Paris, 7.Januar 2018
Der Tag fühlte sich an wie der Beste in meinem Leben. Natürlich brauchte alles seine Zeit und ich glaubte auch nicht, dass Alex und ich unser Verhältnis, jedenfalls so wie es vorher war, auf die Schnelle wieder hinbekommen würden. Aber trotzdem war ich glücklich, ich fühlte mich so froh wie nie zuvor und genoss das Gefühl der Unbeschwertheit.
Ich wusste, dass es von nun an nur noch aufwärts gehen konnte, meine Pechsträhne musste nun endlich ein Ende haben.
Ich hatte Alex vergeben. Und auch wenn seine Geschichte mehr als waghalsig und verrückt klang, hatte er mit einer Sache Recht: seine Tante war ein teuflisches Biest gewesen und wir hatten sie beide unterschätzt. Vielleicht hatte sie uns wirklich gegeneinander ausgespielt, ihre eigene Familie, um ihre Ziele zu erreichen. Aber ihr Plan war am Ende nicht aufgegangen und sie hatte mit ihrem eigenen Leben dafür bezahlt. That's karma, bitch.
Nachdem ich wieder einigermaßen fit war hatten Philine, Alex und ich uns um ihren Esstisch versammelt, um unser weiteres Vorgehen zu besprechen. Denn in einem Punkt konnten sie sich sicher sein: ich würde jetzt nicht aufgeben. Ich war meiner Mutter so nah auf der Spur, manchmal hatte ich das Gefühl sie war nur noch einen Finger breit weg und ich musste nur meine Hand ausstrecken, um sie zu finden.
Philine erzählte Alex von unserer Suche und der Sackgasse, in die wir jetzt gelangt waren. Keiner hatte eine Ahnung wo Estella stecken mochte.
„Aber könnte ihr nicht deine Mutter, Sinia, fragen?", warf Alex ein. Philine schüttelte mit dem Kopf.
„Sie ist gerade in Dubai auf einem ihrer Shopping-Trips und hat mir ausdrücklich gesagt, sie will nicht gestört werden. Außerdem bezweifele ich dass sie mehr weiß, sie hätte Estella ansonsten schon längst zurückgeholt." Wir waren ratlos. Ich konnte schlecht die ganze Welt nach Estella absuchen. Und was konnte in fünf Jahren schon alles passieren? Im schlimmste Fall...
„Ich weiß es!" Ich schreckte auf, aus meinen Tagträumen aufgeweckt von Philines plötzlichem Geistesblitz. Sie grinste siegesgewiss und spannte uns einige endlose Sekunden lang auf die Folter, bis sie endlich mit ihrer Idee herausrückte.
„Ich habe dir doch erzählt dass Estella während ihrer Schwangerschaft abgehauen ist. Zu der einzigen Person die ihr wirklich nahe stand und die vielleicht eine Idee hat, wo sie stecken könnte."
„Du meinst mein Vater?" Ich hatte nicht gerade Angst davor, ihn zu treffen, zu sehen, aber ich freute mich auch nicht gerade darauf. Ich hatte ihn noch nie gesehen und er mich auch nicht, wie würde er also reagieren, wenn er plötzlich seine fast erwachsene Tochter vor sich stehen hatte. Schließlich war ich nicht einmal sicher, ob er überhaupt von mir wusste. Aber dann machte es klick und mir wurde klar, dass wir das sowieso nie schaffen würden. Ich hatte den kleinen, aber nicht ganz unbescheidenen Fakt, dass Selian zu den wahren Magiern übergelaufen war, vergessen.
„Phil, das schaffen wir doch nie! Er ist doch auch seit mehr als siebzehn Jahren verschwunden!" Alex sah aus als durchblickte er die Geschichte nicht ganz, also erklärte ich ihm das Entscheidende.
„Selian, mein angeblicher Vater, hat meine Mutter verlassen und ist zu den wahren Magiern übergelaufen. Er wollte verschwinden und hat sich nicht ohne Grund nie mehr blicken lassen. Wir haben keine Chance ihn zu finden!" Die Mauer der Sackgasse, die sich vor mir aufgebaut hatte, wurde immer höher und den Funken Hoffnung, meine Eltern doch noch zu finden erlosch fast. Bis Alex sich räusperte.
„Ich will eure ausgeklügelten Pläne ja nicht zunichte machen, aber ich glaube nicht dass das soviel Anstrengen braucht. Ich bin bei den wahren Magiern auch nicht ganz unbekannt, schon vergessen? Und ich habe auch schon eine Idee, wo dein Vater stecken könnte." Augenblicklich erhellte sich Philines Gesicht und auch ich hatte das Gefühl, ein schwerer Stein würde von meinen Schultern fallen.
„Das ich da nicht eher dran gedacht habe!" Philine schüttelte mit dem Kopf. „Also, raus damit. Wo könnte er sein?"
Alex grinste schelmisch. „Kalt, kalt und nochmal kalt. Wenn du auf Sibirien tippst, liegst du goldrichtig. Das Hauptquartier. Wenn dein Vater vor siebzehn Jahren gegangen ist muss er sich garantiert schon ziemlich weit hochgearbeitet haben."
„Aber Alex... ich... Viola... auf jeden Fall hänge ich da bestimmt auf jedem Fahndungsplakat." Er zuckte mit den Schultern.
„Das kriegen wir schon hin. Ein bisschen Verkleidung... und wenn du immer an meiner Seite bleibst wird niemand es auch nur wagen dich zu verdächtigen."
„Ähm..." Philine unterbrach uns. „Habe ich das richtig verstanden? Ihr wollt also nach Sibirien?"
„Sieht ganz so aus." Philine lächelte und zeigte dabei ihre perfekten Zähne.
„Das trifft sich gut. Mein neuer Pelz wartet nur darauf, endlich ausgeführt zu werden."
Auch wenn ich am liebsten sofort aufgebrochen wäre, bedurfte unsere Reise einiger Vorbereitung. Zum Beispiel einen Haufen warmer Kleidung. Und ich musste Sandra und Chris darüber in Kenntnis setzen, dass meine Heimreise wohl doch nicht so schnell wie geplant erfolgen würde. Ich hatte sie immer auf dem Laufenden gehalten, das war der Deal gewesen, und deswegen waren sie auch mehr als begeistert gewesen als sie von Philine erfahren hatten. Vielleicht war da auch etwas Melancholie gewesen, ich hatte endlich meine richtige Familie gefunden und sie würden von nun an an zweiter Stelle stehen, aber ich hatte ihnen klar gemacht dass dies nicht so sein würde. Blutsverwandtschaft oder nicht, sie waren meine Familie und das würde auch immer so bleiben.
Allerdings hatte ich ihnen versprechen müssen, vorsichtig zu sein, schließlich waren dass in Sibirien Violas Leute, von denen mich bestimmt die Hälfte tot sehen wollte. Eigentlich war ich ziemlich dumm, oder? Ich begab mich auf direktem Weg in ein Nest voller Nattern und erwartete dass ich heil aus dem ganzen herauskommen würde.
Und an diesem Punkt des Gespräches mit meinen Adoptiveltern war es mir dann eingefallen. Schlechtes Gewissen überrollte mich und die heile Welt, die mich mir mit Alex vorgegaukelt hatte zerfiel zu kleinen Stücken.
Rick. Der wahrscheinlich immer noch dachte, dass ich zu ihm zurück kommen würde. Er war in mich verliebt und ich wusste aus eigener Erfahrung wie es sich anfühlte, auf jemanden zu warten. Ein schreckliches Gefühl, dass ich keinem antun wolllte.
Was sollte ich also tun? Ihn anrufen und von Alex erzählen? Ihm sagen, dass ich ohne groß nachzudenken zu dem Jungen zurückgekehrt war, der mich am meisten verletzt hatte, gewollt oder auch nicht? Und dass ich den, der mich auf Händen tragen würde, stehen ließ?
Das letzt mal hatte ich mit ihm kurz nach Weihnachten gesprochen, seit dem hatte er nichts mehr von mir gehört. Er hatte bestimmt viel in der Schule zu tun, jedenfalls redete ich mir das ein. Ich musste es ihm ja auch nicht gleich sagen, ich konnte erst nach den richtigen Worten suchen und dann, vielleicht in einer Woche, anrufen. Vielleicht, wenn wir meinen Vater gefunden hatten.
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Something like sorcery
Fantasy2.Teil der Magic-Reihe Louise hat endlich die Wahrheit über ihre telekinetischen Kräfte und ihre Herkunft herausgefunden. Sie ist außer mit ein paar Schrammen und Kratzern heil von ihrem Abenteuer zurückgekehrt und will am liebsten alles verdrängen...
