Ein Moment der alles verändert

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Sibirien, 30. Januar

Selian, mein Vater, der Mann, den ich noch nie zuvor gesehen hatte und der mit größter Wahrscheinlichkeit auch nichts von meiner Existenz wusste, stand vor mir. Sobald ich mein Gleichgewicht wiedergefunden hatte rappelte ich mich auf und ging ein paar Schritte zurück, mir war bewusst dass er mich nicht sehen konnte, da ich den Unsichtbarkeitszauber der mich und Philine vor anderen verbarg immer noch aufrecht hielt. Ich hatte mir meinen Vater nie so vorgestellt, es war schwer, sich überhaupt einen Vater vorzustellen wenn man sich keiner seiner beiden Elternteile bewusst war, aber so hätte ich ihn mir sicher niemals erträumt. Selian war ein Mann von großer Statur und schien trotz seines mittleren Alters etwas jugendhaftes behalten zu haben, seine Kleidung und Haarschnitt waren jedenfalls nicht das, was man als spießig bezeichnen konnte. Ich konnte mir vorstellen warum sich Estella damals ihn in verliebt hatte, insgesamt erschien er mir ein bisschen wie der Schurke aus einem Film, der sich am Ende in die Protagonistin verlieben und mit ihr ein neues, glückliches Leben anfangen würde. Vielleicht lag das aber auch nur an seinem alarmierten Gesichtsausdruck. Immerhin hatte er gerade Bekanntschaft mit einer unsichtbaren Person, die ganz zufällig auch seine eigentlich nichtexistente Tochter war, gemacht.

„Was zur Hölle...?" Im nächsten Moment spürte ich eine Druckwelle, die mich gegen die Wand warf und bei der ich beinahe meine Konzentration auf die Unsichtbarkeit verloren hätte. Bevor Selian noch weitere Versuche, mich zu enttarnen, machen konnte, schritt glücklicherweise Alex ein der das Ganze beobachtet hatte und dem jetzt auch ein Licht aufgegangen war, wer der Mann sein musste.

„Selian?" Alex wandte sich an ihn und gab mir damit Zeit, mich von der Stelle, an der mich Selian wohl vermutete, zu entfernen. Ich wollte mich ihm zeigen, unbedingt! Aber nicht hier, wo mich jeder erkennen konnte und ich keine Gelegenheit hatte, ihm die Sache in Ruhe zu erklären. So weit waren Alex, Philine und ich uns einig gewesen. Wo war überhaupt Philine?

„Kenne ich Sie?", fragte er Alex, immer noch aus dem Augenwinkel nach mir Ausschau haltend.

„Nicht persönlich. Aber es gibt jemanden, der gerne mit Ihnen reden würde." Selian war plötzlich ganz auf das Gespräch konzentriert.

„Aber ich nicht. Wer Sie auch immer sind, ich rate Ihnen schleunigst von hier zu verschwinden. Und nehmen Sie den da mit", er zeigte in die Richtung in der er mich gegen die Wand geworfen hatte. „Sonst sind Ihren Kopf schneller los als Ihnen lieb ist." Alex schien völlig unbeeindruckt und es wunderte mich, dass er Sellian nicht auf seine hohe Position, die er unter den wahren Magiern hatte, hinwies.

„Es geht um Estella." Das war definitiv nicht Alex gewesen, außer er hätte in den letzten drei Sekunden eine Geschlechtsumwandlung gehabt bei der seine Stimme um etliche Oktaven höher gerutscht wäre. Philine. Selian wandte sich so abrupt zu der Stimme, die direkt hinter ihm gewesen war, um, dass ich vor Schreck fast meine Konzentration verloren hätte. Schon wieder. Nerven aus Stahl waren wohl etwas dass ich auf meine Wunschliste schreiben sollte.

„Wer seid Ihr?", fragte Sellian nochmals, diesmal eher aggressiv als erschrocken. Er sprach nicht direkt zu uns, sondern mehr zu Philine und mir, jedenfalls dort, wo er uns vermutete.

„Bitte. Es ist wirklich sehr wichtig." Ich wusste gar nicht, dass Alex eine so geduldvolle Seite hatte, wow.

„Unter einer Bedingung: wir treffen uns an einem von mir ausgewählten Platz. Drittes Stockwerk, Elephant Room. In einer Stunde."

„Kein Problem." Alex nickte. Selian schien noch etwas sagen zu wollen, ließ es dann aber sein und verschwand, nachdem er Alex noch einmal einen angsteinflößenden Blick zugeworfen hatte, ein paar Türen weiter. Die Leute um uns herum schienen sich von dem kleinen Spektakel nicht aufhalten zu lassen sondern liefen unbeeindruckt an uns vorbei, als wären wir Luft. Alex suchte den Gang nach uns ab und schien sich erst zu entspannen, als ich meine Hand in seine schob.

Something like sorceryWo Geschichten leben. Entdecke jetzt