KATHARINA UND MAYA:
Katharina versuchte Mayas Wunde zu stoppen, doch das Blut strömte nur so aus ihrer Kehle. Der Mann mit der Augenklappe hatte ihre Halsschlagader getroffen. Maya versuchte etwas zu sagen, doch Katharina wies sie an zu schweigen. Sofort zerriss Katharina ihr T-Shirt und band es um den Hals ihrer Tochter zu wickeln. Bemühte sich die Wunde irgendwie zu stoppen. Doch all ihre Bemühungen waren umsonst. Das Blut strömte immer weiter aus der Wunde. Nach wenigen Sekunden war das T-Shirt völlig durchnässt. Es war schon merkwürdig, aber Katharina war weder nervös noch hektisch. So war sie schon immer, wenn es eine Krise gab, dann wurde sie ruhig. Zusammenbrechen würde sie erst, wenn alles vorbei war und wieder ein wenig Ruhe herrschte. Ihr war klar, dass ihre Tochter tödlich verletzt war. Und das es nichts gab, was sie machen konnte. Sie hätte ihre Tochter ja nicht einmal in ein Krankenhaus bringen können. Die meisten Ärzte arbeiteten schon lange nicht mehr. In den Krankenhäuser starben stündlich unzählige Menschen. Doch Katharina gab so schnell nicht auf. Für sie war eine Sache erst dann entschieden, wenn sie wirklich vorbei war.
„Ich werde jetzt kurz in die Küche gehen und etwas holen, um das Blut zu stoppen." Sagte Katharina. Sie würde ihre Tochter retten. Sie wollten doch gemeinsam die letzten Tage verbringen. Doch Maya hielt sie fest. Sie musste ihrer Mutter jetzt etwas sagen.
„Ich freu mich für Dich!" sagte Maya. Katharina schaute ihre Tochter neugierig an. „ Ich freue mich, dass Du jetzt glücklich bist!". Doch Katharina war verwirrt. Was meinte ihre Tochter? Warum glaubte sie, dass sie glücklich war?
„Du und Tammy... ich find's toll." Sagte Maya. Und jetzt verstand Katharina. Ihre Tochter wusste also Bescheid. Bescheid, dass sie sich in eine andere Frau verliebt hatte.
„Danke" war das Einzige was Katharina hervorbrachte. Maya lächelte. Dann musste sie Blut spucken.
„Das Stickeralbum..." sagte Maya, nahm ihre ganze Kraft zusammen und zeigte auf ihren Rucksack. „Sticker...!"
Katharina verstand zwar den Sinn der Worte nicht, holte dennoch den Rucksack. Sie wollten den Rucksack gerade öffnen, da nahm Maya ihn an sich und öffnete ihn langsam. Ihre blutverschmierten Hände holten das Stickeralbum hervor. Sie presste es fest an sich. Mayas einzige Gedanken galten Stefan. Sie dachte nicht daran, dass ihre Mutter Todesängste litt. Dass sie höchstwahrscheinlich sterben würde. Das war ihr schon lange klar, auch wenn sie nicht damit gerechnet hatte, dass es jetzt und auf diese Weise geschehen sollte. Sie dachte sie würde zusammen mit Stefan ihre letzten Minuten haben. Dass sie beide wieder auf dem Dach der Schule sitzen würden. Händchen haltend. Küssend. Und das Stickeralbum vor sich liegend. Das Stickeralbum in das sie den letzten fehlenden Sticker eingeklebt hatten.
Sie hatte in ihrem viel zu kurzen Leben nichts zu Ende gebracht. Alles nur angefangen. So wie damals, als sie einen Roman begonnen hatte und nie beendet. Oder als sie für eine Aufführung ein Gedicht einüben wollte, aber sogar das Updaten ihres Rechners als wichtiger erschien. Sie hatte Sachen immer nur halb gemacht. Doch mit diesem Album sollte es anders werden. Sie hatte geschworen, dass sie den letzten fehlenden Aufkleber finden würde. Das es etwas gab, dass sie bis zum Schluss zu Ende bringen würde. Das ihr Leben nicht umsonst gewesen war. Sie wollte diese scheinbar unnütze Tat für Stefan machen. Damit auch er abschließen konnte. Mit dem Leben. Der Welt. Das wäre ihre perfekte Tat gewesen. Ihre Rettung. Dann hätte sie sterben können. Doch nicht so. Nicht jetzt. Nicht bevor sie nicht „Ronaldo" gefunden hätte.
„Ronaldo..." sagte sie.
„Ich verstehe Dich nicht!" war die Antwort ihrer Mutter.
„Du musst es zu Ende bringen..." sagte Maya.
„Was denn meine Kleine? Was muss ich zu Ende bringen?" fragte Katharina. Anstatt zu antworten blätterte Maya zu der Seite mit dem fehlenden Sticker.
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Apokalypse Berlin
Science FictionIn genau 52 Wochen wird die Erde zerstört sein. Alles Leben ausgelöscht. Und niemand kann diesem Schicksal entkommen. Ein riesiger Asteroid wird ausgerechnet an Sylvester die Erde treffen. Doch wie damit umgehen? Diese Frage stellt sich auch die woh...