Wir mussten auf der anderen Seite vom Schloss noch drei Stunden weiterlaufen, dann wurde es wieder wärmer und ein richtiger Steinweg fing an.
Irgendwann konnte niemand mehr laufen, weshalb Etalon entschieden hat, in der Nähe einiger Steine zu übernachten.
Ich weiß, dass Edmon heute als erstes dran ist mit dem Wache halten, weshalb ich warte, bis alle anderen liegen, und dann zu ihm gehe. Ich will ihn endlich zur Rede stellen, will endlich wissen, wieso er sich mir gegenüber auf einmal so abweisend verhält.
Erst bemerkt er mich in der Dunkelheit nicht, doch als ich mich räuspere, dreht er sich ruckartig um und blickt mich erst erschrocken, dann genervt an.
„Du solltest schlafen gehen, Lia.", flüstert er.
Ich schüttele den Kopf.
Er seufzt und nickt in Richtung des Waldes.
Ich warte still, während er schnell Tyler weckt und ihn fragt, ob sie Schicht wechseln könnten.
Dieser akzeptiert verwirrt und reibt sich den Schlaf aus den Augen.
Edmon folgt mir hinter die Bäume, damit wir lauter reden können.
„Was ist los?", fragt er seufzend.
Ich ziehe wütend meine Augenbrauen zusammen.
„Das weißt du wohl genauso gut wie ich.", antworte ich und blicke ihn vorwurfsvoll an.
Edmon verdreht seine Augen.
„Kannst du dich vielleicht etwas klarer ausdrücken?", bittet er spöttisch.
„Was ist los mit dir? Wir haben uns doch ganz gut verstanden, wieso musst du das jetzt kaputt machen?", frage ich, und es ist mir egal, wie verzweifelt es rüberkommt.
„Die Sache mit dem Freundschaft schließen war sowieso dumm. Lass uns einfach so weiter machen wie am Anfang."
Seine Worte treffen mich, doch ich kann in seinen Augen lesen, dass er sie nicht vollständig ernst meint, auch wenn er versucht, es zu verbergen.
„Ich weiß, dass du das nicht so meinst. Was ist denn passiert? Du kannst es mir sagen."
Ich versuche ihn dazu zu bringen, sich mir anzuvertrauen, doch schon alleine an seiner Haltung kann ich erkennen, dass er es mir jetzt nicht sagen wird.
Schon komisch, wie sehr ich mich auf seine Körpersprache konzentriere.
„Da gibt es nichts zu erzählen.
Vertrau mir einfach, es wäre besser, wenn wir mit dieser ganzen Freundschaftssache einfach aufhören.", versucht er mich zu überzeugen.
Ich runzele meine Stirn.
„Sei nicht lächerlich. Ich weiß, dass du das nicht willst, also wieso sagst du es?"
Langsam werde ich wirklich unsicher.
Was kann denn passiert sein?
„Du kapierst es einfach nicht, oder? Ich will einfach nichts mehr mit dir zu tun haben!", ruft er wütend.
Ich schlucke.
Doch ich glaube, ich verstehe, was mit ihm los ist.
„Du lügst. So wird es nicht funktionieren. Du wirst nicht auch noch mich von dir stoßen, nur weil du nicht willst, dass irgendwer in deine Probleme verwickelt wird.
Darum geht es dir doch, oder?
Du hast Angst, dass jemand dir wehtut, indem er deine größte Schwäche gegen dich verwendet.
Du lässt niemanden an dich ran, versuchst allen vorzuspielen, dass du der kalte, einsame Junge bist, damit sie dich in Ruhe lassen.
Aber ich habe es dir schon mal gesagt.
Das ist traurig, Edmon.
Jetzt wo du merkst, dass ich dir näher komme, bekommst du Angst.
Angst um mich, denn das ist deine Schwäche.
Deine Angst, dass deine Gefühle gegenüber anderen gegen dich verwendet werden, frisst dich von innen auf.", schlussfolgere ich.
Es war mir schon von Anfang an klar, doch jetzt, wo wir Freundschaft geschlossen haben und nicht mehr in Sicherheit sind, beginnt er sich um mich zu sorgen.
Ich weiß, dass ich Recht habe, ohne dass er es sagt.
Lächelnd komme ich ihm näher.
