Ich öffnete die Augen. Mit dem Gesicht lag ich wörtlich in das Buch vertieft, als ich mich aufrichtete und einmal gähnte. Ich musste während des Lesens eingeschlafen sein. Ich schlug das Buch vor mir zu und legte es auf den eingestaubten Tisch zurück. Mit skeptischen Blick sah ich darauf und überlegte. Natürlich hätte ich im Normalfall, wie jeder andere halbwegs realitätsnahe Geist, den Gedanken eines Irren keine weitere Bedeutung zugeschoben, der anscheinend im Rausch von etwas ziemlich harten seine Wahrnehmung der Dinge niederschrieb. Dafür sprachen die leeren Flaschen, das alte und verlassene Haus sowie der Obdachlose, der mich hier her geführt hatte. Gäbe es nicht den kleinen aber wichtigen Fakt, dass ich die benannten Personen und Umstände kannte. Harald Ford war mein Dozent in höherer Mathematik, eine Kategorie in der ich wirklich nicht gut war, aber seine freundliche und zuvorkommende Art war es, durch die ich die Vorlesungen überstehen konnte. Wir riefen ihn Harry. An den Vorfall mit dem Zauberwürfel erinnerte ich mich genauso, das war Mischel gewesen. Und angeschrien hatte sie der vermeintliche Zeitreisende, der genau nach diesem Tag die Universität verlassen hatte. An eine wahre Zeitreise glaubte mein damals so kleiner Geist nicht, aber das Buch mitnehmen tat ich.
Nachdem ich mir aus einem Regal und dem Tisch eine behelfsmäßige Treppe erbaut hatte und wieder aus dem Keller kletterte, überraschten mich die Sonnenstrahlen. Einen Moment blieb ich einfach stehen und genoss die Wärme, da musste mir auffallen, dass es nicht Morgen sein durfte. Da es aber doch dieser war, hatte ich die ganze Nacht dort unten verbracht. Ich sah auf meine Uhr und erschrack: Die Vorlesung würde in 20 Minuten beginnen und mein Auto hatte ich in den Graben gesetzt. Ich hechtete zu dem Unfallort, als mir meine eigene Dummheit auffiel. Das Auto stand nicht im Graben, es war nur am Rand ein Stück weg gerutscht, somit hätte ich einfach Rückwärts fahren können und wäre früh in der Nacht in der Wohnung angekommen. Dies tat ich nun auch.
Ich fuhr mit dem Auto zurück zur Stadt, immer auf die Höchstgeschwindigkeit achtend, ich konnte mir so etwas nicht leisten. Nachdem ich das Ortsschild passiert hatte, begann ich mich von dem Äußeren zum Inneren Ring durch zu kämpfen. Der morgendliche Verkehr raubte mir sowohl Zeit, als auch Nerven und als ich endlich den erlösenden Parkplatz erreichte, waren die Plätze bereits alle vergeben. Einige hundert Meter musste ich weiter um bei dem Staatstheater eine freie Lücke zu finden. Es wurde All my Sons aufgeführt, wie ich dem Werbeplakat entnehmen konnte und es war nicht gut besucht. Die Beine musste ich in die Hand nehmen, als ich zurück zu der Uni lief.
Wäre mein eigentliches Ziel der Hörsaal gewesen, hielten mich die Massen an Menschen durch ihre bloße Anwesenheit davon ab, mich zu diesem zu begeben. Ihr auftreten stellte nämlich den Beginn der Mittagspause da. Das war der Moment, indem mir mein Hunger auffiel und so zog ich Richtung Cafeteria weiter.
