Alarm

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"Der Bibliotheksabschnitt für das Alte Wissen ist bis auf weiteres geschlossen!"
"Waaaaas?! Aber das geht doch nicht! Herr Mard würde noch niemals die Bibliothek schließen!"
Frau Krille schob Izmir von ihrer Theke weg. "Junge, komm mir nicht zu nah. Ich hab noch nie gesehen, dass sich jemand so über den Zugang zur Bibliothek aufregt!"
"Aber...", begann Izmir, wurde aber vom Klingeln des Telefons unterbrochen. Frau Krille hob die Hand, um ihn zum Warten aufzufordern und nahm den Hörer ab. "Ja...?", seufzte sie und hörte gedankenverloren mit einem Kugelschreiber spielend zu.
Izmir wippte ungeduldig auf und ab. Eine Lehrerin lief durch den Raum und lächelte ihm zu.
"Ihr Sohn hat Malaria und Streptokokken? Ja, das glaube ich Ihnen total. Geht ja rum zur Zeit, kennt man ja. Ist er wenigstens morgen zur Leistungserhebung da? ...ja...ja...hm..." Frau Krille verdrehte die Augen und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, wobei die Lehne gefährlich knarzte. "Hören Sie, Frau...äh...Sie müssen keine Symptome erfinden. Sagen Sie ihrem Sohn, wenn er nicht bald seinen Hintern hier ins Schulgebäude bewegt, wird er von seinem Klassenlehrer verhauen!"
Izmir hörte aufgeregtes Gezeter aus dem Telefonhörer.
"Nein, das ist nicht respektlos, ich bin nur ehrlich zu Ihnen! Wir wissen doch beide wie es um die Noten Ihres Sohnes steht. Eine sechs im Aktivunterricht, eine sechs in Philophysik und eine sechs in Vortrag und Präsentation! Was sagen Sie? ...Ja, eine fünf in Mathe, das ist wohl sein Lieblingsfach, nicht wahr? ....Nein, ich kann Ihnen nicht sagen, ob sein Notenschnitt es ihm möglich macht Papst zu werden! Sind Sie katholisch? ...Gute Lateinkenntnisse braucht er wahrscheinlich würde ich mal schätzen. ...Nee, das unterrichten wir nicht. Warum? Weil niemand diese Sprache spricht, warum wundert Sie das, haben Sie etwa noch nie das Haus verlassen? ...Ach die Römer, das war doch albern! ...Ihr Sohn kann gerne Brot und Spiele haben, wenn er wieder in die Schule kommt. Ja, ich wünsch Ihnen auch einen schönen Tag!" Sie knallte den Hörer auf die Gabel und wandte sich wieder Izmir zu. "Herr Mard ist immer noch krank und die Bibliothek für das Alte Wissen wurde geschlossen, damit ihr euch auf das Neue Wissen konzentrieren könnt, so wie es der Lehrplan vorgibt! Aber es gibt doch noch mehr als genug Bücher in der Bibliothek für dich zum Lesen!"
"Wann kommt Herr Mard denn zurück?"
"Das wissen wir noch nicht. Vorerst wird Herr Kröger das Amt des Schulleiters übernehmen."
Izmir verzog angewidert das Gesicht.
Frau Krille musterte ihn und lehnte sich verschwörerisch vor. "Ganz unter uns Junge, das sehe ich genauso.", flüsterte sie. Dann setzte sie sich wieder bequem hin und holte eine Nagelfeile aus ihrer Jackentasche.
"Warum fehlt Herr Mard so lange, ist er schlimm krank? Hat er etwa auch Malaria?!"
Frau Krille lachte. "Darüber darf ich keine Auskunft geben."
"Bitteee!", bettelte Izmir.
"Och Junge, du nervst. Geh jetzt in deine Klasse, der Unterricht hat längst begonnen!"

Izmir trollte sich schmollend zu seinem Klassenzimmer. Als er eintrat, hatte Frau Rau bereits Becky aufgerufen, um die heutige These zu ziehen. "Entschuldigung!", sagte er und eilte zu seinem Platz. Frau Rau war zum Glück nicht ganz so streng und tolerierte ein paar Minuten Verspätung, solange es nicht öfter vorkam.
Becky hatte in die Glaskugel gegriffen und faltete den Zettel auf. "Wenn du denkst, dass du denkst, dann denkst du nur.", las sie.
Frau Rau stand auf und nahm ihr den Zettel ab. "Danke Becky! Wenn du denkst, dass du denkst, dann denkst du nur! Nehmt euch einen Moment, um diese These auf euch wirken zu lassen und sie zu verstehen! Dann werden wir fortfahren mit der Diskussion..."
In diesem Moment brach ein ohrenbetäubender Lärm los, ein schriller Alarm, der in den Ohren klingelte und die ganze Klasse in eine kurze Schockstarre versetze.
Frau Rau zuckte zusammen und ließ vor Schreck die These fallen, was die Bändel an ihrer Brille heftig ins Schlackern versetzte. Einige der Mädchen und Marvin fingen an zu heulen. Nur Simon knusperte unbeeindruckt weiter seinen Müsliriegel.
Nach dem ersten Schreck fand Frau Rau ihre Fassung wieder. "Kinder, der Ernstfall tritt ein! Ihr stellt euch jetzt alle in Zweierreihen auf und dann gehen wir ganz ruhig und ohne Hektik ins Erdgeschoss in den Flur!"
'Der Ernstfall!', dachte Izmir und er schauderte. Das hatte sein Vater gesagt, bevor er hinaus in den Giftnebel gegangen war.
"Lasst alles hier und folgt mir!", schrie Frau Rau über die Sirene.
Izmir hielt sich die Ohren zu und folgte neben Lana der Gruppe nach draußen, wo bereits die anderen Klassen in ordentlichen Zweierreihen aus ihren Zimmern kamen. Izmir hatte sich immer gefragt, ob es zum Beispiel im Falle eines Brands wirklich so eine gute Idee war, wenn alle sich erst ewig lang versammelten, um dann langsam in Zweierreihen nach draußen zu latschen und ob man nicht lieber einfach um sein Leben rennen sollte. Doch das hier war kein Feuer. 'Der Ernstfall!', dachte Izmir. Frau Rau bedeutete ihnen, kurz zu warten, bis eine andere Klasse vorbeigezogen war, dann folgten sie der Klasse ins Treppenhaus. Viele Schritte von Kinderfüßen hallten auf den Steintreppen, übertönt durch die ohrenbetäubende Sirene. Das schrille Klingeln hallte in Izmirs Ohren wieder und er hatte das Gefühl, das Geräusch würde einen Graben durch sein Gehirn fräsen.
Im Erdgeschoss herrschte schon ein durcheinander von all den Klassen, die sich hier versammelt hatten. "Wir bleiben zusammen!", schrie Frau Rau sie durch den Lärm an und machte eine Zusammenbleibbewegung, während sie die Klasse in eine Ecke des Flurs scheuchte.
Kurz setzte die Sirene aus und eine angenehme Stille breitete sich aus. Einige der Kinder atmeten erleichtert auf. Izmir nahm langsam die Hände von den Ohren. Dann heulte die Sirene wieder auf, diesmal in kurzen Abständen. Izmir fand es klang ein bisschen wie eine hysterisch kreischende Frau, der alle paar Sekunden auf den Mund geschlagen wurde. Aus dem Augenwinkel war ihm, als würde sein großer Bruder Kazimir vor ihm im Gang stehen und ihn anstarren. Als er hinschaute, hatte Kazimir sich umgedreht und er sah ihn nur noch von hinten weggehend. Manchmal fand Izmir die Art seines Bruders Fürsorge auszudrücken etwas irritierend. Er hatte wahrscheinlich sichergehen wollen, dass Izmir mit hier unten war, wollte aber nicht, dass es jemand bemerkte.
Frau Rau zählte die Klasse durch und befahl ihnen, sich ruhig an die Wand zu setzen.

Die Sirene war verstummt und es war ganz still geworden. Die Kinder saßen sich in Reihen an die Wand gedrängt gegenüber, abwartend, was als nächstes geschah. Nur die Lehrer gingen ab und zu herum.
Izmir hörte Razdan leise rappen. Becky stritt mit Simon darüber, ob sie berechtigt war, etwas von seinem Müsliriegel abzubekommen oder nicht.
Ein dumpfes Grollen wie von einem Gewitter erklang in der Ferne, doch mitten am Tag bei strahlendem Sonnenschein konnte es sich nicht um ein Gewitter handeln.
"Wir werden alle sterben!", schluchzte Lana neben Izmir.
"Sssscccchhh!", machte Frau Rau.
"Nein, wir sterben nicht!", flüsterte Izmir. "Und...selbst wenn...dann sterben wir wenigstens alle zusammen und keiner von uns muss den anderen vermissen!"
Lana warf ihm einen Blick zu. Izmir spürte, dass das nun weniger hilfreich war. Er legte tröstend seinen Kopf auf ihre Schulter.

Sie verharrten mehrere Stunden so auf dem Flur. Am Anfang war die Stimmung sehr angespannt, doch mit der Zeit wurde den Kindern langweilig und sie beschäftigten sich mit Papierflieger falten und sich gegenseitig die Haare flechten. Manche Kinder waren sehr ängstlich und bewegten sich die ganze Zeit über nicht von der Stelle, andere fragten, ob sie draußen Basketball spielen durften, was ihnen natürlich verboten wurde. Zwischendurch kam die Aktivlehrerin vorbei und verteilte Reiscracker. Izmir fühlte sich ein bisschen schlecht, weil sie dem alten Mann im Keller wieder sein Essen wegaßen.
"Izmir! Wach auf!" Izmir schrak hoch und zog sein Gesicht vom Fließenboden ab, wo er kleben geblieben war. Er hatte in einem Buch über Meiose gelesen und musste dabei eingeschlafen sein. Lana kniete vor ihm. "Der Alarm ist vorbei, wir dürfen nach Hause gehen!"
"Oh...endlich!" Izmir rappelte sich auf und sammelte seine Sachen zusammen. Er sah Frau Rau auf dem Gang auf und ab gehen. "Holt eure Sachen aus dem Klassenzimmer und geht dann auf direktem Weg nach Hause! Ich will nicht, dass ihr Umwege geht oder herumtrödelt! Zu Hause seid ihr jetzt am sichersten!"
Izmir bezweifelte das, doch er folgte den anderen, um seinen Rucksack und seine Jacke zu holen. Einer plötzlichen Eingebung folgend rannte er los, um Lana einzuholen. "Lana, du hast doch mal gesagt Herr Mard wohnt bei deinem Vater in der Nähe, oder?"
"Ja." Lana hängte sich ihre Schultasche um und strich sich die Haare zurecht. "Und?"
"Frau Krille hat gesagt, dass er lange nicht wiederkommt. Wenn er so schlimm krank ist, vielleicht sollte dann mal jemand nach ihm sehen!"
Lana schnaubte. "Ich glaub nicht, dass er will, dass jemand nach ihm sieht."
Izmir raffte sein Zeug zusammen und lief ihr hinterher. "Aber, aber...er braucht doch auch mal Unterhaltung...oder was zu Essen!"
"Ich glaub nicht, dass er allein in einem Kellerloch dahinsiecht, Izmir! Der hat doch bestimmt Verwandte, die sich um ihn kümmern. Außerdem kann man auch wenn man krank ist noch einkaufen gehen!"
"Nicht wenn man ganz schlimm krank ist! Lass uns doch einfach jetzt bei ihm vorbeischauen! Wir haben ja noch Zeit heute!"
"Wie kannst du jetzt daran denken, Herr Mard zu besuchen?! Es gab gerade einen Angriff und du sollst nach Hause gehen, deine Familie macht sich bestimmt schon Sorgen! Ich will jedenfalls wissen, wie es meiner Mutter geht und ich muss nach den Fischen schauen!"
"Ja...oke..." Izmir sah ihr nach, wie sie Richtung Schultor eilte. Er sah sich stirnrunzelnd um. "Dann frage ich halt Razdan."

Die Ankunft der MitmenschenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt