Zuerst war es ein schnelles Gehen gewesen, dann ein hastiger Lauf, der schließlich in einen blinden Sprint überging. Wut und Adrenalin trieben Kira vorwärts, während ihr Verstand im Kreis raste. Wieso? Wieso stiehlt jemand Wölfe? Was haben sie vor? Wie konnten sie uns so unbemerkt überrumpeln? Fragen über Fragen, aber keine einzige Antwort. Um sie herum war nur der dunkle Wald, dessen Schönheit sie in ihrem Zorn nicht wahrnahm. Sie sah nur rot.
„Wir finden sie, Kira!“, rief Alexia ihr zu, ihre Stimme kaum mehr als ein Keuchen in der eisigen Luft. Kira klammerte sich an diese Worte. Es war das Erbe ihres Vaters, ihre verdammte Pflicht, dieses Rudel zu beschützen, so wie es sie immer beschützt hatte.
Shadow und Sikari schossen als geisterhafte Schemen vor ihnen durch das Unterholz, ihre Instinkte wiesen den Weg. Die wenigen Untoten, die schwerfällig ihren Weg kreuzten, ignorierten sie. Sie zählten nicht. Nur die Jungwölfe zählten.
Vor ihnen lichtete sich der Wald. Eine Schneise aus kaltem, rissigem Asphalt. Die Straße. Shadow war bereits hinüber, Sikari und Alexia folgten ihm. Als Kira ihnen nachsetzen wollte, zerriss das Brüllen eines Motors die Stille. Ein Scheinwerferpaar riss aus einer Kurve und blendete sie. Für den Bruchteil einer Sekunde erstarrte sie, gefangen im grellen Licht wie ein Reh. Das laute Hupen, das Kreischen von Reifen auf Asphalt, dann ein ohrenbetäubender Knall.
Metall traf auf Fleisch und Knochen. Die Welt drehte sich. Ein harter, krachender Aufprall gegen etwas Unnachgiebiges – einen Baum – und dann verschluckte Schwärze sie.
Das erste, was sie wieder wahrnahm, war ein leises, winselndes Jaulen direkt an ihrem Ohr. Dann der Schmerz. Ein dröhnender, pulsierender Takt in ihrem Schädel, ein stechendes Feuer in ihrer Seite bei jedem flachen Atemzug. Der Geschmack von Blut füllte ihren Mund. Schwerfällig öffnete sie die Augen. Alles war verschwommen. Zwei dunkle Gestalten lösten sich von einem Fahrzeug und kamen auf sie zu.
Freund oder Feind?
Ein leises Zischen entwich Kiras Lippen. Ein Befehl. Die winselnden Schatten an ihrer Seite verstummten und zogen sich tiefer in die Dunkelheit des Waldes zurück. Aus dem Dickicht hörte sie das bedrohliche, tiefe Grollen eines Tieres, das bereit war zu töten. Gut. Alexia war in Position.
„Scheiße, Daryl, ist er tot?“, drang eine aufgeregte Stimme an ihr Ohr.
Kira stöhnte und stemmte sich mit aller Kraft auf die Ellbogen. Jeder Muskel schrie auf. Schwindel überkam sie, doch sie unterdrückte ihn. Schwäche konnte sie sich nicht leisten.
„Er ist eine Sie“, knurrte eine zweite, tiefere Stimme. „Und sie lebt.“
Zitternd schaffte sie es, sich aufzusetzen. Ihre Mütze lag neben ihr im Dreck, ihr Zopf hatte sich gelöst und die roten Haare fielen ihr wirr ins Gesicht. Sie wischte sich über die Stirn und spürte die klebrige Wärme von Blut an ihren Fingern. Die beiden Männer kamen näher. Der eine, mit den langen Haaren, hielt die Hände beschwichtigend hoch. Der andere, der mit der Armbrust, bewegte sich langsam, die Augen eines Jägers, der seine Umgebung taxierte. Er hatte das Grollen gehört.
„Hey, ruhig. Wir wollen dir nichts tun“, sagte der erste Mann sanft. „Du bist einfach aus dem Wald gerannt.“
Mit einem gewaltigen Willensakt zwang Kira sich auf die zitternden Beine und lehnte sich gegen den Baum, der sie gestoppt hatte. „Ich laufe vor niemandem weg“, presste sie mit heiserer Stimme hervor. „Ich laufe jemandem hinterher.“ Sie wandte sich zum Gehen, doch ein Schmerzensblitz in ihrer Seite zwang sie, innezuhalten.
„Warte“, sagte der Armbrustschütze. Seine Stimme war rau wie Schmirgelpapier. „Zu wem gehörst du?“
Kira drehte sich langsam wieder zu ihnen um, ihre Augen funkelten gefährlich. „Ich gehöre zu niemandem. Reicht es nicht, dass ihr mich angefahren habt?“
„Wir können dir helfen“, versuchte es der erste wieder. „Wir kommen aus einer Gemeinschaft. Hilltop. Alexandria. Wir nehmen Leute auf.“
Der Mann mit der Armbrust – Daryl, wie der andere ihn genannt hatte – machte einen langsamen, prüfenden Schritt auf sie zu. Eine stille Herausforderung.
Das war genug.
Ein scharfer, kurzer Pfiff schnitt durch die Nacht.
Im nächsten Augenblick explodierte der Wald. Wie zwei Geschosse aus Schatten und Zähnen schossen Shadow und Sikari aus dem Dickicht. Der Angriff war so schnell und präzise, dass die beiden erfahrenen Männer keine Chance hatten. Sikari rammte den Langhaarigen mit der Schulter und drückte ihn zu Boden, während Shadow Daryl die Beine wegzog und sich mit einem furchteinflößenden Knurren über ihn stellte, die Reißzähne nur Zentimeter von seiner Kehle entfernt.
Langsam trat Alexia aus dem Wald, der Bogen in ihrer Hand war gespannt, der Pfeil zielte ruhig auf Daryls Herz.
„Sind das... Wölfe?“, stieß der Mann am Boden keuchend hervor, sein Gesicht war eine Maske des Unglaubens.
„Nein, Giraffen. Sieht man doch“, erwiderte Alexia trocken, ohne ihr Ziel aus den Augen zu lassen.
Der Armbrustschütze unter Shadow rührte sich nicht. Sein Blick wanderte von dem knurrenden Wolf über ihm zu Kira. Das Misstrauen in seinen Augen war einer neuen, wachsamen Vorsicht gewichen.
„Gehört ihr zu den Wölfen?“, fragte er, seine Stimme war angespannt.
Kira und Alexia tauschten einen verwirrten Blick. Kira zog sich langsam das Tuch von der Nase. Der Verdacht, kalt und scharf wie eine Eisklinge, durchbohrte ihren Schmerz und ihre Wut. Das eingeritzte ‚W‘ auf Jacksons Stirn brannte sich in ihre Erinnerung.
„Unsere Gruppe hat keinen Namen“, sagte sie leise und bedrohlich. „Aber jetzt bin ich neugierig. Wer sind diese Wölfe?“
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Wolfsmädchen
FanfictionSeit 5 Jahren wandern die Toten auf der Erde, der Mensch hatte sich daran gewöhnt, wie er sich an alles irgendwann gewöhnte. Neben Alexandria und Hiltop gibt es noch eine Gemeinschaft die bisher gut versteckt war, bis sich an einem Tag das Schicksal...