Mit einem kochenden Teller voll Hühnerbrühe setzte ich mich an meinen Stammtisch, auf den für mich freie Platz. Wie immer waren Antonov und Mischel bereits vor mir angekommen, sie schienen immer hier auffindbar zu sein und das trotz dass sie als Studenten eigentlich etwas mehr lernen sollten. Doch zu meiner Verwunderung waren sie nicht alleine, denn wie heraufbeschworen saß Riela bei ihnen am Tisch, an dem Platz den Tim sonst einnahm, doch dieser fehlte. Als diese aufsah und mich entdeckte, schien sie sowohl verwundert als auch froh zugleich zu sein. "Hey, Jay! Schön, dass es dir gut geht. Man hat sich sorgen um dich gemacht, nachdem du seit gestern Abend nicht mehr aufgetaucht bist. Eigentlich wäre es mir nicht aufgefallen, aber nachdem ich mich gestern von Alina und Armin verabschiedet hatte, fuhr ich mit dem Bus in die Stadt zurück. Doch als ich von dort weiterfahren wollte, sind einfach keine Busse mehr gefahren. Glücklicherweise weiß ich ja, wo du wohnst und dachte mir, dass ich dort unterkommen könnte. Aber dann warst du auch nicht da! Naja, da ich wirklich nicht in der kalten Nacht warten wollte, bin ich über die Hortensie zu deinem gekippten Badezimmerfenster geklettert und habe deine Wohnung betreten. Deine beiden Katzen haben sich gefreut, die hatten sehr viel hunger." Ich hatte mich unterdessen hingesetzt, doch bei ihren letzten setzten hatte ich aufgehorcht. Nun sah ich sie an und fragte nur: "Du bist in meine Wohnung geklettert und hast dort die Nacht verbracht, weil ich nicht da war?" Sie biss von einem Apfel ab und antwortete: "Ja, hätte ich warten sollen. Du warst ja eh nicht da." Ich schüttelte einmal kaum merklich den Kopf und beließ es dabei. Da erinnerte ich mich an den Grund, warum ich nicht zurückgekehrt war und wühlte in meiner Tasche, bis ich das Buch zu fassen bekam. "Fast vergessen. Ich bin in der letzten Nacht, deswegen kam ich nicht zur Wohnung, auf etwas sehr interessantes gestoßen." Ich schob das Buch zu den Dreien herüber, sie schlugen es auf und blätterten ein wenig. Ich fuhr fort: "Ihr kennt ja sicher noch den hochbegabten, der bis vor kurzem auch hier an der Uni war, stimmts?" Riela antwortete mir darauf beiläufig beim lesen: "Du meinst diesen Schnösel von Einzelkind, mit seinem reichen Vater und dessen Mutter sehr wahrscheinlich eine günstige Asiatin war? Der sich zwar immer auf das hohe Ross setzte, aber sehr wahrscheinlich keine Ahnung vom reiten hatte? Der..." Ich unterbrach sie mit einem lächeln: "Ja, der. Ich denke wir wissen jetzt, wer gemeint ist. Auf jeden Fall meint dieses Buch seine Biogrphie zu sein. Zu Anfang ist der Tag vor den Abschlussprüfungen seines Jahrganges beschrieben. Alles nachvollziehbar, das interessante kommt aber am Ende des ersten Kapitels. Dort wird nämlich über seinen weiteren Werdegang geschrieben. Ich vermutete, er wäre einfach zu seinem neuen, tollen, hochrangigen Arbeitsplatz gegangen, aber diese Schrift meint etwas anderes. Sie erzählt, und jetzt haltet euch fest, dass er durch die Zeit gereist wäre. Genau, er soll sich im Jahr 1182 befinden. Was meint ihr dazu?" Zu meiner Verwunderung begann keiner wirklich zu lachen, oder sich lächerlich zu machen. Antonov las angespannt im Buch und Mischel schien bereits nachzudenken. Sie war es auch, die das Wort ergriff: "Ok, ok. Ich habe mir das Buch angesehen und es könnte wirklich aus dieser Zeit stammen. Nicht, dass ich mich mit Zeitreisen auskenne, oder diese führ möglich halte, aber Geschichte ist mein Fachgebiet und allein am Geruch des Papieres erkenne ich das Alter dieses Objekts." Der nächste war Antonov, er