Winterlichter
„Er ist da! Er ist da!", schallte die Stimme des kleinen Jungen durch das Smial des alten Tuk. Aufgeregt hopste der Lockenkopf vor dem Fenster an der Eingangstür herum, war er doch kaum groß genug, um nach draußen schauen zu können. Mühsam stellte er sich auf die Zehenspitzen und sah mit zusammengekniffenen Augen in die Winternacht.
Vor dem runden Fenster der Hobbithöhle wirbelten dicke Schneeflocken durch die tiefschwarze Nacht. Der Schnee war bereits meterhoch angewachsen und nur dank täglicher Schaufelarbeit war es überhaupt noch möglich, die Höhle zu verlassen und in die Stadt von Wasserau hinab zu gehen. Seit Tagen hatte es durchgeschneit und die Hobbits hatten ihre Fuhrwerke durch Schlitten ausgetauscht. Auf dem zugefrorenen See liefen die Hobbitkinder Schlittschuh und kamen abends mit roten Gesichtern heim, um am Kaminfeuer heißen Kakao zu schlürfen und Bratäpfel zu naschen.
Auch Bilbo Beutlin, der kleine Hobbit, der aus dem Fenster spähte, war oft zum See gelaufen, um zu spielen, Schneemänner zu bauen und Schneeballschlachten zu gewinnen. Bis spät in die Nacht war er ausgeblieben, oft zum Leidwesen seiner Mutter. Doch nicht heute. Heute wartete er schon die gesamte Zeit sehnlichst auf die Ankunft eines ganz besonderen Gastes. Gandalf, der Zauberer! Denn bald näherte sich der Tag der Wintersonnenwende und der alte Tuk hatte den Zauberer eingeladen, ein Feuerwerk zum Fest zu entzünden.
Und da näherte sich endlich der Wagen des Zauberers! Gezogen von einem schwerfälligen Pferd, das sich mühsam durch den Schnee arbeitete, fuhr er die Straße zur Höhle des alten Tuk. Bilbo hatte den Zauberer noch nie getroffen, aber schon Wochen vor dem großen Fest hatte er seine Mutter angefleht ihm von dem Zauberer zu erzählen.
„Mama!", rief er laut. „Komm endlich!"
Belladonna Beutlin, Tochter des alten Tuk, seufzte leise und stand von ihrem Sessel am Kamin auf, wo sie mit ihren beiden Schwestern Donnamira und Mirabella gesessen hatte. Sie und ihre Geschwister waren mit ihren Familien schon vor Tagen angereist, um gemeinsam in dem Smial ihres Vaters die Wintersonnenwende zu begehen. Nun lief sie zu ihrem ungeduldig herum hüpfenden Sohn, während ihre Schwestern rasch in die Küche wuselten, um Tee aufzusetzen und die Pastete vom Mittag für den Gast aufzuwärmen.
Ihr Vater, grauhaarig vom Alter und für einen Hobbit eine ungewöhnliche Autorität ausstrahlend, kam herbei und strich seinem Enkel sanft über die Locken. „Auf, geh zu deiner Mutter!", sagte er.
„Bilbo, komm her!", sagte Belladonna und legte die Arme um ihren Sohn.
Bumm, bumm, klopfte es an der Tür und der alte Tuk öffnete schwungvoll.
„Gandalf!", rief er laut.
„Gerontius, mein Freund!", erwiderte eine volltönende Stimme. Eine in einen grauen Mantel gehüllte Gestalt mit spitzem Hut duckte sich durch die Tür. Riesenhaft wirkte der Mann auf Bilbo. Ein spitzer Hut wurde Gerontius gereicht, der diesen, sowie einen hölzernen Wanderstab an die Garderobe stellte.
„Es freut mich, wieder hier zu sein und mit euch zu feiern.", sagte der Zauberer zum alten Tuk.
Bilbo hielt es nicht mehr aus. Er strampelte sich von seiner Mutter los.
„Wann gibt es das Feuerwerk!", rief er und eilte auf den Zauberer zu.
Der alte Mann lachte leise und kniete sich vor das Kind, um nicht ganz so beängstigend zu wirken. Doch der kleine Hobbit vor ihm schien keine Angst zu haben.
„Und wer bist du?", fragte er freundlich.
„Bilbo Beutlin.", sagte der Kleine.
Gandalf grinste sanft und seine hellen Augen leuchteten. Mit einer Handgeste beruhigte er Belladonna, die ihren vorwitzigen Sohn bereits schelten wollte. „Nun, mein lieber Bilbo,", sagte er und musterte den Jungen interessiert, „du wirst dich noch ein paar Nächte gedulden müssen, bis es soweit ist."
Er erhob sich und folgte dem alten Tuk ins Wohnzimmer. Bilbo seufzte. Es schien ihm, als würde die Wintersonnenwende nie kommen.
Doch dann, zwei Tage später, war es endlich soweit.
Bilbo konnte gar nicht erwarten, bis das Essen fertig war, weil Gandalf dann endlich das Feuerwerk zündete und auf das wartete er schon, seit er erfahren hatte, dass es eins gab. „Mama, wann können wir das Feuerwerk anschauen?", bettelte er. Belladonna antwortete ihm: „Gleich, lass uns erst noch fertig essen und dann können wir Gandalf fragen, wann er es machen möchte. Aber bis dahin versuche dich zu gedulden. Einverstanden?" Der kleine Hobbit nickte eifrig und wartete voller Spannung, aber geduldig das Ende des Mahles ab.
Als es soweit war gingen er und seine Mutter zu Gandalf, um ihn zu fragen. „Ich möchte es nach Einbruch der Dunkelheit machen, dann wirkt es auch besser", entgegnete er ihnen und Bilbo seufzte. Wie sollte er das nur aushalten, doch Gandalf bemerkte das und flüsterte Belladonna was ins Ohr. Sie nickte und zog ihren Sohn weg: „Komm Bilbo. Lass uns ein paar Spiele spielen. Hol deine Freunde, dann macht es mehr Spaß." Die Augen des kleinen Hobbit begannen zu leuchten und er lief los und kam mit den anderen zurück, die es ebenso nicht erwarten konnten, bis das Feuerwerk am Himmel erstrahlt. Belladonna lächelte und sie begannen zu spielen und nach und nach kamen die erwachsenen Hobbits auch dazu, sodass bald alle außer Gandalf mitspielten. Es war eine ausgelassene Runde, bei der viel gelacht, geneckt und Unsinn gemacht wurde. Jeder vergaß die Zeit und sie bemerkten nicht, wie es langsam immer dunkler wurde.
Sie alle schreckten jedoch auf, als plötzlich am Himmel etwas knallte und daraufhin rote Funken zu sehen waren. Doch schnell war der Schreck überwunden und sie sahen hoch in den Himmel mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Bilbo war so sehr darin vertieft, das Feuerwerk zu bewundern, dass er nichts mehr um ihn herum mitbekam, zu schön waren die roten, gelben und grünen Funken, die mal eine Kugel, mal nur Schlieren bildeten. Manchmal war es, als ob ein Stern über den Himmel zischte und manche waren sogar Figuren von wunderschönen Tieren. Man konnte sich gar nicht satt sehen, so unglaublich war das alles was sie sahen.
Als es vorbei war, schaute er immer noch mit offenem Mund in den Himmel und erschrak abermals, als er eine Stimme an seinem Ohr hörte, die fragte: „Und, hat es dir gefallen?" Bilbo drehte sich um und sah dem alten Zauberer ins Gesicht: „Es... es war wundervoll. Ich werde es nie vergessen, es war einfach zu schön." „Das freut mich, wenn es dir gefallen hat", lächelte Gandalf. Bilbo konnte nicht anders und nahm ihn in den Arm und drückte ihn: „Kannst du mein Freund sein?" Der Istar lachte kurz auf und antwortete: „Natürlich kann ich dein Freund sein, Bilbo." Und der kleine Hobbit wurde noch glücklicher, als er es ohnehin schon war und schmiegte sich noch ein bisschen an Gandalf, froh einen neuen Freund gefunden zu haben.
geschrieben von
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Mittelerde Adventskalender 2020
FanfictionDer Winter hat Mittelerde fest im Griff und beschert seinen Bewohnern schöne, lustige oder auch nachdenkliche Momente. Ein Gemeinschaftsprojekt von den Autoren: RonjaAlsters, de_Neige, LaraniEleyja, ShirinsStorys, Elbenkriegerin241, Lenya2018, Cynth...
