(Zwei Monate später)
Es war kalt. Eine tückische, beißende Kälte, die sich unter die Kleidung fraß und die Knochen schmerzen ließ. Der Winter war früher als erwartet über sie hereingebrochen und hatte die kleine Gemeinschaft mit einer Wucht getroffen, die sie fast zerbrochen hätte. Aber sie lebten. Und das allein gab ihnen Hoffnung.
Zitternd beendete Kira ihre nächtliche Runde durch die Gehege. Die fünf Monate alten Jungwölfe wuselten verspielt um ihre Beine, ihre jugendliche Energie ein seltsamer Kontrast zur erstarrten Welt. Jenseits des Zauns lag Shadow, eine dunkle, unbewegliche Silhouette im Mondlicht, und ließ sie nicht aus den Augen. Ein leises Schmunzeln huschte über Kiras Gesicht. In den meisten Hütten war das Licht der Kerzen bereits erloschen. Stille.
Sie ging hinüber zu Jackson, der heute Nacht Wache hielt. Er lehnte gähnend am Zaun, als Kira ihm eine dampfende Thermoskanne mit Tee reichte.
„Danke, Jackson. Danke, dass du für mich einspringst“, sagte sie leise, ihre Stimme rau von der Kälte und der Müdigkeit.
Er winkte ab, ein warmes Lächeln in seinem wettergegerbten Gesicht. „Ist schon gut, Kira. Du hast genug um die Ohren. Aber vergiss nicht“, fügte er hinzu und sein Blick wurde ernst, „dir auch Zeit für dich zu nehmen. Für deinen Vater. Sonst gehst du daran kaputt.“
Kira nickte nur stumm. Er hatte recht. Sie bedankte sich noch einmal und ging zu dem kleinen Gebäude, das einst das Büro ihres Vaters gewesen war und nun ihres war. Sie schlief auf dem alten Sofa, umgeben von Listen und Plänen, die ihr halfen, nicht an die Leere zu denken, die ihr Vater hinterlassen hatte. Die Tür ließ sie, wie immer, einen Spalt breit offen. Kaum war sie auf dem Sofa in eine Decke gehüllt, sprang Shadow lautlos herein und legte sich wie ein lebender Schutzwall vor sie. Erschöpft sank Kira in einen traumlosen Schlaf.
Ein Jaulen, scharf und panisch, riss sie aus der Stille. Sekunden später krachte ihre Bürotür gegen die Wand und ein Schrei zerriss die Nacht – ein gellender, markerschütternder Todesschrei, der abrupt abbrach.
Adrenalin schoss ihr durch die Adern. Sie war auf den Beinen, bevor sie wusste, wie ihr geschah. Shadow war bereits ein schwarzer Blitz, der durch die offene Tür nach draußen schoss. Kira folgte ihm, barfuß auf dem eiskalten Boden, das Herz hämmerte ihr gegen die Rippen.
Das erste, was sie sah, war das Blut. Eine dunkle, fast schwarze Lache, die sich auf dem gefrorenen Boden ausbreitete. Ihr Blick folgte der Spur nach oben, zu Jacksons Körper, der verdreht am Zaun lag. Seine Augen waren weit aufgerissen, starr vor einem Schock, den er nie überwinden würde. Ein paar Meter weiter ein Fremder, über den sich Shadow beugte, knurrend und mit blutiger Schnauze. Die Kehle des Mannes war ein zerfetztes Bündel Fleisch.
Alexia war plötzlich neben ihr, eine zitternde Hand auf Kiras Arm. Weitere Türen wurden aufgerissen, verschlafene Gestalten traten in die Kälte, ihre Gesichter bleich im fahlen Mondlicht. Die Welt schien sich in Zeitlupe zu bewegen.
Kira zwang sich zu handeln. Ein scharfer Pfiff schnitt durch die angespannte Stille. Shadow hob den Kopf, zögerte, und trat dann langsam von seiner Beute zurück.
In diesem Moment kam Maria auf sie zugestolpert, das Gesicht eine Fratze aus Panik. „Kira! Der Zaun... er wurde aufgeschnitten! Die Jungwölfe... sie sind weg! Alle weg!“
Diese Worte trafen Kira härter als jeder Faustschlag. Die Jungwölfe. Ihr Erbe. Die Zukunft des Rudels. Gestohlen.
Ihre Trauer gefror zu Eis, das Eis wurde zu Wut. Sie kniete neben dem toten Fremden nieder, ignorierte den Gestank von Blut und Tod. Auf seiner Stirn war ein Buchstabe grob in die Haut geritzt. Ein ‚W‘. Mit schrecklicher Vorahnung schob sie Jackson sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Auch auf seiner Stirn prangte das grausame Zeichen.
„Kira, was tun wir?“, flüsterte Julian, seine Stimme brach.
Kira stand auf, ihr Blick war hart wie Stahl. „Wir holen uns zurück, was uns gehört.“
„Aber wir brauchen einen Plan!“, warf ein anderer ein. „Wir wissen nicht, wie viele es sind!“
„Ein Plan kostet Zeit“, erwiderte Kira, ihre Stimme ließ keinen Widerspruch zu. „Zeit, die wir nicht haben. Ihre Spur wird bis zum Morgen kalt sein.“ Sie sah zu Alexia, und ihre Freundin nickte nur einmal, ein stummes Einverständnis. Sie verstanden sich ohne Worte.
Während die anderen noch in Schockstarre verharrten, gingen die beiden Frauen zu ihren Hütten. Kira tauschte ihre schlichte Kleidung gegen eine robuste Arbeitshose und ihren schweren Ledermantel. Ihre langen Haare flocht sie zu einem festen Zopf, zog sich eine Mütze tief ins Gesicht und band ein Tuch vor ihren Mund. Alexia kam kurz darauf aus ihrer Hütte, ebenfalls bereit, bewaffnet mit Bogen und Köcher.
Als sie gemeinsam zum Tor schritten, sammelten sich die verbliebenen Wölfe um sie, angeführt von Shadow und Sikari. Die anderen aus der Gruppe sahen sie mit einer Mischung aus Angst und Unglauben an.
Kira drehte sich nicht um. „Wir holen sie zurück“, sagte sie in die Stille. „Behaltet die Umgebung im Auge. Lasst die anderen Wölfe nicht raus.“ Ihre Stimme stockte kurz. „Und... begrabt Jackson.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, öffnete sie das Tor einen Spalt breit und schlüpfte mit Alexia und den beiden Leittieren in die feindselige Dunkelheit des Waldes.
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Wolfsmädchen
FanfictionSeit 5 Jahren wandern die Toten auf der Erde, der Mensch hatte sich daran gewöhnt, wie er sich an alles irgendwann gewöhnte. Neben Alexandria und Hiltop gibt es noch eine Gemeinschaft die bisher gut versteckt war, bis sich an einem Tag das Schicksal...
