Sirius seufzte. Er wusste nicht, wie Harry das Folgende, was wohl über eine einfache Erklärung des Zaubers hinausgehen würde, aufnehmen würde, rechnete jedoch mit dem schlimmsten. Schließlich hatte er Lilys Temperament geerbt. Dennoch war er seinem Patensohn eine Antwort schuldig. So seufzte er nochmals und machte sich auf das gefasst, was er den Kindern nun offenbaren musste. Dann begann er, zu erzählen.
"Harry, der Tutela ab Occisio schützt Menschen mithilfe des gestaltlichen Patronus' einer anderen Person vor dem Todesfluch." Die Augen des Jüngeren weiteten sich und er öffnete den Mund, doch Sirius redete unbeirrt weiter.
"Ich weiß, was du nun fragen möchtest, Harry. Und ja, deine Eltern sind genauso geschützt wie auch Remus und ich. Wir müssen nichts verändern, es ist alles schon so passiert, wir müssen es nur wiederholen. Leider haben wir damals Peter ebenfalls unter diesen Schutz gestellt, doch das tut jetzt erstmal nichts zur Sache. Wichtig ist, dass ich derjenige bin, der euch allen diesen Schutz beibringen wird. In einigen Wochen werden wir uns im Rahmen der Zusatzstunden damit beschäftigen."
Stille.
Nervös knetete Sirius seine Hände in seinem Schoß, während er auf eine Reaktion wartete.
Schließlich sagte Harry mit rauer Stimme: "Meine Eltern... Warum... warum sind sie dann gestorben, damals an Halloween?" Gerade setzte der Black zur Antwort an, doch Hermine kam ihm zuvor.
"Sie sind nicht gestorben. Es wirkte bloß alles so, doch man kann sie durch den Patronus, durch den sie geschützt wurden, wieder zum Leben erwecken." Harry schluckte und wandte seinen Blick dann zu Sirius um. "Wer hat sie geschützt?" Betrübt blickte Sirius nach unten, sammelte Kraft und sah Harry dann in die braunen Augen, die sonst so strahlend grün waren.
"Ich", sagte er mit fester Stimme.
"Warum hast du sie nicht aufgeweckt, nachdem du von ihrem Tod erfahren hast? Warum hast du zugelassen, dass sie begraben werden? Warum hast du zugelassen, dass ich bei meiner Tante aufwachsen muss, obwohl sie mich hätten großziehen können?" Nun wurde Harry ungehalten.
"Weil ich sie nicht zurückholen konnte."
Eine einzelne Tränen lief über Sirius' Wange, als er sich an die schrecklichste Nacht seines Lebens zurückerinnerte. Und er begann, zu erzählen.
- 31.10.1981 -
Unruhig lief Sirius vor dem Sofa auf und ab. Von den leuchtenden Kürbissen, mit denen Alice den Raum liebevoll dekoriert hatte, nahm er keine Notiz. Stattdessen beschäftigte ihn etwas anderes.
Den ganzen Tag schon wurde er von einem unbehaglichen, beängstigenden Gefühl begleitet. Und immer wieder dachte er an seine besten Freunde, Lily und James. Ob es ihnen gut ging? Hielt Peter dicht?
Schließlich konnte der Schwarzhaarige diese quälenden Gedanken nicht mehr ertragen. Also zog er sich um, schnappte sich seinen Helm und holte sein Motorrad. Ohne jemandem Bescheid zu sagen, fuhr er los, hob ab und sorgte dafür, dass er unsichtbar wurde.
Nach wenigen Minuten Flug landete er vor dem Haus Peters. Das merkwürdige Gefühl wurde stärker, als er keine Lichter brennen sah. Unsicher und voller Sorge klopfte er an die hölzerne Tür.
Nichts passierte. Keine Regung, kein Geräusch. Nur das Geschrei der Kinder, die Halloween feierten, war zu hören.
Nochmals klopfte der Rumtreiber, doch als sich wieder nichts tat, verlor er die Geduld. Er zückte seinen Zauberstab und öffnete die Tür, um das Haus zu betreten.
Kurze Zeit später trat er wieder nach draußen. Peter hatte er nicht gefunden. Hatte Voldemort ihn geholt? Was war nun mit Lily und James? Peter würde unter Folter wohl nicht lange standhalten, bis er die Adresse der beiden verraten würde. Allerdings wirkte nichts in diesem Haus, als habe ein Kampf stattgefunden. Es wirkte eher, als sei Peter geplanterweise nicht zu Hause.
Oder war er gar der Verräter, der den Orden bespitzelte? Es war ihm kaum zuzutrauen, doch möglicherweise war es genau das, was ihn zum perfekten Spion für den dunklen Lord machte.
All das überlegte Sirius, während er erneut durch die Lüfte flog. Es konnte ihm nicht schnell genug gehen, nach Godric's Hollow zu gelangen.
Tief in seinem Herzen wusste er jedoch, er würde zu spät kommen. Doch er wusste auch, dass Harry überleben musste. Schließlich hatte ihm sein älteres Selbst, Professor Star, diese Information gegeben. Genauso war ihm auch klar, dass er Lily und James wieder zum Leben erwecken könnte, sollte Voldemort sie wirklich umgebracht haben. Doch was wäre, wenn alles anders war? Die Angst fraß ihn beinahe auf.
