16. Kapitel - Henry

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Yilva hatte sichergestellt, dass es uns an nichts fehlte, wenn wir die Nacht über im Palast schliefen und Saphire hatte mir versichert, als sie mich in mein Zimmer gebracht hatte, dass sie sich vergewissert hatte, dass wir nicht frieren würden.

Noch immer loderte ein kleines Feuer in dem Kamin und ich rubbelte meine Haare trocken, während ich die ganzen Kissen vom Bett warf.

Obwohl alles im Palast wie aus einer anderen Zeit wirkte, waren die Gästezimmer das modernste, was diese Welt zu bieten hatte.

Da lediglich wie Hüter hier schliefen, hatte man schon vor geraumer Zeit dafür gesorgt, dass fließendes Wasser vorhanden war und wir jederzeit duschen gehen konnten.

Ich sah zu der Verbindungstür, die in Erins Zimmer führte. Dahinter war es still und ich bezweifelte, dass sie überhaupt schon aus der Bibliothek zurück war.

Noch immer war ich wütend darüber, dass sie mich so angefahren hatte. Ich verstand ja, dass sie es nicht in Ordnung fand, dass ich mit William über sie gesprochen hatte. Und trotzdem sah ich die Schuld nicht nur bei mir.

Wenn, dann war sie zumindest zu 50% mitschuldig. Ich hatte getan, was ich für richtig gehalten hatte. So wie ich es bereits seit Wochen machte.

Ich hatte es für richtig gehalten, niemanden das mit ihren Eltern zu erzählen. Ich hatte es für richtig gehalten, sie auf der Party nicht aus den Augen zu lassen. Es war auch richtig von mir gewesen, sie zu trösten und für sie da zu sein.

Aber bis jetzt hatten mich meine Taten nur immer tiefer in die Scheiße hineingeritten.

Mein bester Freund war sauer auf mich. Mein Dad hasste mich jetzt noch mehr als vorher und wahrscheinlich würde ich wirklich bei der Reise draufgehen, weil ich ihr irgendwie helfen musste.

„Wasser schwindet bei des Feuers Macht..." Das war ein Teil meiner Prophezeiung gewesen. Wenn ich das Wasser war und Erin das Feuer, dann sah meine Zukunft ja ziemlich rosig aus. Nicht.

Hinter der Verbindungstür zu Erins Zimmer waren Geräusche zu hören und dann klopfte jemand leise gegen das Holz.

„Henry? Kann ich reinkommen?"

Ich ging zur Tür und zögerte einen Moment, ehe ich sie doch öffnete und Erin abwartend ansah.

„Ich wollte mich entschuldigen... ich habe dich grundlos angefahren, obwohl du nur das Richtige hast tun wollen und das war falsch von mir", sagte sie und senkte schuldbewusst den Blick.

Ich war überrascht und wusste einen Moment nicht, was ich darauf antworten sollte. Bis jetzt hatte ich selten eine Entschuldigung zu Hören bekommen. Egal von wem.

„Ich kann verstehen, wenn du sauer bist und meine Entschuldigung nicht annehmen willst... tut mir ehrlich leid. Ich war wirklich eine blöde Kuh und..."

„Schon okay", unterbrach ich ihren Redefluss und fuhr mir durchs Haar. Erin hob den Blick und sah mich zögernd an.

„Wirklich? Du bist nicht mehr sauer auf mich?", fragte sie und langsam schüttelte ich den Kopf.

„Nein... ich hätte mich wirklich nicht einmischen sollen und habe die Grenze übertreten", sagte ich und trat einen Schritt zur Seite, sodass sie reinkommen konnte.

Beinahe zögernd betrat sie das Zimmer und wir setzten uns aufs Bett. Müde fuhr ich mir durchs Gesicht und seufzte dann.

„Hast du in der Bibliothek noch irgendwas herausgefunden?", fragte ich und sah sie an.

Da die Sonne längst untergegangen war und lediglich das kleine Feuer im Kamin etwas Licht spendete, konnte ich ihr Gesicht nicht richtig erkennen.

Aber das Nicken nahm ich sofort wahr.

Avaglade - Reise durch Lavandia (Buch 2)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt