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„Alles  okay?" Chris fuchtelt mit der Hand vor meinem Gesicht herum. „Hörst du  mir überhaupt zu?" Er hat dieses Wochenende die Möglichkeit ergriffen  und ist den weiten Weg zu mir hergekommen. Nun sitzen wir in einem Café  und ich rühre gedankenverloren in meinem Kaffee herum.

„Tut mir leid, was hast du gesagt?", frage ich nochmal nach und schaue ihn entschuldigend an.

Chris  lehnt sich in seinem Stuhl zurück und verschränkt die Arme vor der  Brust. „Was ist los mit dir? Die ganzen Tage wirkst du schon abwesend  und bist überhaupt nicht richtig bei der Sache. Gibt es Ärger? Hast du  Stress?"

„Nein",  streite ich ab. „Also, Stress schon. Die Themen im Literaturkurs sind  sehr anspruchsvoll. Da muss ich mich erstmal einarbeiten. Tut mir leid,  ich mache mir zu viele Gedanken", lüge ich.

Wie oft ich Chris schon  angelogen habe seitdem ich hier am College bin, ist mir entgangen.  Dafür, dass ich ihn vorher noch nie angelogen habe, ist das aber schon  eine gute Leistung. Aber was soll ich ihm auch sagen? Ich kann ja  schlecht ehrlich sein und erzählen, dass ich von einem anderen Typen  abgelenkt bin, der mich mit seinen Tattoos fasziniert und fast  ununterbrochen in meinen Gedanken ist. Ich schäme mich selbst schon  dafür, dass ich an Kyle denke, obwohl ich mit Chris zusammen bin und er  in diesem Moment sogar genau vor mir sitzt. Aber ich kann es nicht  verhindern.

Kyle bringt mich mit seinen widersprüchlichen Aussagen mehr  als durcheinander und ich werde einfach nicht schlau aus diesem Kerl. Im  ersten Moment scheint er mich zu hassen und man kann kein normales Wort  mit ihm wechseln, im nächsten ist er nett, entschuldigt sich und sagt  mir fast schon liebevoll, dass er mich schön findet. Und seine  Berührungen...

„Ich hätte mir den Weg hier her auch sparen können, wenn du keinerlei Interesse an mir zeigst."

Ich runzle die Stirn. „Was soll das heißen? Ich freue mich riesig über deinen Besuch, sei nicht unfair."

„Ich  bin nicht unfair, Mira." Er lehnt sich über den Tisch und greift nach  meiner Hand. „Ich mache mir Sorgen. Du wirkst in den letzten Tagen so  unkonzentriert. Sind es deine neuen Freunde?"

Ich  zucke mit den Schultern. „Kann schon sein. Aber ich habe mich bereits  von ihnen distanziert, weil ich es selbst schon bemerkt habe. Also mach  dir keine Sorgen." Ich hauche ihm einen Kuss auf den Handrücken. „Mir  wird es besser gehen und dann bin ich wieder ganz die Alte."

Chris lächelt mich verständnisvoll an und widmet sich dann seinem Stück Käsekuchen.

**

„Du  hast es dir ja doch ganz gemütlich eingerichtet." Wir sind in mein  Zimmer im Wohnheim gegangen, um noch ein wenig Zeit für uns zu haben, da  Chris morgen früh bereits wieder zurück muss.

„Danke, war auch ein ganzes Stück Arbeit." Ich nehme meinen Laptop und klappe ihn auf. „Welchen Film magst du sehen?"

Er zuckt mit den Schultern. „Lass uns zusammen einen aussuchen."

So  machen wir es uns auf meinem viel zu kleinem Bett gemütlich. Er streckt  seine Langen Beine auf dem Rücken liegend von sich und ich bette meinen  Kopf auf seiner Brust. Der Laptop liegt auf seinen Beinen und so  entscheiden wir uns für eine romantische Komödie. Ich bin stolz darauf,  dass ich mit Chris einen Freund gefunden habe, mit dem ich nicht die  Nächte um die Häuser ziehen muss, sondern der es bevorzugt sich mit mir  einen gemütlichen Abend zu machen und einfach die Zweisamkeit zu  genießen. Anders wäre es bestimmt mit Kyle...

Ich  stöhne innerlich. Wieder hat er sich in meinen Kopf geschlichen und  dieser Gedanke war wirklich mehr als merkwürdig. Wie Kyle sich in einer  Beziehung verhält, geht mich rein gar nichts an und hat mich auch nicht  zu interessieren. Wahrscheinlich führt er noch nicht mal Beziehungen,  sondern hat einfach nur seinen Spaß. So wie mit Natalie.

