Gedanke daran irgendwann ohne ihn zu sein schmerzte. Leider wählte jeder sein Leben selbst und er hatte sich entschieden ein Mensch zu bleiben. Schlussendlich machten wir uns wieder voneinander los und unsere Wege trennten sich.

Einen kurzen Moment später stand ich vor der Tür, die in meine und meiner Mutters vier Wände führte und legte den Kopf einen Moment gegen das kühle Holz. Meine Gedanken suchten sich wieder einen Weg, um zu Stephan zu gelangen, obwohl ich ihn für eine Weile aus meinem Kopf verbannte. Dennoch befand ich mich wieder in vertrauter Umgebung. Die eigentlichen Probleme waren nicht verschwunden. Das wurde mir schmerzlich bewusst. Jeden beschissenen Tag musste ich daran denken und welche Worte seine Lippen verließen. Das beschäftigte mich ungemein, da mich anbei so ein komisches Gefühl umgab. Der Vulkan brodelt und jeden Moment wird er Feuer speien. Da war ich mir sicher.

Someday II - be a VampireWo Geschichten leben. Entdecke jetzt