Endlich sah Sirius unter sich die ersten Häuser des kleinen Dorfes aufleuchten. Auch hier wurde Halloween gefeiert. Doch so friedlich die Atmosphäre auch wirkte, der Schein trog. Das wurde ihm bewusst, als er das Haus entdeckte, in welchem sein bester Freund mit seiner Familie lebte. Das Haus, welches Peter hatte schützen sollen. Das Haus, welches nun mit seinem zerstörten Obergeschoss und der sperrangelweit offen stehenden Tür wie ein Mahnmal wirkte, als Sirius mit seinem Motorrad im Garten, den Lily immer so geliebt hatte, landete.
Achtlos ließ er es umfallen. Alles, was nun zählte, waren die Bewohner dieses Hauses.
Doch als der Schwarzhaarige über die Türschwelle trat und sogleich den leblosen Körper seines besten Freundes sah, starb auch das letzte Quäntchen Hoffnung, welches sein Herz noch erhellt hatte.
Er stieß einen markerschütternden Schrei aus und sank weinend neben James auf den kalten Boden. Die braunen Augen, in denen einst so viel Lebensfreude und Schalk gefunkelt hatten, waren nun stumpf und leer.
"Krone", flüsterte er leise und schluchzte herzzerreißend, während er die Hand seines besten Freundes in seine nahm.
Er konnte es nicht fassen und es schien ihn zu zerreißen.
Nach wenigen Minuten jedoch richtete er sich mühsam und mit nassen Wangen auf, nahm seinen Zauberstab und murmelte: "Expecto Patronum."
Doch nichts geschah.
Verzweifelt durchforstete Sirius sein Gedächtnis nach glücklichen Erinnerungen, doch jede hatte etwas mit James zu tun und wurde von der Angst, dass es nicht funktionieren würde, überschattet. Nach einigen gescheiterten Versuchen gab Sirius auf. Er hatte maximal ein Leuchten zustandebringen können, jedoch keinen gestaltlichen Patronus.
"Krone, es tut mir leid. All das hier tut mir leid. Peter... Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, dass er der Spion ist. Aber er muss es gewesen sein, seine Wohnung war verlassen - ohne Kampfspuren. Es tut mir so unsagbar leid. Aber ich werde wiederkommen und euch zurückholen, das verspreche ich dir. Erst sehe ich nach Harry und danach werde ich Peter aufsuchen, damit er sein blaues Wunder erlebt. Und dann komme ich wieder und mein Patronus wird heller strahlen als je zuvor." Mit diesen Worten schloss Sirius James' Augen sanft - den Anblick dieser leblosen Augen hatte er nicht ertragen können - und stand auf, nicht wissend, dass er sein Versprechen in der nächsten Zeit nicht würde einlösen können.
Nachdem er, immer wieder von Schluchzern geschüttelt, die Treppe hinauf stieg und Harrys Kinderzimmer betrat, glaubte er, nicht mehr atmen zu können. Er spürte, wie alles in ihm zerbrach, als er Lily, die mit Abstand intelligenteste, gerechteste, unschuldigste und reinste Person, die er kannte, vor Harrys Bettchen auf dem Boden liegen sah. Auch hier konnte er nicht an sich halten und so flossen die Tränen erneut ununterbrochen über seine Wangen und tropften auf den Boden, der mit hellgrauem Teppich ausgelegt war.
Das einst so freundliche Zimmer war ein Ort des Grauens geworden.
"Merlin, Lily. Warum? Warum?", schrie Sirius und schlug wütend mit der Faust gegen die Wand neben der Tür. Den Schmerz spürte er nicht, er war von innen heraus taub geworden.
Doch ein Weinen ließ ihn innehalten. Er wandte sich um.
Tatsächlich saß Harry in seinem kleinen Bettchen und sah ihn aus seinen großen, unschuldigen, grünen Augen traurig an. Mit einem großen Schritt war Sirius bei seinem Patensohn und hob ihn auf den Arm, um ihm das Blut von der blitzförmigen Wunde an seiner Stirn zu wischen.
"Harry, du lebst", flüsterte er fassungslos, obwohl er es eigentlich gewusst hatte. Und dann fiel sein Blick auf den schwarzen Umhang und den Zauberstab daneben. Sein Blick wanderte hektisch zwischen dem Baby auf seinem Arm und der Kleidung auf dem Boden hin und her. Dann wurde ihm der Zusammenhang bewusst und seine Augen weiteten sich.
Doch noch ehe er etwas tun oder sagen konnte, ertönte plötzlich eine tiefe, raue Stimme hinter ihm.
"Sirius, gib mir Harry."
Augenblicklich drehte sich der Angesprochene herum und seufzte erleichtert, als er Hagrid erkannte. Aber dann runzelte er die Stirn.
"Nein, Hagrid. Lily und James wollten schon immer, dass ich mich um Harry kümmere, falls ihnen etwas zustößt." Doch der Halbriese schüttelte mit dem Kopf.
"Anweisung von Dumbledore. Ich soll ihn mitnehmen", sagte er und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
Einen Moment lang überlegte Sirius, einfach mit seinem Patensohn zu disapparieren, doch er wusste, dass Hogwarts' Schulleiter das nicht gut heißen würde. Also übergab er Harry in Hagrids Arme.
"Bitte sei vorsichtig mit ihm. Nimm mein Motorrad, dann bist du schneller bei Albus. Es steht im Garten."
Hagrid nickte und nachdem Sirius sich liebevoll von dem kleinen Kind verabschiedet hatte, verschwanden die beiden die Treppe hinunter.
Zurück blieb Sirius. Ein gebrochener Mann, der so eben seine komplette Familie, die ihm noch geblieben war, verloren hatte und nicht in der Lage war, diese in die Welt der Lebenden zurückzuholen.
Voller Frust, Verzweiflung und Wut stand ihm der Sinn nur nach einem: Rache.
Also machte er sich auf die Suche nach dem Mann, dem Lily und James ihr Leben und das ihres Sohnes anvertraut hatten. Dem Mann, der sie verraten hatte.
Er fand Peter am nächsten Tag auf einer belebten Straße, doch ehe er etwas sagen konnte, schrie Peter ihn an. Wie durch Watte nahm Sirius wahr, dass sein ehemaliger Freund ihn beschuldigte, Lily und James verraten zu haben und bevor er fähig war, zu reagieren, gab es eine Explosion.
Als sich der Staub legte und Ruhe einkehrte, konnte Sirius Peter nicht mehr entdecken. Einzig und allein ein einsamer Finger lag auf der Straße neben all den blutverschmierten Körpern der Muggel, die die Explosion nicht überlebt hatten.
Und da wusste Sirius, dass Peter sie alle hintergangen hatte. Nicht nur in den letzten Jahren, während er für Voldemort als Spion arbeitete und ihnen gegenüber Loyalität heuchelte, sondern auch in diesem Moment. Er hatte seinen Tod vorgetäuscht.
Sirius Black war der Einzige, der die Wahrheit kannte. Alle Zeugen waren scheinbar tot oder aber auf der dunklen Seite.
Doch er wusste auch, dass er Lily und James wieder erwecken konnte.
Und dann würde Peter seine gerechte Strafe bekommen.
In diesem Moment, als er das realisierte, begann der Schwarzhaarige, lauthals zu lachen. Vor Freude und vor Verzweiflung.
Dann kamen die Auroren und führten ihn ab. Lange 12 Jahre Askaban warteten auf ihn. Keine Chance, seinen besten Freunden das Leben wiederzugeben, keine Chance auf Gerechtigkeit.
Stille.
Während Sirius erzählt hatte, waren seine Wangen erneut feucht geworden und sowohl Hermine als auch Harry konnten sehen, wie nah ihm der Tod seiner besten Freunde noch immer ging.
Nach einer Weile ergriff Harry das Wort.
"Sirius, wenn wir erst wieder in unserer Zeit sind, dann werden wir sie aufwecken. Das Wichtigste ist, dass du keine Angst mehr hast, es nicht zu schaffen. Du konntest uns doch in den Ferien einen Patronus zeigen, also wirst du es auch dann können. Es wird funktionieren", sagte er und lächelte seinen Paten ermutigend an. Auch Hermine stimmte zu und Sirius nickte schließlich ebenfalls.
"Danke", sagte er mit rauer Stimme, stand auf und umarmte beide Kinder. "Danke, dass ihr mir Mut macht, obwohl ich es eigentlich sein müsste, der euch ermutigt." Doch Harry und Hermine lächelten nur.
Für Ersteren waren es großartige Neuigkeiten, dass seine Eltern bald wieder leben würden. Nicht eine Sekunde zweifelte er an der Wirksamkeit des Zaubers.
Und Hermine freute sich einfach sehr für ihren besten Freund.
Während die beiden Jugendlichen müde, aber glücklich in ihre Betten fielen und von einer glücklichen Zukunft träumten, lag Sirius noch lange wach. Sobald er seine Augen schloss, sah er die Stumpfen, Leblosen seines besten Freundes vor sich. Unruhig wälzte er sich hin und her, bis ihm irgendwann schließlich doch noch die Augen zu fielen und er in einen unruhigen Schlaf überging. Dass er wie jede Nacht von Alpträumen gequält wurde und des Öfteren schreiend aufwachte, bekam glücklicherweise durch den Muffliato niemand mit.
Doch Askaban hatte seine Spuren hinterlassen.
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𝑑ᵢₑ ꜱ𝒑Լᵢ𝑡𝑡ₑᵣ 𝑑ₑᵣ 𝑧ₑᵢ𝑡
FanfictionHarry und Hermine haben es geschafft. Sie konnten Sirius vor den Küssen der Dementoren retten und ihn aus seinem Verließ im höchsten Turm Hogwarts' befreien. Dass Hermines Zeitumkehrer dabei in tausende Splitter zersprang, hatte jedoch fatale Folgen...
