HANNAH:
Hannah traute ihren Augen kaum. Unterhalb von Berlin war eine kleine eigene Stadt entstanden. Das war einfach der Wahnsinn. Und es gab ihr Hoffnung. Hoffnung, dass der Untergang der Welt doch noch abwendbar war. Es bestätigte sie in dem Glauben, dass die Menschen fähig waren, immer einen Ausweg zu finden. Und vielleicht war es in diesem Fall sogar Mal ein Ausweg, der Gutes bewirkte. Oft genug hatten sich die Menschen selbst in noch größere Scheiße geritten. Man denke nur an den Aralsee. Der liegt inmitten einer sehr niederschlagsarmen Region in Zentralasien. Noch Mitte des letzten Jahrhunderts bedeckte er eine Fläche von der Größe Bayerns. Da das Wasser seiner Zuflüsse aber seit Jahrzehnten für Bewässerungsprojekte abgezweigt wurde, trocknete der See mehr und mehr aus. Hinzu kommt die enorme Belastung durch Industrieabwässer - mit fürchterlichen Folgen für die Bewohner dieser Regionen: Das Trinkwasser wurde knapp, die Kindersterblichkeit lag bei 15 Prozent, viele Neugeborene kamen missgebildet zur Welt. Hannah hatte sich damals stark für den Aralsee eingesetzt, nachdem sie einen Diavortrag an ihrer Uni gesehen hatte. Sie hatte beobachtet, wie immer mehr und mehr Menschen, sobald sie einmal die Folge ihres Handelns am eigenen Körper oder dem ihrer Kinder gespürt hatten, langsam umdachten. Sie begannen den See und ihre Umwelt als Teil ihres Lebens zu betrachten, den es genauso zu pflegen bedarf. Und tatsächlich – obwohl schon beinahe aufgegeben, erholte sich der See langsam. Und vielleicht. Ganz vielleicht erholte sich die Menschheit ja auch wieder von ihrem kapitalistischen Wahn, dem ganzen Terror und dem Zerstören der eigenen Rasse. Vielleicht würde man ja wieder humanistische Werte entdecken und zu sich selbst zurückfinden. Hannah wünschte sich das auf jeden Fall.
Und wenn sie sich hier umschaute, dann spürte sie, dass es eine Chance für die Menschheit gab. Der Marktplatz, auf dem sie stand, war von Menschen jeglicher Nationalität, Hautfarbe und Religion bevölkert. Doch das, was die Szenerie am nachhaltigsten prägte, war die Abwesenheit von Angst. In den letzten Jahren, vor dem Tag der Verkündung wurde das Leben der Menschen durch Angst geprägt. Angst, dass irgendein Fanatiker in der U-Bahn oder beim Einkaufen im Shopping-Center eine Bombe hochgehen lässt, oder einen Giftgasangriff startet. Die Angst mit seiner Familie in einem fremden Land Opfer eines Brandanschlags zu werden, weil irgendwelche durchgeknallte Nationalisten unbedingt ihr Heimatland verteidigen wollten. Und das obwohl sie selber nicht einmal Heimat fehlerfrei Schreiben konnte. Oder die Angst, dass bei den nächsten Wahlen irgendwelche diktatorischen Idioten an die Macht kommen würden, die die Welt in die atomare Apokalypse führen würden. Die Angst vor Krankheit und vor der Zukunft. Doch eben all diese Ängste waren vorbei und ein überholtes Relikt inzwischen längst vergessener Zeiten.
Staunend ging Hannah über den Marktplatz. Lächelnde Menschen hießen sie willkommen, drückten ihr Blumen in die Haare oder eine Schale köstlich duftenden Reis in die Hand. Zuerst war sie nur enttäuscht, dass ihre Mutter nicht mitgekommen ist. Jetzt war sie regelrecht sauer auf sie. Katharina war nicht dabei, weil sie immer noch diese komische Karte suchte. Sie fand ja gut, dass sie ihr Versprechen, welches sie Maya gegeben hatte, hielt. Aber insgeheim dachte Hannah auch, dass ihre Mutter sich besser einmal zu Lebzeiten mehr um Maya und auch um sie gekümmert hätte. Sicher, Katharina war immer schnell dabei, wenn es um pädagogische und psychologisch Konzepte der Erziehung ging, aber richtige „quality-time" hatte sie nie mit ihren Kindern verbracht. Hannah wusste, dass Katharina durch diese Karte versuchte ihr schlechtes Wissen zu befrieden. Aber was sie sich wirklich wünschte war, dass ihre Mutter die restliche Zeit mit ihr verbrachte. Mein Gott, es waren höchstens noch 40 Wochen, bevor ihr Leben ausgelöscht war.
