Kapitel 11 - Matts

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Ich schaue meinem Vater zu, wie er ein Handtuch auf dem Bug ausbreitet, sich dadrauf legt und seine Zeitung aufschlägt. Als ich mich Richtung Heck drehe, sehe ich Jaime von hinten, wie sie sich bereit macht ins Meer zu springen. Ihre orangenen Locken strahlen in der Sonne und ihr wohlgeformter Hintern scheint vom vorherigen Liegen gerötet zu sein. Sie sieht umwerfend aus. Ich könnte mich mehr als nur an diesen Anblick gewöhnen. Ich weiß nicht, wann ich mich seit Hennas Tod so lebendig gefühlt habe.

Ich sehe Jaime ins Wasser springen und folge ihr daraufhin, ohne zu zögern.
„Hey du", grinst sie mich an, als ich mich wieder über der Wasseroberfläche befinde. Ich sage nichts, drehe mich um, um sicherzustellen, dass mein Vater uns von hier aus nicht sehen kann, und küsse sie eindringlich. Mein Kopf ist wie leer gefegt, wenn ihre Lippen meine berühren. Es ist einfach – es passt einfach. Es passt perfekt zusammen als wäre sie mein passendes Puzzleteil.
Komm runter, ihr kennt euch doch erst seit kurzem, in denen ihr nichtmal wirklich Kontakt hattet, versuche ich mich selbst zu überzeugen. Aber egal wie es für andere scheint. Diese paar Wochen reichen. Alleine sie beim schwimmen anzuschauen hatte mir gereicht. Ihre Berührungen reichen. Du reichst mir – nie mehr wieder Liv. Nie mehr wieder diese Ablenkungen. Wovon ablenken? Mit dir fühlt sich das Leben wie Leben an, Jaime. Wie hatte ich es nur so lange geschafft mich von dir fernzuhalten und jetzt bin ich schlussendlich doch noch schwach geworden. Aber wie soll man bei ihr nicht schwach werden, geht es mir durch den Kopf.

Ein ziehender Schmerz unterbricht meinen Gedankenfluss. „Ahh", stöhne ich. Hat sie mich gerade gebissen? Ich fasse hastig an meine Lippe. Blut. Sie hat nicht gebissen, denke ich, während ich mir ein lachen nicht verkneifen kann.

„Es tut mir leid, tut mir so leid", sagt sie, ihre Hände an meinen Wangen mit einem besorgten Gesicht. „Ich habe das einfach noch nicht oft gemacht, weißt du?... Ich werde bestimmt besser", flüstert sie beschämt.

Besser? Wie denn besser?
Ich presse sie gegen das Heck und drücke meine Lippen hart auf ihre. Meine Lippe brennt dabei, aber ich höre nicht auf und versuche jede Sekunde, jede Emotion zu genießen und mitzunehmen. Der Gedanke, dass sie mein Blut in ihrem Mund hat fühlt sich anders an. Es fühlt sich innig an. Als wären wir jetzt umso mehr verbunden.

Wie konnte ich nicht schon ab der ersten Sekunde, als ich sie sah, über sie herfallen? Es fühlt sich an wie verschwendete Zeit. Jede Sekunde meines Lebens die ich nicht mit dir verbracht habe, ist verschwendete Zeit, denke ich, während ich sie anschaue, als müsste sie gerade wissen was für Gedanken ich habe. Ich bekomme das eigenartige Gefühl, dass sie es weiß. Weil sie es selbst so empfindet. Ich streiche ihr Haar hinter ihr Ohr. Sie schaut mich erwartungsvoll an. Aber das reicht erstmal, ziehe ich den Entschluss.

„Lass uns tauchen", sage ich, während ich mich auf das Heck ziehe und zu unserem Gepäck gehe, während sie enttäuscht schaut. Mit nasser Hand greife ich in meinen Rucksack und finde mein Handy, anstatt einer Schwimmbrille. Zweidutzend Nachrichten und 8 verpasste Anrufe von Liv. Schnell lege ich mein Handy zurück in meinen Rucksack und krame zwei Schwimmbrillen heraus.

Der Gedanke, dass ich hier die schönste Zeit meines Lebens mit Jaime habe während Liv geradezu fanatisch an mir hängt, gibt mir Gewissensbisse. Ich versuche den Gedanken an sie zu verdrängen, damit Jaime es nicht bemerkt. Ich bin noch nicht bereit, dass Jaime alles erfährt.

Ich werfe ihr eine zu und sehe, dass sie ihre Arme in der Luft herumwedelt, in Hoffnung die Brille zu fangen. Sie schafft es nicht, greift aber rechtzeitig ins Wasser. Ich sehe wie sie die Schwimmbrille in die Höhe hält. Du kannst also nicht fangen? – denke ich. Ich freue mich schon so verdammt deine restlichen Macken herauszufinden. Wir haben noch so viel übereinander zu lernen.

„Gehst du noch zur Schule?", frage ich sie, als ich mich vom Heck langsam zurück ins Wasser lasse.
„Hmh – es ist mein letztes Schuljahr", erzählt sie uninteressiert. „Was machst du?"
„Ich studiere, ich werde aber meinen Studiengang nächstes Jahr wechseln, vermutlich auch die Universität"
„Zu was?", fragt sie interessiert.
„Biologie"
„Das klingt doch großartig!", ruft sie begeistert.
Ich bin froh, dass sie das sagt.

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