„Hör auf.", sagt er plötzlich, und ich bleibe stehen.
Seine Augen sind geschlossen, seine Stimme rau.
„Du verstehst es nicht. Ich muss es stoppen, bevor es zu spät ist.
Für dich scheint es so einfach zu sein, andere an sich ranzulassen, nichts dagegen zu tun, dass sie sich langsam in dein Herz schleichen.
Weil du es leichter hattest als ich.
Du musstest zwar deine Eltern verlassen, als sie dir schon längst ans Herz gewachsen sind, aber wenigstens hast du jemals dieses Gefühl in dir gespürt.
Dass jemand sich um dich sorgt, dir zeigt, dass du ihm wichtig bist."
„Genau! Und dieses Gefühl solltest du endlich zulassen!", meine ich und komme einen weiteren Schritt auf ihn zu.
„Wieso?", schreit er.
„Weil es das wert ist!", antworte ich verzweifelt.
Er schweigt und blickt mir direkt in die Augen.
„Das Schlimmste ist, dass es wahrscheinlich eh schon zu spät ist.", sagt er, vollkommen ruhig.
„Was meinst du?", frage ich ihn leise.
Ich hätte alles erwartet, aber nicht das, was als nächstes kommt.
Edmon überwindet den übergebliebenen Abstand zwischen uns, umfasst mein Gesicht mit beiden Händen und presst seine Lippen auf meine.
Vollkommen überrumpelt bleibe ich regungslos stehen, weiß nicht, wie ich reagieren soll, da hat er sich auch schon wieder von mir gelöst.
Seine grünen Augen schauen mich so verzweifelt an, dass es mir gleichzeitig ums Herz warm wird, und kalt den Rücken runterläuft.
Wir schweigen beide, auch in seinem Kopf scheinen sich die Gedanken zu überschlagen.
Er hat mir gerade mehr von sich offenbart als in unserer ganzen gemeinsamen Zeit zuvor.
Sein Blick ist wild, seine Atmung schnell.
Bevor ich mich selbst stoppen kann, habe ich schon das wiederholt, womit er mich vor nicht einmal einer Minute vollkommen aus der Bahn geworfen hat.
Der Druck, den seine Lippen auf meine ausüben, ist stark, genauso wie sein Griff um meine Taille.
Die Erkenntnis, dass ich hier gerade meinen ersten richtigen Kuss erlebe, und dann auch noch mit Edmon, was ich nie im Leben erwartet hätte, brennt sich direkt in mein Gehirn.
Meine Hände wandern in seine Haare, während seine mich näher zu ihm ziehen.
Keine Ahnung, wie lange wir im Endeffekt so dagestanden haben, aber als ich mich kurz von Edmon löse, um nach Luft zu schnappen, glüht mein ganzes Gesicht.
Auch seine Atmung geht schnell, und seine Augen sind weit aufgerissen.
Wir starren uns an, schweigend.
Der Moment wird durch Tyler zerstört, der nach Edmon ruft.
Ein winziges Lächeln schenkt er mir, dann verschwindet er in der Dunkelheit und lässt mich mit meinen tobenden Gedanken alleine.
Was hat das hier bedeutet?
Was hat es für mich bedeutet?
Ich weiß es nicht.
Ich gehe verwirrt zurück zu den anderen, darauf bedacht, niemanden zu wecken.
Plötzlich fällt mir ein, dass Tyler Edmon viel zu früh gerufen hat.
Eine Stunde ist nie im Leben so schnell umgegangen.
Ich erblicke die beiden, wie sie hinter einem Stein sitzen und irgendetwas am Boden beäugen.
Edmon beleuchtet das ganze mit einem kleinen Feuerball.
Stirnrunzelnd setze ich mich zu ihnen.
„Was ist los?", frage ich.
Als Edmons Blick auf mich fällt, schaue ich schnell weg.
Diese ganze Situation ist mir irgendwie peinlich.
„Hier sind irgendwelche Spuren auf dem Boden.", erklärt Tyler mir leise.
Tatsächlich ist im Boden der Abdruck von Tierkrallen zu sehen.
„Von welchem Tier kommt das?", frage ich.
„Keine Ahnung. So große Fußspuren habe ich noch nie gesehen.", meint Tyler.
„Wir können das morgen bei Tageslicht weiter untersuchen.", schlage ich vor.
Sowohl Edmon als auch Tyler nicken.
Meine Schicht ist erst in ein paar Stunden dran, weshalb ich mich wieder schlafen lege.
Maddison hat Arton überzeugt, weshalb ich jetzt wieder die einzige bin, die von allen beschützt werden muss.
Und Edmon hat mich geküsst.
Ich habe Angst, dass diese ganzen Gedanken mich am Schlafen hindern, doch dazu bin ich viel zu müde.
Ich werde von Farian geweckt, mit welchem ich jetzt Wache halten muss.
Seine braunen Haare stehen ihm verstrubbelt vom Kopf ab, und seine braunen Augen blicken mich müde an.
Ich stehe mühsam auf und setze mich dann neben ihn auf einen Stein, so wie in der letzten Nacht mit Tyler.
„Alles klar bei dir?", fragt er leise.
„Ich glaube schon.", antworte ich, denn wir hatten schon schlimmere Zeiten als jetzt.
„Und bei dir?"
Er runzelt die Stirn.
„Keine Ahnung. Du hast das mit Hailey gemerkt, nicht?"
Ich nicke.
„Wo wir gerade bei...Solchen Geschichten sind, Edmon hat mich geküsst.", beichte ich.
„Du hast Glück, dass er auch grüne Augen hat.", seufzt Farian.
„Ja. Das habe ich wohl."
„Auch wenn ich nicht weiß, ob es bei deinen Augen irgendeine besondere Regel gibt."
„Das weiß ich auch nicht. Und das mit Hailey ist halb so schlimm. Solange ihr keine Kinder kriegt...Bei May und Shane ist es schließlich genauso."
Farian nickt.
„Wir sind ja noch nichtmal zusammen oder so.", meint er..
„Das wird schon noch.", grinse ich.
Farian lacht leise.
„Und Edmon und du? Seid ihr jetzt zusammen?"
Ich runzele die Stirn.
„Ich glaube nicht. Wir haben uns noch gar nicht ausgesprochen."
„Das wird schon noch.", spricht Farian mich grinsend nach.
Der Himmel ist dunkel, und nach und nach fallen Tropfen vom Himmel.
„Bereust du es, mitgekommen zu sein?", frage ich Farian, während ich mein Gesicht in den immer stärker fallenden Regen halte.
Er denkt schweigend nach.
„Du musst nicht antworten.", beruhige ich ihn.
„Nein."
Ich schaue ihn fragend an.
„Wäre ich nicht mitgekommen, würde ich immer noch durch die Wälder irren, versuchen, irgendwem zu helfen. Dabei ist hier genau der richtige Ort für mich, oder etwa nicht? Ich meine, es gibt eigentlich keinen wichtigeren Ort, an dem ich jetzt sein müsste, um Leuten zu helfen.
Wo könnte ich mehr zu gebrauchen sein, als hier?
Außerdem hätte ich dann keinen von euch kennengelernt."
Ich lächele ihn an.
Die anderen sind durch den Regen aufgewacht, weshalb Etalon verschlafen eine große Plane herzaubert, unter welche wir dann alle Matten stellen..
Der Zufall will es so, dass meine genau neben Edmon landet.
Auch ihm scheint das unangenehm zu sein, weshalb er sich räuspernd abwendet.
„Farian und Lia, ihr könnt schlafen gehen. Ich fange meine Schicht einfach ein wenig früher an.", entscheidet Megan mit einem warmen Lächeln.
Ich erwidere dieses dankbar und lege mich hin.
Das letzte was ich sehe, bevor ich einschlafe, sind Edmons grüne Augen, die mich wachsam beobachten.
Voilà, Kapitel 17 :)
Was haltet ihr von dem Kuss?
Und generell von der Beziehung zwischen Edmon und Lia?
Was sind das für Spuren?
Voten und Rückmeldung bitte wie immer nicht vergessen!
Einfach auf das kleine Sternchen drücken :)
Bis zum nächsten mal!
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Augenfarbe
Fantasi„Also...Glaubst du wirklich, dass etwas mit dir nicht in Ordnung ist?", fragt sie zaghaft. „Ja. Das tue ich." Manchmal gibt es Momente, in denen sich ganze Leben auf den Kopf stellen. Genau so einen Moment erfährt Lia am eigenen Leib, als ihr sechze...
