Verschlüsselte Liebe

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Sibirien, 29.Januar 2018

Ich wusste sofort, wo ich war. Das Zimmer, das mir Alex gestern gezeigt hatte, seines und Philines gleich nebenan. Ich war froh darum, so fühlte ich mich nicht ganz so schutzlos. Als Alex nach einer endlos langen halben Stunde wieder aus dem Büro gekommen war, hatte ich erleichtert aufgeatmet. Ich hatte schon das Schlimmste befürchtet. Aber sein Lächeln hatte mir sofort alles gesagt, Mission erfolgreich. Er war mit seiner waghalsigen Geschichte durchgekommen und wir waren hier vorerst noch undercover unterwegs.

Ich stand auf und suchte meine Sachen zusammen, das Zimmer hatte ich gestern schon genügend inspiziert. Fast ein bisschen wie ein Hotelzimmer, mit angrenzendem Bad. Tipptop gepflegt. Aber für die wahren Magier ja nur das Beste, nicht wahr?

Nach unserem kleinen Ausflug zu dem Büro gestern war ich mit Alex wieder langsam zurückgeschlendert. Und ich wusste nicht, was ich sagen konnte. Da lag so eine Spannung zwischen uns in der Luft und ich wusste im Moment noch nicht, ob sie gut oder schlecht war. Aber Schweigen war noch schlimmer und so hatte ich über ein belangloses Thema geplappert, war mir selbst gar nicht bewusst was ich da eigentlich sagte.

Wir hatten Philine dann schließlich doch wieder gefunden, ganz unten bei dem Brunnen den ich von oben schon zuvor bewundert hatte, in ein Gespräch mit einer stilvoll gekleideten Dame verwickelt. Wobei, Gespräch war vielleicht etwas übertrieben. Eigentlich hatte sie versucht, sich mit Händen und Füßen zu verständigen und zwischendrin immer mal wieder ein paar englische Wörter eingeschoben.

„Ich..." Eine Handbewegung zu sich, dann fasste sie den Mantel der Frau an und deutete darauf. „Das! Verkaufen?" Sie machte eine tauschende Bewegung. Ich konnte direkt sehen, wie die Fragezeichen im Gesicht der Frau auftauchten.

„Alex", ich zupfte ihn am Ärmel und deutete auf die beiden. „Glaubst du du kannst da mal übersetzen? Sonst stehen wir hier noch Stunden." Er nickte und ging auf Philine und die Frau zu. Ich sah zu wie die Frau nach Alex Übersetzung stutzte, auf ihren Mantel blickte und dann etwas erwiderte.

„Sie will wissen warum du den Mantel willst."

Philine nickte eifrig. „Ja, also, ich will doch diese neue Modekollektion aufbauen, übrigens mit Sitz in Paris. Der Name steht noch nicht fest, aber ich dachte an so etwas wie „la vie de Philine"? Klingt doch schon mal ganz gut, auf jeden Fall fehlen mir noch die richtigen Inspirationen, das ist wirklich nicht so einfach wie man vielleicht denken mag. Du kannst dich nicht einfach in ein Straßencafé setzen und den Leuten zuschauen, diese Inspiration muss wie eine Erleuchtung sein, ein modisches Wunder! Wo war ich? Ach ja, ich habe übrigens daran gedacht deine... äh also Lou mit einzuspannen. Sie sieht zur Zeit so ein bisschen verloren aus und ich dachte sie könnte vielleicht..."

„Philine!" Ich unterbrach das Geplapper. „Ich kann dich übrigens sehr gut hören und außer du willst dass ich dein Geschäft ruiniere solltest du mich da raus lassen. Ich und Mode sind keine guten Freunde. Und außerdem, komm zum Punkt!" Während Philine unaufhaltsam geredet hatte, war die Frau neben ihr nämlich immer ratloser geworden und drückte Philine nun den ausgezogenen Mantel in die Hand.

„Sie sagt, du kannst ihn haben, sie muss nämlich weiter." Ich konnte mir ein kleines Lachen nicht verkneifen. Philine sah zwar erst etwas verdattert aus, deutete dann aber einen kleinen Knicks vor der Frau an. „Vielen Dank, Madame. Wenn sie mir ihre Kontaktdaten geben werde ich sie zur Eröffnung meines Labels einladen, sozusagen..." Doch die Frau war schon weitergelaufen und verschwand in einem der Aufzüge.

Und dann war der Abend recht unspektakulär gewesen, Alex hatte uns unsere Zimmer gezeigt und ich war früh ins Bett gegangen, gedankt sei der erfrischenden Luft der Eiswüste.

Als ich meine Tür öffnete war keiner auf dem Gang zu sehen. Ich klopfte bei Philine, erhielt aber keine Antwort. Dabei war es schon ziemlich spät, laut meiner Armbanduhr halb zehn. Oder hatten die hier in Sibirien eine andere Zeitzone? Laut meinem Gefühl aber ziemlich spät. Ich blieb vor Alex'Tür stehen. Sollte ich klopfen?

