5. Trostpflaster

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Abigail's view

"Ähmm...ich gehe dann mal lieber."sagte ich. Diese Nähe möchte ich einfach nicht. Zumindest noch nicht.
Generell bin ich nicht die, die immer Gruppenkuscheln und sowas macht. Zu viel Kontakt mit anderen Personen.

"Halt!"sagte er und drängte mich an die Wand, stützte sich mit seinen zwei Händen ab, damit ich nicht fliehen kann. "Die fünf Minuten sind noch nicht vorbei." Sein Gesicht kam immer näher und ich bekam plötzlich Panik. Nicht vor ihm, eher vor der Tatsache, dass es mir viel zu eng war. Klaustrophobie und so...

"Ziehst du den Pulli wieder an? Ich sabber sonst."flüsterte ich. Meine Atmung verschnellte sich.
"Warum sollte ich? Ich will dir doch gefallen, Darling." Er drehte den Kopf leicht zur Seite und seine Lippen berührten, es war eher ein hauchen oder streifen, ganz leicht die Haut unterhalb meines rechten Ohrs.

Mir reicht's. Endgültig.

Genervt, bis Unterkante Oberkante, von all den Amerikanern um mich rum, suchte ich Jake auf. Ich will hier weg. Jetzt. Sofort. In dieser Sekunde. Und nicht später.

Ich riss mich los und flüchtete aus dem Zimmer und runter zur Bar. Dort saß Jake zum Glück. Er sprach gerade mit einem anderen Jungen.
"Jake?"
"Wasn?"
"Können wir heim?"
"Warum? Was ist passiert? Hat dir jemand wehgetan?"
"Nein alles ok, aber können wir JETZT bitte nach Hause fahren?"
"Warum denn?"
"ich...bin müde und mir gefällt es hier einfach nicht."
"Also mir gefällt es hier..."sagte er und sein Gegenüber lachte los und er selbst grinste dämlich.
"Was gibt's da zu lachen?"
Apprupt hörte der Junge auf zu lachen und sah mich überrascht an.
"Ganz schön große Klappe, für jemanden wie dich."
"Ja richtig, aber lenk gefälligst nicht vom Thema ab!" schnauzte ich zurück.
"Hey!" Jake sprang auf und drückte mich an die nächste Wand, "sprich gefälligst anders mit meinen Freunden, sonst kannst du was erleben, Abigail!"

"Ach ja?"
"Ja!" knurrte er.
"Sagt wer? Etwa Du?" Oh. Oh. Jake sah so aus, als würde er gleich platzen. Vielleicht hätte ich das jetzt nicht sagen sollen. Aber er soll wissen, dass ich keine Angst vor ihm habe.
"An deiner Stelle würde ich jetzt still sein, sonst gibt's richtig Ärger, meine Liebe!"

Ich schluckte und senkte den Blick. Jake kam mir immer näher, das merkte ich.
"Geht doch."flüsterte er an meinen Hals.
" Setz dich mit zu mir, wir fahren gleich."

"Ich fahre sie!" schrie jemand und Jake fuhr herum.

Wäre Jake vielleicht so freundlich und würde ein Stück zur Seite gehen, dass ich sehen kann, um wen es sich handelt?

"Warum? Ich fahre doch eh gleich heim. Die paar Minuten wird sie schon warten können."
"Ja und? Hast du sie nicht gehört? Sie will JETZT nach Hause und nicht GLEICH. Deswegen fahre ich sie. Muss sowieso in die Richtung." Jake stürtzte sich auf die Person und ich konnte endlich erkennen, dass es sich um Caleb handelte.

Warum prügeln die sich jetzt? Das große Licht ging an und alles wurde erhellt. Sanitäter stürmten zu den Jungs und zogen sie auseinander.

"Fass' mich nicht an!" brüllte Jake und riss sich von einem Sanitäter los. "Hey! Du hast eine Verletzung und die muss versorgt werden!" wehrte sich dieser, konnte aber nichts gegen Jake tun.
"Meine Mutter ist Arzt, ich will eh gleich heim!" Vor Wut schnaufend, packte Jake mich grob am Arm und zog mich hinter sich her.
"Komm!" bellte er.

*

"Die Wunde muss versorgt werden, nicht dass die sich entzündet! Auch, wenn es mitten in der Nacht ist!"

Seitdem wir wieder zu Hause waren, weigerte sich Jake und das ausgetretene Blut trocknet sicherlich schon. Warum ist er auch so ein sturer Arsch?

Endlich gab er nach und setzte sich auf den Tisch, sodass ich recht gut mit dem Desinfektionsmittel und den Wattepads an die Wunde an seiner Stirn kam.
"Es könnte jetzt ein kleines bissl brennen-"
"AAAAAHHH willst du mich verarschen? Das brennt wie Sau!"

Und ich dachte er ist ein Junge...

"Ja Sorry, willst du lieber an ner Blutvergiftung sterben? Nein? Gut. Dann lass mich hier gefälligst die Wunde reinigen. Beim nächsten Mal sediere ich dich"
"Wenn es überhaupt ein nächstes Mal geben wird."sagte er halb zu sich, halb zu mir und ich klebte ein luftdurchlässiges Pflaster auf seine Stirn.

Kritisch betrachtete ich mein Werk und zog die Stirn kraus, als ich sah, dass das Pflaster an einer Ecke nicht richtig klebte. Billiger China-Mist!

Mit viel Kraft drückte ich die Ecke, die es vorzog, nicht zu kleben, mit dem Daumen fest. Eine Sekunde später löste sie sich wieder mit einem Plopp.

"Ach kacke!" meckert ich und drückte wieder drauf.
"Hey." Jake pakte plötzlich meine Hände und drückte sie nach unten, "ich brauch kein Trostpflaster. Ein Kuss würde reichen." und dann setzt er dieses typische Badboy-grinsen auf und steht auf. Arroganter Arsch.

Automatisch muss ich einen Schritt nach hinten gehen, sonst wäre er mir auf die Füße getreten und... wäre mir sehr nahe gewesen.

"Gute Nacht, Abby." ich stand wie versteinert da und realisierte erst, was passiert war, als die Geräusche von der Treppe verstummt waren.

"Gute Nacht"flüsterte ich und ging dann auch nach oben.

Only an exchange studentWo Geschichten leben. Entdecke jetzt