Ich  hebe meinen Kopf und schaue Chris nachdenklich an. „Was ist?", fragt er  und zieht überrascht eine Augenbraue nach oben, als ich ihn ohne  Vorwarnung mitten auf den Mund küsse. Er hat sich schnell wieder  gefangen und legt behutsam eine Hand an meine Wange.

Der Kuss ist wie  alle anderen und als ich versuche etwas mehr Leidenschaft mit einfließen  zu lassen, bricht Chris den Kuss ab und zieht mich wieder an seine  Brust. Ich rolle mit den Augen, sage aber nichts.

Plötzlich  klopft es an meiner Tür. Ich runzle die Stirn und schaue auf die Uhr,  es ist bereits 10 Uhr am Abend. Wer möchte um diese Uhrzeit noch was von  mir?

Ich  klettere über Chris hinweg, richte meine Haare ein wenig und schließe  die Tür auf. Als ich sehe, wer mit einem Arm im Türrahmen steht, bleibt  mein Herz für einen Moment stehen.

„Hallo Mira", grinst Kyle und mustert mich von oben bis unten. „Hübscher Aufzug."

Augenblicklich  schäme ich mich für de kurze Shorts und das Tanktop und verschränke die  Arme vor der Brust, um meinen Körper ein wenig vor seinen Blicken  schützen zu können. Trotzdem bekomme ich eine Gänsehaut an den Stellen,  an denen seine Blicke meine Haut scannen.

„Was willst du Kyle?", frage ich und verlagere mein Gewicht nervös auf mein linkes Bein.

„Ich wollte fragen ob du Lust hast..."

„Mira, Liebes. Wer ist das?" Ich drehe mich um und sehe Chris völlig perplex hinter mir stehen.

„Das ist...ähm..." Völlig überfordert fange ich an zu stottern und komme zu keinem klaren Satz.

„Kyle  King", übernimmt er sogleich und schenkt Chris ein strahlendes Lächeln. „Und  du musst der Typ sein, der ihre Freundin ist und sie noch nicht..."

„Wir  besuchen zusammen den Literaturkurs", rufe ich dazwischen und funkle  Kyle wütend an. Es ist klar, welchen Satz er da heraushauen wollte und  schon wird mir deutlich, dass er  ein Arsch ist, der ab und zu nur mal  seine netten Momente hat.

„Literaturkurs?",  fragt Chris sichtlich erstaunt und mustert Kyle. Gut, besonders  glaubhaft kommt es nicht rüber, wenn man ihn sich so ansieht. Aber so  ist es nun mal.

„Was macht ihr denn feines?" Ihm macht es sichtlich Spaß, mich so in die Misere zu bringen.

„Wir  waren gerade dabei einen Film zu schauen und würden das auch gerne  weiterhin tun." Ich ziehe die Tür hinter mir ein wenig zu, damit er  Chris nicht weiter so mit seinen schelmischen Blicken reizen kann. Kyle  nutzt dies und beugt sich zu mir herunter.

„Findest  du das nicht ein wenig langweilig?", flüstert er mir ins Ohr und sein  warmer Atem auf meiner Haut beschert mir eine Gänsehaut. „Du kannst mit  mir mitkommen, dann siehst du was wirklich Spaß macht."

Kurz schließe ich die Augen, fange mich dann aber wieder. „Bis dann, Kyle."

Entschlossen trete ich in mein Zimmer und knalle die Tür hinter mir zu.

„Was  ist das denn für einer?", lacht Chris und schüttelt den Kopf. „Der Kerl  wirkt ja total verwirrt. Was will so einer den bitte im Literaturkurs?  Wahrscheinlich besucht er ihn nur um dort seinen Schlaf nachzuholen."

Ich  lache leicht hysterisch und streiche mir meine Haare zurück. Er scheint  von Kyle's Flüstereien glücklicherweise nichts mitbekommen zu haben.

„Na los, schauen wir weiter." Ich werfe mich aufs Bett und lehne mich mit klopfendem Herzen wieder an Chris.

Das  hätte auch anders ausgehen könne. Wenn Kyle Chris von meiner  durchzechten Partynacht erzählt hätte, hätte ich ernsthaft in  Schwierigkeiten gesteckt.

HOLD ME TIGHT - abgeschlossenWo Geschichten leben. Entdecke jetzt