Izmir krallte sich an Razdans Gepäckträger fest, während sie durch die Straßen holperten. Als Razdan angeboten hatte, er könnte auf dem Gepäckträger seines Fahrrads mitfahren, hatte das nach einer super Idee geklungen. Jetzt fürchtete Izmir ein bisschen um sein Leben. Konnte man überhaupt ein bisschen um sein Leben fürchten? War das nicht mehr eine Frage von ganz oder gar nicht?
Razdan fuhr lässig mit einer Hand am Lenker, wodurch sein Fahrrad gefährlich herumschlingerte und sang: "Ich liebe dich mein Bruderherz, egal was war, egal was kommt, egal ich liebe dich für immer! All die Erinnerungen stillen nicht den Schmerz, ich liebe dich mein Bruderherz! Ich sah die Welt nur durch dein Herz, ich bet dafür, dass du es hörst. Dein Lächeln meine Stärke, deine Haltung mein Stolz, nur für dich wein ich heute meine Tränen aus Gold!"
"Schau mal da!" Izmir zeigte auf ein Gebäude, dass zur Hälfte eingestürzt war und von dem Rauch aufstieg. Auf der Straße vor dem Gebäude tummelten sich Einsatzkräfte mit Blaulicht.
"Ah shit!", meinte Razdan. "Die haben wirklich die Stadt bombadiert. Alter das ist ja wie im dritten Weltkrieg, weißt was ich meine?"
Razdan fuhr durch ein Schlagloch und Izmir fiel fast vom Fahrrad. "Es gab noch keinen dritten Weltkrieg."
"Hä doch, das war doch wo Mose die Atombombe geteilt hat und die explodiert ist und den Leuten in Guantanamo die Haut abgeschmolzen ist."
Izmir schnitt eine verstörte Grimasse.
"Und du meinst Herr Mard wohnt hier irgendwo?", fragte Razdan.
"Ja, das Haus da drüben müsste es sein!"
Razdan fuhr an den Straßenrand und Izmir stieg erleichtert ab. Sie liefen zu dem Mietshaus hinüber und studierten die Klingelschilder.
"Hmmm, ich glaub da sind wir falsch. Vielleicht wohnt er im nächsten Haus.", schlug Razdan vor und wandte sich zum gehen.
"Doch hier!", rief Izmir aufgeregt und deutete auf ein Klingelschild. "Hier steht Mard!"
Er drückte auf die Klingel. Nichts geschah.
"Versuch nochmal!", meinte Razdan.
Izmir drückte nochmal und hörte im Haus die Klingel schellen. Doch es passierte wieder nichts.
"Vielleicht ist er zu krank, um zur Tür zu gehen.", sagte Izmir besorgt und versuchte von unten in die Fenster zu spähen.
"Oder vielleicht ist er auf nem Trip von seinen Medikamenten."
"Nee, Herr Mard würde nie Drogen nehmen!"
"Jetzt echt, als meine Oma noch gelebt hat ist das manchmal passiert. Die hatte so Schmerztabletten und das hat die manchmal richtig weggeballert, da hatten wir keine Chance an der Haustür!"
Izmir versuchte, sich am Fensterbrett hochzuziehen, doch es war zu hoch.
"Yo, lass dem Typ doch mal seine Privatsphäre."
Izmir sah sich um. "Kann ich auf deine Schultern steigen?"
"Boah na gut, wenn's sein muss. Aber zieh deine Schuhe aus, sonst verdreckst du meine neue Jacke!"
Izmir streifte seine Schuhe ab und kletterte etwas unbeholfen von Razdans verschränkten Händen zu seinen Schultern hinauf. Razdan ächzte unter dem Gewicht. "Alter, so schwer siehst du gar nich aus!"
Izmir legte die Hände an die Scheibe und spähte nach drinnen. Er sah etwas verspiegelt das Wohnzimmer mit einem vollgestellten Tisch und einer Uhr an der Wand, einem Sofa und noch einem Regal, doch viel konnte er nicht erkennen.
"Und siehst du was?", keuchte Razdan.
"Nicht viel!"
"Ey kuck mal, da ist Lana!"
"Was macht ihr beiden Psychos da?" Lana kam über die Straße auf sie zu.
"Wir stalken Herr Mard!", rief Razdan.
Izmir stieg von Razdans Schultern herunter. "Du bist ja doch gekommen! Wie geht's deiner Mutter?"
"Ich hab zu Hause mit ihr telefoniert, sie muss noch bis später arbeiten. Geht Herr Mard nicht an die Haustür?"
"Nein."
Lana seufzte. "Also wenn ihr euch wirklich so große Sorgen macht, gibt es vielleicht noch einen anderen Weg."
Razdan schüttelte den Kopf. "Izmir macht sich Sorgen."
"Welchen Weg?"
"Durch die Keller. Die Häuser hier sind alle verbunden und mein Vater wohnt im zweiten Haus. Die Keller sind fast nie abgesperrt. Vielleicht kommen wir so in Herr Mards Haus."
Sie folgten Lana zu dem Haus, in dem ihr Vater wohnte. Lana sperrte auf und sie stiegen in den Keller hinunter. Ihr Weg führte vorbei an Waschräumen und Abstellkammern bis zu einer Metalltür in den nächsten Keller. So wiederholte sich ihr Weg ein paar Mal und sie zählten mit, im wievielten Haus sie waren. Im Keller von Herr Mards Haus stiegen sie wieder die Treppe hinauf. Izmir klingelte noch einmal an Herr Mards Tür, doch wieder kam keine Antwort.
Lana holte einen gebogenen Draht aus ihrer Tasche und begann, damit im Schloss zu stochern.
"Was machst du?!", rief Izmir erschrocken.
"Die Tür aufsperren, du Dummi!"
Das Schloss knackte und Lana drückte die Klinke herunter. Die Tür ging auf.
"Boah wie geil, wo hast du das gelernt?", fragte Razdan.
"Familiengeheimnis.", meinte Lana knapp. "Ich kann das aber nur bei alten Türen." Sie klopfte innen gegen den Türrahmen. "Herr Mard?"
Zögernd betraten sie die Wohnung.
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Die Ankunft der Mitmenschen
PertualanganIzmir erlebt eine Zeit, in der die Gesetze der Welt sich wandeln das Alte und Neue Wissen sich vermischen.
