Aufbruch

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Gestank trat in Izmirs Bewusstsein und er öffnete die Augen. Er hatte mal ein Buch über einen Typ gelesen, der sechs Wochen in einem leeren Raum isoliert wurde und langsam den Verstand verlor. Doch das hier war anders. Über ihm stand Chief und atmete hechelnd in sein Gesicht.
"Ey lass das!" Izmir schob ihn zur Seite. Der Hund trollte sich und sprang auf Razdans Bett. Er hörte Razdan knurren, doch er war nicht wach zu bekommen. Eigentlich knurrten doch die Hunde und nicht die Besitzer...
"Überraschung!"
Izmir fuhr zusammen. In der Tür stand Lana mit einem Tablett voller Leckereien in den Händen. "Ich hab uns Frühstück gemacht!"
Izmir wollte aus Reflex schon Waschweiberkram antworten wie: 'Aber das wäre doch nicht nötig gewesen!', doch er hielt sich zurück.
Sie setzten sich auf Izmirs Matratze, Razdan hockte oben in seine Decke gewickelt auf dem Bett und sie mampften das Essen in sich hinein. Izmir bestrich sich genüsslich ein Crossaint mit Nutella.
"Ich finde wir sollten wieder nach Hause fahren.", sagte Lana.
"Ja!", stimmte Izmir ihr zu. "Jetzt wo die Mitmenschen weg sind, geht vielleicht der Krieg vorbei. Und wir müssen allen sagen, dass die Mitmenschen uns nichts Böses wollten!"
Lana lachte. "Das werden die bestimmt glauben. Wahrscheinlich wirst du dafür gesteinigt."
"Ach Steinigung, sowas gibt es doch nicht mehr.", sagte Izmir.
"Du hast gesehen, was sie mit Herrn Mard gemacht haben. Die würden bestimmt auch Leute steinigen." Lana tippte Razdan mit ihrem Löffel ans Knie. "Was sagst du dazu, John?"
Razdan kaute seit zehn Minuten an einem Keks. "Hm?"
"Ich glaube er ist immer noch high."
Razdan betrachtete seine Hand. "Nee, ich glaube die Wirkung hat nachgelassen. Ich bin wieder eine Person."
"Erinnerst du dich eigentlich daran, was gestern passiert ist?"
Razdan überlegte. "Wir waren auf einer Mission im Wald und dann wurden wir von Fremden betatscht und Izmir ist einem riesengroßen Furry begegnet...und dann haben wir mit Freds Bus Wild erlegt."
"Das muss die Taube gewesen sein.", sagte Lana.
Sie nickten und waren sich einig. Eine Weile saßen sie schweigend kauend da. Dann fragte Izmir: "Warum hast du ihn gerade John genannt?"
Razdan drehte sich zu Izmir und starrte ihn mit dunklen Ringen unter den Augen an. "Mein Name ist John, Kennung Sierra 117!"

Im oberen Badezimmer hatte Razdans Mutter sich ein Bad eingelassen und so mussten sie das untere Bad benutzen. Razdan und Lana waren zum Zähneputzen hineingegangen und Izmir lief gedankenverloren durchs Wohnzimmer und betrachtete die eigensinnige Dekoration. Draußen schien die Sonne. Es versprach, wieder ein schöner Tag zu werden. Izmir ging zur Terassentür und ging hinaus, um die Aussicht zu genießen. Solche Terassen waren hier in der Gegend wohl beliebt und es erklärte sich von selbst, warum. Er blickte um eine Ecke und sah dort Herrn Mard mit Frau Schlotterbeck, wie sie sich küssten. Warte, was?! Izmir sah genauer hin. "Ach nein, nicht vor den Kindern...", meinte Frau Schlotterbeck, dann ging Izmir wieder rein.

Razdans Vater rührte mit einem metallenen Strohhalm im seinem Getränk herum. Er beugte sich herunter und schlürfte das Getränk langsam in sich hinein. Izmir beobachtete, wie der Flüssigkeitspegel in seinem Glas sich in rhytmischen Zügen senkte. Schließlich war es leer. Schlürf, schlürf, schlürfte Razdans Vater. Er stellte das Glas zurück auf die Tischplatte und betrachtete es, als wollte er versuchen, die eben konsumierte Menge mit seinem Verstand noch einmal zu ermessen.
Izmir betrachtete ihn voller Neugier. "Darf ich Sie mal was fragen?"
Razdans Vater nickte und lächelte freundlich.
"Sind Sie reich?"
Er legte den Kopf zurück und schien Izmirs Frage gründlich zu betrachten, so wie er eben das leere Glas betrachtet hatte. "Was ist für dich reich, Izmir?"
Izmir zuckte mit den Schultern.
"Ist Reichtum nicht, ein Leben zu führen, das einen erfüllt und Menschen um sich zu haben, die einem etwas bedeuten, die den eigenen Reichtum mit einem teilen und umgekehrt?"
"Ach so, ich meinte jetzt eher im finanziellen Sinn."
Er legte lässig den Arm über die Stuhllehne und auf seinem Gesicht breitete sich ein zufriedenes Grinsen aus. "Ja, in dem Fall muss man sagen: Ich bin reich!"
Izmir nickte verständnisvoll. "Haben Sie geerbt?", fragte er. "Eine Tante von mir hat geerbt und ist auch reich geworden, davor musste sie immer aus den Haaren von ihrem Dackel Pullover stricken aber das ist jetzt zum Glück besser geworden."
"Nein, ich habe nicht geerbt. Ich war ein Waisenkind."
"Oh, das tut mir leid."
"Es ist ja nicht deine Schuld." Razdans Vater lächelte ihn an.
"Aber das verstehe ich nicht. Wie konnten Sie so reich werden, wenn Sie nicht geerbt haben?"
"Ich habe viel gearbeitet."
Izmir riss die Augen auf. "Und damit haben Sie so viel Geld verdient?"
"Ja."
Izmir war überrascht.
"Wenn du hart arbeitest, kannst du auch viel verdienen."
"Ich weiß nicht...mein Vater arbeitet den ganzen Tag. Aber richtig was verdienen tut er nicht."
Razdans Vater lächelte. "Dann hat dein Vater wohl den falschen Beruf gewählt."
"Ich glaube schon. Aber irgendwie kann ich mir auch nicht vorstellen wie er etwas anderes macht."
Chief kam bellend ins Wohnzimmer gestürmt und verschreckte die Taube, die aufflatterte und in Izmirs Gesicht donnerte. Izmir fiel kreischend vom Stuhl.

Izmir stolperte ins Schlafzimmer. Herr Mard lag auf dem Bett und schaute auf Frau Schlotterbecks Handy lustige Videos an. Izmir schnappte nach Luft. "Aber - aber - das darf man doch nicht! Wir mussten doch unsere Handys abgeben!"
Frau Schlotterbeck packte gerade die wenigen Sachen ein, die sie mitgebracht hatte. "Glaub nicht, dass wir keine Schlupflöcher gefunden haben. Ich habe zwei Handys. Eins habe ich offiziell abgegeben, das andere ist mein altes Handy und weil niemand weiß, dass ich es noch habe, konnte ich es behalten."
Izmirs Augen weiteten sich. Herr Mard sah kurz vom Bildschirn auf und runzelte die Stirn. "Das ist der älteste Klassenfahrttrick der Welt, Izmir! Dass du den nicht kennst..."
"Darauf wäre ich nie gekommen!"
Herr Mard lachte schallend, doch nicht über Izmir, sondern wegen etwas auf dem Bildschirm. Izmir trat neben ihn und sah, wie eine fette Katze mit einem Karton auf dem Kopf gegen Wände rannte.
Lana kam zur Tür herein. "Leute, Fred ist soweit! Er hat sogar den Ölstand geprüft und die Filter der Klimaanlage sauber gemacht!"
"Cool!" Izmir rannte nach draußen.

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⏰ Letzte Aktualisierung: Jul 07, 2024 ⏰

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