hatte sich einige weitere Daten aus dem Buch gepickt und erläuterte seinen Gedankengang an diesen: "Die Zeichnungen sind sehr sporadisch und nicht perfekt, aber da mein Fokus auf Physik liegt, kann ich den gezeigten Vorgängen folgen. Es wird mit dem Prinzip gespielt, ein Objekt aus der aktuellen Zeitlinie zu nehmen, es in einen Raum aus "Flux" zu verschließen und dann den sich darum befindenen Raum an ihm vorbei zu schieben. Für diesen Vorgang sind Unmengen an Energie nötig und was mit "Flux" gemeint ist, weiß ich nicht, aber es klingt, zu meinem Erstaunen, plausibel." Ich schaute meine beiden Freunde nur an und verstand sie nicht. Normalerweise hatte ich sie für realistisch denkende Personen gehalten, aber bei den letzten Ausführungen hatte ich mich an der heißen Suppe verschluckt und musste heftig husten. Bis ich wieder sprechen konnte, verging sicher eine Minute, doch dann erläuterte ich ihnen, was sie gerade sagten. Dass sie beide Zeitreisen für möglich erklären wollten und dass eine uns bekannte Person so etwas ausgeführt habe. Ich geriet in einen Rausch, da es für mich keinen Sinn ergab und dass Zeitreisen, wenn sie möglich wären, das Gefüge von Raum und Zeit zerstören würden und wir alle unser Existenz verloren hätten. Ich erläuterte, dass bereits Kleinigkeiten, wie ein einfaches Gespräch vor so vielen Jahren in dem Hier und Jetzt für ernste Probleme sorgen würden, bis es wieder Riela war, die mich aus diesem Vorgang befreite. "Ok, ich habe zwar kein Wort verstanden, aber das Buch schreibt ja über Prof Harry. Warum gehst du nicht zu ihm, der hockt ja sicherlich in der Bibliothek, und fragst einfach mal nach." Wir sahen sie an und kurz darauf befand ich mich mit Rucksack und Buch in dem 13 Stöckigen Treppenhaus.
Während ich die Treppen heraufstieg, malte ich mir die Ergebnisse aus. Harold war Mathematiker und damit sehr wahrscheinlich nicht einmal auf eine genaue Unterredung aus. Im Besten Fall würde ich einen Vortrag über den Verbleib seines Vorzeigeschülers anhören dürfen, nur um am Ende mit einem Lächeln und dem Wissen, niemals so großen Einfluss auf das Weltgeschehen zu haben wie er, wieder zu gehen. Mit dieser Einstellung erreichte ich die oberste Etage der Bibliothek. Sie wäre geräumig gewesen und hätte mit Sicherheit für viele Zwecke verwendet werden können, doch da der Vorrat 1.8 Millionen verschiedene Bücher umfasste, war ein ganzes Gebäude für den Stauraum nötig und die Gerüste, welche neben dem Erdgeschoss aus dem Boden wuchsen, kündigten eine Erweiterung an.
Prof Ford war einer der wenigen Dozenten die praktisch hier zu leben schienen. Er hatte mal erwähnt, dass er eine Wohnung am Stadtrand besäße, doch diese praktisch ungenutzt sei, da er sich ein Nebenzimmer hier in der obersten Etage einrichten durfte und dies auch getan hatte. Ich vernahm geschäftiges Blättern und räumen hinter der Tür, als ich zu klopfen begann. Seine Stimme war noch immer kraftvoll, als er erlaubte, dass die Tür geöffnet werden solle. Es war eine weibliche Person, etwas jünger als ich, die mir die Tür öffnete. Ich hatte sie schon häufiger im Innenhof über einem Notizbuch sitzen sehen, aber ihren Namen kannte ich nicht. Ohne ein Wort wies sie mir den Weg durch die Regale, welche die großen Schätze der Bibliothek bewahrten. Ich war schon öfter hier oben gewesen, wenn ich Originaltexte für Ausarbeitungen benötigte, somit erstaunte mich die Masse an Geschichte nur und war nicht mehr ganz überwältigend. Das Ende fand mein Weg an einem Tisch, der von einer kleinen, elektrischen Lampe beleuchtet wurde und vor dem meine Zielperson saß.
