Kapitel 13 oder die Sache mit der Hose

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Nachdem ich ja nun eine offizielle Ausrede in Form einer unschön zugerichteten Nase hatte, nicht mehr zum Training gehen zu müssen, brachte ich Kageyama am Dienstag dazu, einen Crashkurs in Sachen Nähen bei mir zu nehmen.

Ich wusste, dass unser Club den Dienstagmittag immer mit den Leuten vom Theater verbrachte; entweder, um den Fundus auf Vordermann zu bringen, für Anproben oder um die Finanzen zu regeln. Deshalb stand unser Clubraum heute leer und ich konnte Kageyama eine Einführung in mein liebstes Handwerk geben.

Zuerst hatte er sich wahnsinnig dagegen gesträubt, aber als ich ihn an die Opfer erinnerte, die ich bereits für seinen Sport gebracht hatte, gab er klein bei.

Wir schlichen also nach der letzten Stunde zum Clubraum und ich holte den Schlüssel aus seinem Versteck. Weil öfter mal jemand auf die Idee kam, seine Entwürfe spontan und in der Pause über den Haufen zu werfen, lagerten wir den Schlüssel so, dass jeder von uns Zugang dazu hatte.

Nachdem ich hatte, was ich wollte, drückte ich die Fußleiste wieder an Ort und Stelle.

Triumphierend grinste ich Kageyama an, während ich die Tür aufschloss. Drin erwartete mich der vertraute Anblick von sich stapelnden Stoffbahnen, unfertigen Kleidungsstücken und herumfahrenden Schnittmustern.

Nur bei den Nähmaschinen achteten wir penibel auf die Sauberkeit der Arbeitsplätze, weil das Budget der Schule so schnell keine neuen hergeben würde. Jeder von uns hatte auf die ein oder andere Art gelernt, wie mühselig es war, per Hand nähen zu müssen, deshalb gingen wir in dieser Hinsicht keine Risiken ein.

Kageyama stand noch immer unschlüssig im Türrahmen, vermutlich plante er bereits seine Flucht. Mit einer einladenden Geste umfasste ich den ganzen Raum: „Willkommen in meinem persönlichen Paradies."

Zwei Stunden später hatte Kageyama unter meiner Anleitung eine Hose genäht. Ich hatte ihm zwar erklärt, dass ein Rock wesentlich besser für einen Anfänger geeignet wäre, aber er hatte darauf bestanden.

Jetzt stand er in seiner ‚Hose' vor mir und ich musste mich wirklich zusammenreißen, um nicht in Gelächter auszubrechen. Genauso wie ich kein begnadeter Volleyballspieler war, schien er kein talentierter Schneider zu sein. Das Gummi, das er eingezogen hatte, war viel zu weit und er musste den Bund festhalten, damit sie ihm nicht einfach herunterrutschte. Die Hosenbeine waren ungleich und die Naht im Schritt löste sich bereits.

Wenigstens hatte er keines der Beine versehentlich zugenäht, das war mir nämlich am Anfang das ein oder andere Mal passiert. Um keinen teuren Stoff zu verschwenden, hatte ich ihn ein altes Bettlaken malträtieren lassen und siehe da: Pissgelb war nicht seine (oder meine) Farbe.

Ich zückte schnell sein Handy und machte ein Foto, bevor er sich dagegen wehren konnte, woraufhin er mich mit einem grimmigen Blick bedachte. Ich grinste ihn nur fröhlich an.

„Man wird ja wohl noch kompromittierende Bilder von sich selbst machen dürfen", sagte ich und streckt ihm frech die Zunge raus.

Er guckte ein bisschen verwirrt: „Kompro-was?"

„Kompromittierend", wiederholte ich und betonte dabei die Silben, „das ist das schlaue Wort für bloßstellend."

Ich wusste das auch nur, weil das Wort letztes Frühjahr in einem Sinnspruch aus der U-Bahn vorgekommen war und ich es irgendwann nicht mehr ausgehalten hatte, ihn nicht zu verstehen. Das würde ich allerdings niemals zugeben.

Nachdem Kageyama die ‚Hose' wieder aus- und den Rock, der zur Schuluniform gehörte, angezogen hatte, räumten wir schnell auf. Ich schloss die Tür zum Clubraum hinter uns ab und legte den Schlüssel zurück an seinen angestammten Platz.

Herzbube ✔ [Kageyama Tobio, Haikyuu!]Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt