Stepptanz

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Izmir war immer noch enttäuscht, dass Herr Mard krank war und er ihm nicht von der merkwürdigen Begegnung auf dem Spielplatz erzählen konnte - nicht von dem schnaufenden Mann natürlich, sondern von dem gesammelten Schatz in der Hecke und dem Schlag, den er gespürt hatte. Er hatte noch den bläulich schimmernden Diamand in seiner Jackentasche, doch für's erste hatte er die Begegnung geheim gehalten. Sein Vater hätte nur rumgebrüllt und wäre mit der Kettensäge losgerannt und seine Mutter hätte wahrscheinlich gelacht und hätte dann völlig zusammenhanglos irgendeine Geschichte erzählt, die ihr an dem Tag passiert wäre. Nein, er wollte erst mit Herr Mard sprechen.
Den ganzen Abend hatte Izmir fieberhaft überlegt, wie er dem GGM-Treffen am nächsten Tag entgehen konnte, zu dem sein Vater ihn zwingen wollte. Beim letzten Mal war es schon ganz lustig gewesen, aber irgendwie seltsam und der Beitrag seines Vaters war ihm etwas peinlich.
Erst am nächsten Morgen kam ihm der rettende Einfall: Die Schulbibliothek hatte auch am Samstag geöffnet!
Gegen Bildung konnten seine Eltern nichts haben und gleichzeitig könnte er dort nach Büchern über die Mitmenschen suchen, um vielleicht zu erfahren, was es mit der Sammlung in der Hecke auf sich hatte!
Beim Frühstück hatte er erklärt, dass er ganz dringend etwas für ein Schulprojekt nachschlagen musste und es in der Bibliothek die richtigen Bücher gab.
"Du weißt schon, dass du einfach im Internet nachschauen kannst?", hatte Kazimir gesagt.
Izmir hatte entrüstet die Arme verschränkt. "Du weißt schon, dass man im Internet auch nicht Artikel zu allem findet?"
"Doch, natürlich!"
Sein Vater war schon fertig mit Essen und stand auf, um den Abwasch vorzunehmen. "Gegen Bildung kann man ja nichts haben. Du kannst auch abends noch zur GGM kommen, zu Kazimirs Gruppe!"
In Kazimirs Blick hatte sich purer Horror gespiegelt. Als sein Vater das Zimmer verließ, hatte Kazimir sich lässig die Haare aus dem Gesicht gestrichen und sich runtergebeugt, um weiter mit seiner Hantel zu trainieren, die er neuerdings überall mit hin nahm. Auch zum Schlafen, vermutete Izmir.
"Hast du Papas Liste mit den Beleidigungen gesehen?", hatte Izmir gefragt.
"Ja. Richtig cringe, oder?"
Ausnahmsweise waren sie mal einer Meinung gewesen.
Nach dem Frühstück hatte Izmir sich schnell fertig gemacht und war zur Schule gegangen. Dort war nicht viel los und er hatte Zeit gehabt, um sich in Ruhe die Bücher anzuschauen. Bei einem Buch über Quantentheorie war er hängengeblieben und hatte so lange abgelenkt gelesen, dass die Bibliothekarin irgendwann gekommen war und ihn zum Gehen aufgefordert hatte. "Hier wollen noch andere Bücher lesen!", hatte sie gesagt.
Er hatte sich umgesehen, niemand war da, aber er hatte keine Lust gehabt, mit ihr zu streiten. Außerdem hatte er sich erinnert, dass er versprochen hatte, Nora vom Steppclub abzuholen und es war schon fast soweit. Schnell hatte er einige Bücher über Mitmenschen aus der allgemeinen Bibliothek und dem abgetrennten Bereich für das Alte Wissen ausgeliehen und war losgerannt.

So saß er nun mit einem Stapel Bücher auf einem Stuhl im Vorraum des Steppclubs. Um ihn herum saßen lauter Omas, die aussahen, als würden sie in Gedanken gerade eine Tischdecke klöppeln und stillende Mütter, die auch warteten.
Wenn Izmir von seinem Buch aufschaute, lächelte eine Omi ihn aus ihrer Klöppelwelt an und so entschloss er sich, nicht mehr aufzuschauen.
Seine Mutter hatte Nora damals beim Steppclub für Mädchen angemeldet, weil das ihrer Meinung nach gut für das Sozialleben von Mädchen war.
Im Steppclub lernten die Kinder Stepptanz, sie stellten Steppdecken her und trainierten auf dem Stepper. Das war ein Fitnessgerät, das ein bisschen wie eine Rolltreppe funktionierte und auf dem man Treppensteigen simulieren konnte. Izmir fragte sich, warum sie nicht einfach eine normale Treppe nehmen konnten, doch was wusste er schon davon? Sie lernten auch viel über die Steppe und im letzten Jahr hatten die Mädchen den Steppenwolf als Theaterstück aufgeführt, in dem viel gesteppt wurde. Izmir hatte das sehr gut gefallen.
Plötzlich ging die Tür auf und die Mädchen kamen aus dem Raum. Nora stiefelte direkt auf ihn zu, riss ihm das Buch aus der Hand und warf es zu Boden. "Boah, du bist voll der Nerd!"
"Ey!" Beleidigt hob er das Buch auf. "Sei doch dankbar, dass ich dich hier abhole!"
"Wenn du so weiter machst wirst du irgendwann noch Physiker oder Arzt oder machst einen anderen komischen Beruf!"
"Arzt ist kein komischer Beruf!", verteidigte Izmir sich. Bei Physikern war er sich tatsächlich nicht sicher, denn er hatte noch nie verstanden, was die eigentlich machten.
Nora zog ihre Steppschuhe aus. "Willst du die Bücher alle lesen?"
"Ja."
"Warum?! Das ist doch langweilig!"
Izmir suchte nach einer schlagfertigen Antwort. "Wissen ist Macht!", sagte er.
Nora verdrehte die Augen.

Izmir und Nora machten sich zusammen auf den Heimweg. Izmir schleppte seine Bücher und Nora hatte lässig ihren Turnbeutel über die Schulter geworfen und lutschte an einem Lutscher. Schon als sie die Gleise vor dem Haus überquerten, hörten sie Frau Schnobrigs Gezeter aus der offenen Haustür.
Nora verdrehte die Augen. "Wetten es ist schon wieder irgendwas mit ihrer Katze?"
Izmir stolperte hinter seiner Schwester über die Türschwelle.
"Sie haben alles durchwühlt!", schluchzte Frau Schnobrig, die auf dem Treppenabsatz saß und schluchzend in ein Taschentuch rotzte.
Izmirs Mutter saß neben ihr und strich ihr tröstend über den Rücken. "Das wird schon alles wieder, machen Sie sich keine Sorgen!"
"Alles haben sie durchwühlt! Sogar die alten Kartons von meinem Peter!", wiederholte Frau Schnobrig.
"Na vielleicht haben sie ja ein paar von seinen Sachen mitgenommen!", schlug Izmirs Mutter hoffnungsvoll vor.
"Äh...wie bitte?", krächzte Frau Schnobrig.
"Was ist passiert?", fragte Izmir über den Bücherstapel hinweg.
Sein Vater trat aus der Wohnung der Nachbarin. "Die Mitmenschen! Sie waren hier!"

