"Was heißt: Sie können sie nicht finden?!" Meinen Arm auf den Tresen gestützt beugte ich mich zu dem alten Brillenträger herüber der immer weiter zu schrumpfen schien. "G-ganz einfach. Wie sagt habe... wie ich gesagt habe. In meinen Unterlagen finden sich keine Informationen zu den von ihnen genannten Personen... es tut mir leid?" Das Ende seiner Aussage war mehr eine Frage als ein Satz gewesen. "Wenn sie wollen, können sie es auf eigene Faust nachlesen." Er stellte einen Stapel Bücher vor mir ab und trat einen Schritt zurück.
Mit einem wütenden Schnauben fegte ich die Hefte von der Ablage. Der Brillenträger kreischte und man konnte die Angst, dass ich meinen Zorn an ihm auslassen könnte, an seinen Augen ablesen. Doch für mich war er schon nicht mehr existent. Ich wirbelte herum und stürmte aus dem Archivgebäude heraus.
Draußen angekommen überquerte ich den kleinen Platz, der sich vor dem Gebäude auftat, passierte einige Menschen die sich dort versammelt hatten und lehnte mich über das Geländer. Ich sah in die tiefen unter mir und fragte mich, ob mich die Wolken auffangen würden oder ob ich einfach hindurchgleiten und am Boden aufschlagen würde. Ich hatte es mir selbst nur schön geredet. Dass meine Familie hier oben lebt und ich sie wiedersehen würde, war nur mein Versuch, die Wahrheit auszublenden, dass ihre Körper bei einem nuklearen Schlag verdampft waren... und das schon vor fast 60 Jahren!
Eine zierliche Hand legte sich auf meine Schulter. "Hey, ist schon blöd gelaufen, das deine Eltern nicht hier sind. Naja, eigentlich war der ganze Tag auch nicht besser. Beim Schmied hat es auch nicht funktioniert, ihr hättet aber auch einen Kompromiss eingehen können. Ihr wolltet nicht, dass der Inhalt des Koffers beschädigt wird und er meinte, dass es nicht anders ginge, als den Inhalt zu zerstören. Ich hätte beides zur Häfte kaputt gemacht, wäre besser gewesen als nichts. Und die Tatsache, dass dein Freund gegen Carotin allergisch ist, hätte er vor dem Essen sagen können." Celerity lehnte sich neben mich. In ihrem Blick spiegelte sich ein großes Maß an Optimismus wider. "Aber wird dich das aufhalten, ich denke nicht. Es ist noch längst nicht aller Tage Morgen, zwei Weltuntergänge in einem Jahrhundert sind sehr unwahrscheinlich. Und solange Hoffnung besteht, lohnt es sich zu kämpfen." Sie deutete mit einem Nicken hinter sich, dort stand Syrio und lauschte dem Mann, der zu einigen Menschen sprach. "Schau ihn dir an. Ihr beide seit durch Raum und Zeit unlösbar getrennt gewesen, doch er hat dich gefunden. Die Hoffnung nicht aufgeben, das hat uns Elohim heute gesagt. Und er ist ein weiser Mann, das kannst du mir glauben. Das erkennt man daran, dass wir normalen Menschen nicht sofort verstehen, was er sagen möchte."
Ich wusste, dass sie recht hatte. Es würde mir nichts bringen, an meinem Leben zu verzweifeln. Damit stand für mich fest, weiter zu suchen. Ich würde das gesammte Ödland durchwühlen bis ich mit Sicherheit weiß, was mit jenen geschehen ist, die eine Familie sind. Mir tat Celerity leid, sie hatte sich gewünscht, Syrio glücklich zu sehen, aber mit ihren Worten zwang sie mich dazu, Libertalia zu verlassen. Mit Syrio glücklich sein, konnte ich mir so etwas vorstellen? Fest stand, dass er mir folgen würde, wohin auch immer ich gehe und dafür liebte ich ihn, aber wie sehr?
Zusammen machten wir kehrt und näherten uns Don und Syrio. Diese standen noch immer in der Menschengruppe und starrten auf eine Person, die in ihrer Mitte stand und von einer Kiste als Podest, zu ihnen sprach. Der Mann trug einen langen, einfarbig weinroten Mantel mit Kapuze. Die Menge beobachtete ihn interessiert aber zugleich belustigt.
Ich reihte mich neben Don und damit in die Hörweite seiner Stimme ein. "... mit Gewissheit! Ein Reich wird er aufbauen, er ist der Phoenix, der sich aus der Asche unserer Gesellschaft erhebt!" Er machte kurz Pause und es versammelten sich weitere Neuankömmlinge, sodass er seine feierliche und ernste Ansprache erneut aufgriff. "Das Ende ist Nahe! Unsere Gesellschaft wird untergehen. Wir sind nichts als Maden, die sich im Schmutz unser eigenen Verderbtheit winden! Wohingegen Ihr aus dem Dreck der Sterblichen emporsteigen werdet und doch um unter uns zu wandelt!"
DU LIEST GERADE
Chronicles
Ficção CientíficaJay Dubelo lebt im Jahr 2017. Sein Leben ist das eines Studenten und er macht sich keine Gedanken über seine Zukunft und auch Vergangenes scheint ihm an Wichtigkeit verloren zu haben. Dies ändert sich, als er eines Tages ein rätselhaftes Buch findet...