Warum nicht? Aber trotzdem brauchte ich beachtlich lange um mich zu überwinden. Und gerade, als ich klopfen wollte und meine Hand an der Tür hatte ging sie wie von selbst auf. Ich stolperte nach vorne, verwirrt vom plötzlich fehlenden Widerstand der Tür und stolperte in Alex'Arme.

„Oh, hey." Warum passierte immer mir so was?

„Äh... ich wollte nur fragen ob du einen Plan für heute hast?" Alex grinste mich an.

„Und deswegen rennst du in mich rein?" Auf dumme Fragen gab es nur dumme Antworten, doch leider fiel mir keine ein. Keine einzige! Und deshalb sagte ich nichts, zog nur eine Augenbraue hoch und ließ Alex selbst die Antwort darauf finden.

„Ich wollte euch eigentlich auch gerade holen-"

„-Philine schläft noch."

„Oh, okay. Dann erkläre ich ihn dir schon mal." Er trat einen Schritt zur Seite um mich in sein Zimmer zu lassen. Und ich war überrascht. Nicht wegen seinem Zimmer, sondern eher wegen der Unordnung, die er innerhalb eines halben Tages dort verursacht hatte.

„Was ist das alles?" Auf dem Boden und auf dem Bett waren Papiere ausgebreitet, soweit ich das überblicken konnte endlose Reihen mit Nummern, Daten und Infos.

„Das sind die Infos, die die wahren Magier in den letzten Jahren über deinen Vater gesammelt haben." Auf einmal war mein Interesse geweckt und ich hob eines der Blätter auf. Aber ich hatte keine Ahnung wie man aus diesen vielen Ziffern schlau werden sollte.

„Das wird dir nicht viel sagen, das sind Codes für verschiedenste Dinge, Öffnen einer gesicherten Tür, Verlassen und Ankunft, sowie Fakten über Aufträge. Selbst ich verstehe das meiste nicht." Na toll, das war dann ja mal eine Sackgasse.

„Und das hast du woher genau?" Ich lief mit gesenktem Blick im Zimmer umher und warf einen Blick auf weitere Blätter. Alles Codes.

„Es hat auch Vorteile, der Neffe der Chefin zu sein. Jedenfalls jetzt wo ich das weiß. Eigentlich hätte ich mich schon früher wunder müssen, wieso ich mit so vielem davongekommen bin." Er lachte. Ich löste meinen Blick von den Blätter und sah zu ihm auf.

„Was hast du in Amerika gemacht?" Ich wusste auch nicht, woher diese Frage auf einmal kam.

„Willst du das wirklich wissen, Lou?" Sein Blick war ernst. Und er machte mir Angst. Nicht vor Alex, aber vor dem, was ich vielleicht lieber nicht wissen wollte.

„Ja." Ich war mir sicher. So schlimm konnte das ja wohl nicht gewesen sein, oder? Nicht so schlimm wie bei mir.

„Die meiste Zeit habe ich getrunken. Nicht weil mir das gefällt, sondern einfach, um alles zu vergessen. Aber irgendwann hat es nicht mehr geholfen. Und dann bin ich zurückgekommen."

Ich stand jetzt nur noch einen Meter von ihm entfernt und hatte das Gefühl, sein Blick war hypnotisierend.

„Das Leben ist manchmal ganz schöner Mist."

„Jetzt nicht mehr, Lou. Jetzt bist du wieder da."

Vielleicht war ich dumm, mich wieder um den Finger wickeln zu lassen, vielleicht auch einfach allein. Aber ich konnte mit Sicherheit sagen das ich nichts, keine Sekunde von Misstrauen spürte als wir uns küssten.

„Weißt du eigentlich, wie sauer ich auf dich war? Ich habe dich verwünscht, Alex, ich wollte dich nie wieder sehen." Murmelte ich zwischen zwei Küssen. Seine Hand legte sich um meine Taille und ich wünschte, dass die Welt in diesem Moment stillstehen würde, um diesen Moment nicht enden zu lassen. Aber natürlich tat er das, irgendwann. Wir steckten in einer Situation in der wir es uns nicht erlauben konnten, unaufmerksam zu sein. Das konnte einem das Leben kosten.

„Wenn das hier vorbei ist, Lou, dann nehme ich dich mit ans Ende der Welt."

„Das klingt fantastisch." Ich fuhr mit den Fingern durch sein haar und fragte mich, ob ich das alles kommen hatte sehen. Hätte ich mir diesen Moment vorstellen können, als ich Alex zum ersten Mal gesehen hatte? Wohl eher nicht.

Aber jetzt, genau jetzt, zwischen all den Küssen wusste ich ganz genau, dass mein Herz hierher gehörte. Zu Alex. 

Something like sorceryWo Geschichten leben. Entdecke jetzt