"Es waren zwei von ihnen! Zwei Kreaturen!", erzählte Frau Schnobrig, während sie durch ihre Wohnung gingen.
Izmir sah sich staunend zwischen den faserigen Teppichen und alten Gardinen um. Einige von Frau Schnobrigs Antikmöbeln waren beschädigt und der Inhalt ihrer Schränke ergoss sich in die Zimmer und Flure.
"Mein Radio ist auch weg!", rief Frau Schnobrig bestürtzt.
"Wie sahen die beiden aus?"
Izmir setzte sich neugierig auf das alte Canapé und federte auf und ab, während er seinem Vater dabei zusah, wie dieser interessiert hier und dort die Wände abklopfte und mit der Hand die Oberflächen abfuhr. Izmir wusste was er da tat. So testete er auch sein Material.
"Ach ich weiß nicht recht, es ging ja so schnell! Gerade hatte ich meine Zeitung gelesen, da bin ich eingenickt. Und im nächsten Moment brachen diese beiden Kreaturen zum Fenster herein. Ehe ich richtig wach war hatten sie alles durchwühlt und waren wieder verschwunden!"
"Vielleicht waren es ja Menschen.", schlug Izmir vor.
"Nein, nein! Eine Kreatur war ganz groß und dürr, die Arme waren seltsam gebogen, fast schon wie Äste. Und die andere war kleiner und trug seltsame Federn auf dem Kopf, ihr Gesicht war merkwürdig entstellt, ungefähr so:" Und Frau Schnobrig riss den Mund wie zu einem stummen Schrei auf und verdrehte die Augen, bis man nur noch das weiße sah.
Izmir war das unangenehm und er hörte auf, auf dem Canapé herumzuhüpfen.
"Eine Schande ist das, was die Mitmenschen sich mittlerweile erlauben. Alte Damen zu überfallen...diese Rabauken!", versuchte sein Vater sich an seinem Beleidigungsvokabular. "Wir müssen dem ein Ende setzten! Verstehen Sie jetzt, warum die Arbeit der GGM so viel Bedeutung hat?"
"Oh ja, selbstverständlich!", sagte Frau Schnobrig.
Izmirs Vater inspizierte eine Bodenleiste, richtete sich dann auf und fragte: "Benutzen Sie eigentlich alle Räume in dieser Wohnung?"
"Ja...ich wohne ja hier!"
"Aber eigentlich brauchen Sie doch nicht alle Räume, oder?"
Sie suchten noch eine Weile die Wohnung nach Beweisen ab, dass die Mitmenschen hier gewesen waren. Eine Feder, eine Haarsträhne, ein Kleidungsfetzen zum Beispiel. Izmir hatte dabei dummerweise in Frau Schnobrigs Schlafzimmer gesucht und die alte Briefmarkensammlung ihres Mannes umgeworfen, weshalb er die nächste Stunde mit auf dem Boden herumkrabbeln und sortieren verbrachte. Er konnte hören wie seine Eltern schon am Gehen waren, doch neben dem Schrank lagen noch die Sonderdrucke von den olympischen Spielen verteilt. Gerade als er sich bückte, um die letzten Briefmarken vom Boden zu pflücken, entdeckte er aus der Dunkelheit des Kleiderschranks einen funkelnden Schimmer. Er schob einen grauen Anzug beiseite und zu seinem Erstaunen entdeckte er ein paar Münzen und ein kleines Schmuckkettchen, wie er es auch schon in der Hecke am Spielplatz gesehen hatte. "Was..."
Langsam kroch Izmir tiefer in den Schrank und sammelte dabei die Münzen, das Kettchen und noch einen kleinen Anhänger ein. Hatten die Mitmenschen diese Sachen hier verloren? Oder war es ihre Absicht gewesen, hier einen Schatz zu deponieren? Vielleicht machten sie das so, wenn sie jemanden ausgeraubt hatten, aber das ergab doch gar keinen Sinn!
In diesem Moment wurde die Schranktür aufgerissen und Frau Schnobrigs wütendes Gesicht erschien zwischen den Anzügen und Mänteln. Izmir fuhr zusammen.
"Jetzt reicht es aber auch mal wieder! Genug nach Suchen gespurt! Raus jetzt aus meiner Wohnung!"
"Entschuldigung, ich habe nur...", stotterte Izmir und stolperte dabei aus dem Schrank. "Sie meinen wohl nach Spuren suchen..."
"RAUS!" Frau Schnobrig drohte ihm mit dem Kochlöffel und Izmir sprang so schnell er konnte wie in einem Parcour durch die verwüstete Wohnung zur Tür.
"Auf Wiedersehen Frau Schnobrig und kommen Sie doch mal zum Essen zu uns!", schrie er noch in den Flur, bevor er die Tür zu schlug und die Treppe hinaufrannte.

Die Ankunft der MitmenschenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt