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Morias Schnee

„Eine Botschaft für euch, Herr!"

Mit einem leisen Grummeln nahm der glatzköpfige Krieger dem Soldaten das versiegelte Schreiben ab. Direkt im Flur vor seinem Gemach war er abgefangen worden. Eigentlich war er bereits auf dem Weg zum alljährlichen Festessen anlässlich des Durinstages unterwegs gewesen, welches der König unter dem Berge für seinen engsten Kreis ausrichtete.

Nun jedoch öffnete Dwalin die Tür seines Gemaches erneut. Den Brief würde er sicher nicht jetzt schon lesen. Er war nämlich in Eile, vor dem Essen noch den Markt aufzusuchen. Seit Zwergengedenken war es Tradition, den Liebsten kleine Geschenke zum Durinstag zu machen.

Eine Tradition, die bei dem gestandenen Krieger und Veteran der Schlacht der fünf Heere jedes Mal für Schweißausbrüche sorgte. Auch in diesem Jahr war es nicht anders, denn Dwalin hatte immer noch keine Geschenke für seine Freunde. Ihm wollte auch nie etwas einfallen! Während andere voller Sorgfalt schon Monate vorher sich in die Planung stürzten, blieb der Kopf Dwalins frei von jeglichen Ideen. Irgendwann hatte er es aufgegeben und jedes Jahr besorgte er nun mit einer Mischung aus Trotz und Frust kurz vor dem Fest ein paar Leckereien auf dem Markt. Ein paar Fässer Bier waren schließlich auch ein gutes Geschenk.

Er legte den Brief auf seinen sowieso schon überladenen Schreibtisch, als sein Blick auf das Siegel fiel. Stutzend hielt er in der Bewegung inne. Dieses Siegel erkannte er sofort! Das Zeichen Balins, Fundins Sohn, des Herrn von Moria, prangte dort in leuchtend rotem Wachs auf dem Pergament.

Vergessen war die Einladung des Königs, das Festessen oder die Not, Geschenke zu kaufen. Mit einer Hand das Siegel brechend, setzte Dwalin sich hin, begierig, die Nachricht zu lesen, denn die letzte Nachricht Balins lag schon wieder mehrere Monate zurück.

Mein lieber Bruder!

Verzeih, dass ich so lange keine Nachricht mehr schrieb. Doch meine Tage waren voller Arbeit, die sich nun anfängt, auszuzahlen.

Hier ist der Spätsommer bereits weit voran geschritten, doch auf den Gipfeln von Barazinbar, Zirak-zigil und Bundushathur liegt bereits hoch der Schnee. Morgens kann ich nun beobachten, wie die Sonne sich in der gleißend hellen Pracht ihrer weißen Mäntel bricht und der Wind das feine Pulver um die Flanken der Berge weht.

Doch ebenso schön sind die Schätze, die wir nun endlich zu Gesicht bekommen, Bruder. Die wenigen Winter, die wir schon hier sind, vergingen mit der Arbeit, Wohnräume, Korridore, Vorratskammern und Werkstätten begehbar und bewohnbar zu machen. Dies ist nun für einen Teil des Berges getan und wir leben hier gut. Aber die Arbeit, die wir alle mit Feuereifer erwarteten, hat nun endlich begonnen. Wir dringen in die alten Minen vor.

Und was uns dort erwartete! Selbst die reichen Adern von Edelstein des Erebor verblassen gegen diese Pracht. Ströme von Gold und Silber, mehrere Zwerge breit, durchziehen das Fundament von Zirak-zigil. Juwelen und Edelsteine unterschiedlichster Art liegen im Bundushathur verborgen. Ich kann es kaum erwarten, mit der Förderung von Smaragden, Achaten, Amethysten, Rubinen, Granaten, Opalen und all diesen Wundern zu beginnen.

Doch den größten Schatz, Dwalin, fanden wir, wie unsere Vorväter es überlieferten, unter Barazinbar, am Fuße des Caradhras. Eine Mithrilmine erstreckt sich dort, genau wie die Legenden erzählten, nur schöner, als ich es je in Worte fassen könnte. Oft stehe ich stundenlang dort und um mich funkelt und glitzert es, dass ich meine, der Schnee der Berge wäre bis hier an ihre Wurzeln gedrungen. Kaum Licht brauche ich dort, denn die Steine werfen jedes noch so kleine Leuchten tausendfach zurück.

Oh Dwalin, wenn du es nur sehen könntest! Die Pracht Khazad-dums, die sich uns nun zeigt. Nun endlich, beginnt unsere alte Heimstätte wieder in ihrem alten Glanz zu erstrahlen. Kaminfeuer und Fackeln erhellen nun wieder die Gänge und Hallen des Bereiches, den wir bewohnbar gemacht haben. Der Duft von bestem Essen zieht durch die Gänge und endlich erklingen wieder Gesänge zu Harfe und Laute in Durins Halle. Dort zwischen all den Reichtümern lassen wir die Erinnerung an ihn wieder aufleben.

Bald werden wir soweit sein, dass in den ersten Minen wieder der Abbau beginnen kann. Ich werde in meinem nächsten Brief den König bitten, weitere Zwerge zu entsenden, auf dass wir unser Werk schneller voran treiben können. Auch du solltest dich dann auf die Reise nach Khazad-dum begeben.

Von unserem größten Schatz habe ich dir eine Kleinigkeit beigelegt. Wenn mich meine Ahnung nicht täuscht, wirst du auch dieses Jahr zum Durinstag keine Geschenke haben und vielleicht hat der Brief das Glück, dich noch vorher zu erreichen.

Dein Bruder,

Balin

Dwalin lächelte. Seine Augen fuhren über die akkurate Handschrift Balins und vor seinem inneren Auge erschien das Bild seines Bruders, in seinem Gemach hoch oben nahe der Gipfel des Berges sitzend, an dem Brief schreibend und hinaus auf eine weiß leuchtende Berglandschaft blickend. Wie gerne er Khazad-dum einmal sehen würde!

Neugierig steckte er die Hand in den Umschlag, um zu sehen, was Balin ihm da wohl geschickt hatte. Ein kleines schwarzes Samtsäckchen zog er heraus, öffnete es und kippte den Inhalt vorsichtig auf die Handfläche.

Sein Atem stockte und erstarrt hielt er den Schatz in seiner Hand. Kleine Mithrilsplitter, so filigran wie Schneeflocken selbst, lagen dort auf der Handfläche. Zitternd fuhr er mit den Fingern darüber. Noch nie hatte er etwas Reineres gesehen. Das Licht der Fackeln brach sich in ihnen und wurde in funkelnden Facetten an die Steinwände geworfen. Bunt schillernd in allen Farben des Regenbogens tanzte der Schein umher.

Eine einzelne Träne rollte über die Wange des Kriegers.

Sanft schüttete er die Steinchen zurück in ihren Beutel und erhob sich langsam, wie aus einem Traum erwachend.

Dann ging er in Richtung Tür, den Schatz für die anderen wohl in der Hand geborgen.

Nie wieder kam ein Briefaus Moria.


geschrieben von Varda_92

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