Er bat mich, ihm gegenüber Platz zu nehmen und fragte nach dem Grund meines Aufsuchens. Ich erklärte ihm, wie ich an das Buch gekommen war, natürlich ließ ich die Party und den Unfall geschickt aus, und welches Inhalt es zu bergen schien. Dann berichtete ich, dass wir zu dem Entschluss gekommen waren, dass er helfen könne. Sein Gesicht schien mit jeder meiner Worte älter zu werden, was mich stark verunsicherte und statt mich zu unterbrechen, hörte er in aller Ruhe zu. Nach meinem Abschluss strich er sich über das Kinn und bedachte seine Assistentin mit der Aufgabe, ihm einen Tee zuzubereiten. Dann begann er langsam und mit ruhiger Stimme zu sprechen: "Ich weiß, was du jetzt von mir erwartest. Du denkst, dass ich dir die Antwort geben werden, dass dies alles nur der Gedanke eines jungen Mannes ist, der sich einen Scherz erlaubt. Doch ich muss dich enttäuschen, dass kann ich nicht sagen. Denn es ist so, dass Theo, wie sein Name lautet, exakt an dem von dir beschriebenen Abend spurlos verschwunden ist. Ich hielt es für seine pure Überheblichkeit, doch liegt dieser Vorfall nun schon fast 2 Monate zurück. Sein Vater hat begonnen sich große sorgen zu machen, da er viel Geld in die Erziehung des Jungen gesteckt hat und machte mich dafür verantwortlich. Ich sollte ihn finden und zurück bringen, doch wenn das in dem Buch beschriebene stimmen mag, was ich leider für nicht ganz unwahrscheinlich halten muss, werde ich die Aufgabe nicht erfüllen können. Ich bitte um einen kurzen Moment, meine Assistentinnen, werden gleich wieder hier sein, sie dürften wissen, was ich brauche."
Kurz darauf erschienen die Helferinnen im Doppelpack. Neben derjenigen, die ich schon kannte, welche hochgewachsen war und schulterlange Haare trug, reihte sich eine weitere etwas kleinere ein, deren Haare einen Übergang zwischen kurz und lang zu bilden schienen. Harald wies auf die Größere: "Das ist Fey Arnwald, sie ist Studentin und war von mir als Haushilfe bei Theo eingetragen worden. Daneben findest du Isabell Grimm, wir nennen sie nur "Ise", beide helfen mir schon lange bei Aufgaben, die meine alten Knochen nicht mehr tragen können. Sie sind über den Fall informiert und - " Er nahm eine Mappe aus der Hand der Kleineren " - halfen mir die Informationen zu sammeln. In diesem Heft findet sich alles, was wir herausgefunden haben und noch etwas mehr, aber darauf möchte ich später eingehen. Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich dich bitten, das nächste Kapitel für uns zu lesen, ich möchte mir einen Eindruck über das Material schaffen und ob es von Theo stammen kann."
Ich schlug bis zu der letzten Seite auf, die ich gelesen hatte und begann, den geschriebenen Text laut vorzulesen. Harry und seine Helferinnen hörten mir gespannt zu.
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Chronicles
FantascienzaJay Dubelo lebt im Jahr 2017. Sein Leben ist das eines Studenten und er macht sich keine Gedanken über seine Zukunft und auch Vergangenes scheint ihm an Wichtigkeit verloren zu haben. Dies ändert sich, als er eines Tages ein rätselhaftes Buch findet...