Maurice nahm Hannah an die Hand.
„Ich will dir Moira vorstellen. Sie leitet die Arche hier." Gemeinsam bahnten sie sich einen Weg durch die Massen. Sie betraten einen größeren Raum, eigentlich einen Thronsaal. Zumindest empfand Hannah den Raum so. Am anderen Ende vom Eingang stand ein riesiger Stuhl. Auch wenn man sich Mühe gemacht hatte, den Stuhl nicht nach einem Thron aussehen zu lassen, so war es für Hannah dennoch ein Thron. Auf dem Thron saß eine Frau mittleren Alter, neben dem Thron standen zwei kräftig aussehende Männer. Hannah verlangsamte intuitiv ihren Schritt. Maurice musste grinsen.
„Du brauchst keine Angst zu haben!" beruhigte Maurice sie. Doch Hannah war nervös. Sie konnte selbst nicht genau sagen, warum das so war. Aber sie war nervös. Sogar regelrecht angespannt. Sie fühlte sich, als würde sie gegen ihren Willen vor Gericht geführt und man würde gleich über ihre Zukunft richten.
Schweigend kamen sie schließlich einige Meter vor dem Thron zum Stehen. Die Frau, Moira, hatte noch nicht zu ihnen aufgeblickt. Sie war mit einem Tablet beschäftigt. Einige lange Sekunden herrschte lediglich Schweigen in dem Raum. Tiefes, intensive Schweigen, wie bei einer Klassenarbeit. Hannah sucht den Blick von Maurice, doch der schaute lediglich einige Meter vor sich auf den Boden. Genauso wie die beiden Wachen. Und mit jeder Sekunde, die verstrich, fühlte Hannah sich unwohler. Ihre Kehle wurde trocken, sie hatte Probleme zu schlucken. Und dann merkte sie, dass sie wirklich dringend pinkeln musste. Sie hatte wohl zu viel Kaffee getrunken. Jetzt hatte sie Angst, dass ihre Blase platzen würde. Diese Angst begleitete sie schon früher immer auf längeren Autofahrten. Genaugenommen seit dem Tag, an dem ihr Vater ihr die Geschichte dieses tschechischen Professors erzählt hatte. Der war zu irgendeinem Staatsempfang geladen gewesen. Für den Mann die höchste Auszeichnung, die er wohl je erhalten würde. Was sich auf tragische Weise auch Bewahrheiten sollte, da der arme Professor noch am gleichen Tag starb. Er hatte, um Vaclav Havel nicht zu beleidigen, sein Pipi so lange angehalten, bis seine Blase schließlich platzte. Er starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus an inneren Blutungen.
Hannah beschloss gerade, dass sie sich eher in die Hose pinkeln würde, als zu sterben, da bewegte sich Moira. Sie betrachtete Hannah einen Moment, dann schaute sie zu Maurice. Der empfand das als Aufforderung zu sprechen.
„Liebe Moira, ich habe heute eine alte Freundin getroffen und sie hierher gebracht. Ich hoffe, dass das für Dich in Ordnung ist." Sagte Maurice. Und obwohl er Moira die ganze Zeit Duzte, wirkte das Gespräch doch unangenehm förmlich.
Moira schaute wieder zu Hannah. Einen Moment blieb sie bewegungslos sitzen, dann stand sie auf und ging direkt auf Hannah zu. Hannah verlagerte nervös ihr Gewicht von einem Bein auf das Andere. Moira blieb direkt vor Hannah stehen. Dann, plötzlich, änderte sich ihr Gesicht von dieser steinernen Maske hin zu einem warmen und freundlich Grinsen. Sie nahm Hannah in die Arme. Hannah, leicht verdutzt, zögerte einen Moment, erwiderte dann die freundliche Geste.
„Willkommen Hannah... ich freue mich sehr, dass Du hier bist!" sagte Moira. Hannah lächelte Moira an, die sie erneut umarmte. Und auch wenn die Szenerie auf den ersten Blick weniger feindselig wirkte spürte Hannah, dass irgendwas hier nicht stimmte.
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Apokalypse Berlin
Fiksi IlmiahIn genau 52 Wochen wird die Erde zerstört sein. Alles Leben ausgelöscht. Und niemand kann diesem Schicksal entkommen. Ein riesiger Asteroid wird ausgerechnet an Sylvester die Erde treffen. Doch wie damit umgehen? Diese Frage stellt sich auch die woh...