Izmir stürmte die Treppen hinauf und stieß oben vor der Tür zum Stockwerk fast mit einem komplett in grünes Krepppapier gehüllten Mann zusammen. "Ey! Pass doch auf!", nuschelte der Mann durch seine Maske und funkelte ihn böse an. Izmir verneigte sich höflich und betrat die Station.
Auf dem Gang wuselten Pfleger und Patienten zwischen den verschiedensten medizinischen Gerätschaften herum. Ein Mädchen mit bandagiertem Hals und zerzaustem Haar fuhr ihm mit ihrem Infusionsständer über den Fuß. Izmir versuchte sich in dem Chaos zu orientieren und musste aus dem Weg springen, als zwei Pfleger einen Patienten im Bett vorbeischoben. Der junge Mann griff im Vorbeifahren nach Izmirs Handgelenk und sein von Schmerzmittel verschleierter Blick traf seinen. "Geh nicht rein, du stirbst!", keuchte er noch, dann fuhr das Bett an Izmir vorrüber und die Hand des jungen Mannes fiel schlaff zur Seite. Aus der offenen Tür eines Zimmers hörte Izmir Geschrei. Wie sollte denn hier jemand gesund werden?
Izmir sah sich um und fand eine Krankenschwester, die gerade für ein paar Sekunden nicht herumrannte und OP-Hemden auf einem Wagen faltete. Erleichtert rannte Izmir zu ihr hinüber.
"Ich suche meine Mutter!"
Die Krankenschwester sah schweigend von den OP-Hemden auf und zog die Augenbrauen hoch. Izmir sah sie erwartungsvoll an. Sie wandte sich wieder den Hemden zu. "Von der Sorte haben wir hier einige. Du kannst dir eine aussuchen.", sagte sie und ging davon.
"Was...?"
Izmir lief den Flur entlang und schaute in die Zimmer. Endlich entdeckte er seine Schwester.
"Nora!", rief Izmir aufgeregt und lief hinein.
Das Zimmer war voll belegt, an jeder Wand lagen drei Patienten. Nora saß am Fußende des hintersten Betts und ließ sich gerade von ihrer Mutter die Haare flechten.
"Mama!", rief er aufgeregt, schnappte sich einen klapprigen Hocker und setzte sich neben das Bett.
"Ach, hallo Izmir! Schaust du auch mal vorbei?" Seine Mutter hatte ein großes Pflaster an der Schläfe und ihr rechtes Auge war so dunkellila geschwollen, dass sie es nicht öffnen konnte. Izmir betrachtete schockert ihre von Blutergüssen überzogenen Arme.
"Bist du schlimm verletzt?", fragte er besorgt.
"Ach was, die paar gebrochenen Rippen und die blauen Flecken, das ist doch gar nichts!" Sie befestigte Noras Zopf mit einer Haarspange. "Und dir gehts gut, Izmir?"
"Äh...ja! Klar! Was machen die da drüben?" Er zeigte auf das Bett gegenüber, wo eine Ärzteschaar den Blick auf den Patienten versperrte und nur Gurgelgeräusche zu hören waren.
Seine Mutter pickte etwas Schorf von ihrer Unterlippe. "Hm. Magenspiegelung glaube ich. Wollten sie bei mir auch schon machen, aber ich hab gesagt ich wäre nicht versichert, da haben sie es sich ganz schnell anders überlegt."
"Neben Mama ist die Wand eingestürzt und auf sie draufallen!", sagte Nora.
"Das ist ja schrecklich! Zum Glück bist du nicht tot!"
Sie verdrehte die Augen. "Ach ja, es war ja nicht meine erste Verschüttung. Ich hab doch gesagt, wenn wieder Krieg kommt wird das langweilig für mich. Das ist alles schonmal passiert, ich finde wirklich sie könnten sich was neues einfallen lassen anstatt immer nur die guten alten Zeiten aufleben zu lassen. Jetzt schaut euch um, es fallen wieder Bomben, dann sind die Krankenhäuser wieder überfüllt, es sterben massenweise Leute und irgendwann wenn alles kaputt ist und ihnen die Munition ausgeht, hören sie auf damit und was haben sie dann davon? Nichts! Nur Schutt und Asche!"
Ein Krankenpfleger kam an ihr Bett und zog eine Spritze hervor, doch sie schlug seine Hand weg. "Gehen Sie weg damit!"
"Aber es wird Ihnen helfen gegen die Schmerzen..."
"Hauen Sie ab!"
Der Krankenpfleger lief eingeschüchtert weg. Izmir sah wie er den Oberarzt anhielt und auf seine Mutter zeigte.
"Bin ich nicht Imstande, diese Schmerzen zu ertragen? Schließlich habe ich drei Kinder geboren und da hat mir niemand Schmerzmittel angeboten. Nein, die Schmerzen der Welt müssen wir Frauen auf uns nehmen!" Sie sank erschöpft zurück auf ihr Kopfkissen und verbarg das Gesicht in den Händen. "Ach, ich werde schon wie euer Vater!"
Nora streichelte tröstend ihr Knie.
"Aber gibt es denn gar nichts Gutes am Krieg?", fragte Izmir.
Sie nahm die Hände vom Gesicht und begann, an ihrer Infusion herumzuschrauben. "Ja, schon. Nach dem Krieg gibt es genug Arbeit. Die Häuser und die Infrastruktur müssen wieder aufgebaut werden. Das ist gut für die Wirtschaft. Dann gibt es endlich wieder einen Sinn im Leben und eine Zukunft."
"Aber vielleicht gewinnen wir den Krieg! Wenn wir nur hart genug kämpfen und die Mitmenschen besiegen! Dann wird alles gut!"
"Niemand gewinnt im Krieg, Junge!" Die Verschlusskappe der Infusion zerbrach zwischen ihren Fingern und die Flüssigkeit lief ihr über die Arme. "Ups."
"Meinst du wirklich, Mama kommt alleine klar?", fragte Izmir, während sie durch die Straßen zur Notunterkunft liefen.
"Klar! Die ist doch erwachsen!", meinte Nora unbekümmert.
"Naja ich dachte nur, vielleicht sollte man sie lieber betäuben oder so..."
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Die Ankunft der Mitmenschen
MaceraIzmir erlebt eine Zeit, in der die Gesetze der Welt sich wandeln das Alte und Neue Wissen sich vermischen.
