-Prolog-

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Bevor es los geht; das Cover zu dieser Geschichte hat die wundervolle Wolvesgirl35 für mich gemacht. Danke schön noch einmal.
Allgemein hat mich ihr Name zu dieser Geschichte inspiriert.
Schaut gerne Mal bei ihr vorbei ich würde mich so für sie freuen.
Fühl dich gedrückt. <3

Kritik oder Anregungen sind gern gesehen.

Und nun ganz viel Spaß!!!

-Prolog-

​Die Kühle des Herbstmorgens lag noch klamm unter dem dichten Blätterdach, als ein Knacken im Unterholz Kira innehalten ließ. Ihre Hand fiel instinktiv auf den Griff ihres Jagdmessers am Gürtel. Sie lauschte, regungslos, nur ihre grünen Augen bewegten sich und musterten die Umgebung. Nichts. Nur das Rascheln von altem Laub, das vom Wind über den Waldboden getrieben wurde. Dann, kaum wahrnehmbar, eine Bewegung – ein dunkler Schatten, der fließend zwischen den moosbewachsenen Stämmen hindurchglitt.
​Ein Lächeln huschte über Kiras Lippen und löste die Anspannung in ihren Schultern. Sie kannte diesen Schatten. Ihre feuerroten Haare, ein leuchtender Kontrast zum erdigen Grün des Waldes, schwangen leicht, als sie ihren Weg fortsetzte. Kurz darauf ein zweiter, weißer Schatten, der in größerem Abstand folgte. Ihre Wächter.
​Ein schrilles Jaulen ließ einen Schwarm Vögel aufflattern. Die erste Falle. Kira lachte leise auf, als sie den fetten Hasen erkannte, der sich im Draht verfangen hatte. Mit geübten Handgriffen befreite und tötete sie das Tier, bevor sie es an dem Seil über ihrer Schulter befestigte. Vier weitere folgten. Es war eine gute Jagd, genug für ein paar Tage.
​Die Stille des Waldes wurde jäh von einem Geräusch zerrissen, das hier nicht hingehörte – ein schleifendes, röchelndes Keuchen. Immer diese Störenfriede, dachte Kira und zog langsam ihr Messer. Der Untote torkelte aus dem Dickicht, ein Auge hing ihm aus der Höhle, der Kiefer schief. Fünf Jahre. Fünf Jahre wanderten sie nun schon über die Erde, und der Mensch war, wie ihr Vater immer sagte, ein Gewohnheitstier. Ohne zu zögern trat sie ihm gegen die morschen Kniekehlen. Als er fiel, rammte sie ihm die Klinge präzise ins Genick. Die Stille kehrte zurück. Die Schatten, die sich bei der Ankunft des Beißers lautlos zurückgezogen hatten, näherten sich wieder. Ihr Schutzwall war intakt.
​Auch die nächsten fünf Fallen waren voll gewesen. Auf dem Rückweg wurden ihre Schritte schwerer, nicht wegen der Beute, sondern wegen der Gedanken, die in der Stille immer lauter wurden. Sie vermisste das Gefühl, nur Jägerin zu sein. Jetzt war sie Anführerin, und jede Entscheidung lastete wie ein Mühlstein auf ihr. Seit ihr Vater vor einer Woche gestorben war, fühlte es sich an, als ob sechzehn Paar Augen jede ihrer Bewegungen bewerteten. Sie verglichen sie mit ihm, mit Jim Carter, dem Mann, der diesen Ort zu einer Festung gemacht hatte.
​Sie hatte darum kämpfen müssen, heute überhaupt in den Wald zu dürfen. "Eine Anführerin gehört ins Zentrum, Kira. Schick jemand anderen." Aber wie sollte sie jemandem die Pfade zeigen, die nur sie im Kopf hatte? Der Wald war ihr Zuhause, nicht nur ein Jagdrevier.
​Ein Pfiff auf zwei Fingern schnitt durch die Luft. Ein leises Knurren ertönte direkt hinter ihr, und im nächsten Moment warf sie ein schwerer Körper sanft zu Boden. Große Pfoten stemmten sich auf ihren Rücken, eine nasse Schnauze grub sich in ihr Haar.
„Boar, Shadow, lass das“, zischte sie lachend und spürte, wie er ihr einmal quer über den Nacken leckte. Der Druck verschwand. Stöhnend setzte sie sich auf und lehnte sich gegen einen Baumstamm. Sofort legte der riesige, schwarze Wolf seinen Kopf auf ihren Schoß und sah sie mit seinen intelligenten Augen an. Kira kraulte ihn hinter den Ohren.
​Aus dem Dickicht trat ihre beste Freundin Alexia, den Bogen geschultert, gefolgt von der strahlend weißen Wölfin Sikari.
„Na, Chefin? Erfolgreich gewesen?“, grinste Alexia und ließ sich neben sie fallen. Sikari rollte sich neben ihr zusammen und legte ebenfalls den Kopf auf den Schoß ihrer Gefährtin.
„Könnte besser sein“, antwortete Kira und strich Shadow durchs dichte Fell. „Aber es reicht.“
​Sie saßen eine Weile schweigend da, eine vertraute Stille zwischen zwei Frauen, die sich seit dem Sandkasten kannten. Der Wald um sie herum begann, in der Dämmerung zu versinken. Zeit, zurückzukehren.
​Der hohe Zaun des Wolfsschutzzentrums kam in Sicht. Es war der Ort, an dem ihr Vater sein Lebenswerk aufgebaut hatte, und der ihnen nun allen das Leben rettete. Shadow und Sikari rannten voraus und warteten jaulend vor dem schweren Stahltor, das von Julian geöffnet wurde.
„Alles ruhig, Chefin?“, fragte er und schloss das Tor hinter ihnen. Kira nickte nur stumm. Das Wort „Chefin“ fühlte sich immer noch falsch an, wie eine zu große Jacke.
​Sie nahm den Strick mit den Hasen von der Schulter und brachte ihn zu Marie, der Köchin der Gemeinschaft. Die ältere Frau nahm die Beute entgegen und drückte Kiras Hand. Ihr Blick war voller Mitleid, das Kira kaum ertragen konnte.
„Braten oder Suppe?“, fragte Marie leise.
So sehr ihr Herz auch nach einem stärkenden Braten schrie, der Verstand der Anführerin siegte. „Suppe“, murmelte Kira. Davon würden sie länger zehren können. Sie musste vorausschauend planen.
​Der Herbst war fast vorbei. Bald würden die Bäume kahl sein und die Hütten, ihr Zuhause, für jeden sichtbar daliegen, der sich hierher verirrte. Bisher hatten sie unvorstellbares Glück gehabt. Kira fragte sich, wie lange es noch halten würde.

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